Schauspielabsolventen Der Sprung ins Ensemble

Fast 200 Absolventen verlassen Jahr für Jahr deutschsprachige Schauspielschulen und stellen sich den Theatern vor. Doch das Ende der Schulzeit ist für viele Schauspielerinnen und Schauspieler auch der Beginn des Bangens.

„Lulu. Eine Monstretragödie“, von Frank Wedekind, Jahrgangsinszenierung des 3. Studienjahrs der Otto-Falckenberg-Schule; „Lulu. Eine Monstretragödie“, von Frank Wedekind, Jahrgangsinszenierung des 3. Studienjahrs der Otto-Falckenberg-Schule; | © Franz Meiller Optimistisch war sie immer, Grund dazu hatte sie: Nur an der Otto-Falckenberg-Schule spricht sie vor, gleich wird sie genommen. Die Schauspielschule ist renommiert – wegen der Nähe zu den Münchner Kammerspielen, einem der großen Theater, wegen Absolventen, die erfolgreich den Sprung ins Theaterleben geschafft haben. Es läuft gut für Anika Herbst, nebenbei spielt sie an kleineren und größeren Bühnen. „Das erste Mal habe ich mir bei der Abschlussproduktion Sorgen gemacht. Da war ich nicht in einer großen Rolle besetzt und da fing dann die Furcht an.“ Die Furcht ist begründet. Längst sind Ensembles geschrumpft, längst darf man fragen, ob nicht zu viele Schauspieler ausgebildet werden. Längst müssen sich die Schulen mehr ausdenken, um ihren Schülern gute Einstiegschancen zu sichern.

Sehen und gesehen werden

Erst einmal sieht die Zukunft gut aus: Schulen wollen die Neuen, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben, zeigen, Theater sie sehen. Unter ihnen könnte das große Talent sein, der Glücksfall für das Ensemble. Deshalb gibt es Intendanten-Vorsprechen, Zentrale Vorsprechen, Abschlussproduktionen. Überall schauen Theaterschaffende zu, wenn sich die Absolventen präsentieren. Danach können sie um sie werben, sie zu Vorsprechen einladen. In Stuttgart hat man, um die Chancen der Schüler zu erhöhen, das so genannte Studiosystem eingeführt: Im letzten Studienjahr verteilen sich die Schüler an vier Theater. Dort sind sie als außerordentliche Ensemblemitglieder engagiert, lernen den Spielbetrieb kennen, haben aber den Rückhalt, die Anbindung zur Schule: „Diese Konstruktion hat den Vorteil, dass die Studenten über einen längeren Zeitraum den Alltag erlebt haben, der härter ist, als viele denken“, erklärt Frederik Zeugke, Dozent für Dramaturgie und Theorie des Theaters an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Auch davor sind kleinere Engagements denkbar – diese müssten aber mit dem Stundenplan vereinbar sein.

An Vorteile dieses Systems glaubt auch Sabine Hug von der Künstlervermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Mehr Spielerfahrung, mehr Kontakte: „Wir beobachten, dass Absolventen von Schulen mit Studiosystem deutlich mehr Vorsprechen bekommen als gewöhnlich. Auf der anderen Seite muss man aber auch sehen: Die Plätze, die die Schüler an den Theatern bekommen, sind im ursprünglichen Sinn Anfänger-Stellen, die dadurch wegfallen.“

Kennenlernen, Kontakte knüpfen

Auch Anika Herbst hält Kontakte für entscheidend: „Es ist total wichtig, dass Regisseure von außen an die Schulen kommen oder dass man mal draußen ein Projekt hat. Ich muss die Leute in der Arbeit kennenlernen, kann ja nicht auf eine Premierenfeier gehen und dann mit irgendwem anstoßen.“ Sie ist am Theater Erlangen engagiert, lernt ein kleines Haus kennen. Kein Nachteil, glaubt Jochen Noch, Leiter der Otto-Falckenberg-Schule. Natürlich hielten viele ein Engagement an einem der großen Häuser für den Theateralltag, doch gerade hier hätten Anfänger oft weniger Möglichkeiten zu spielen, verschiedene Rollen zu erarbeiten.

Frei oder gebunden: Worauf die Schule nicht vorbereiten kann

Auf eines kann die Schule aber nur hinweisen: Die Schauspieler müssen die Schwierigkeit kennenlernen, sich an einem Haus zu halten oder an ein neues zu kommen, glaubt Noch: „Ich formuliere während der Ausbildung immer wieder, was der Theateralltag in diesem Land ist, aber das ist wie, wenn Ihnen Ihre Eltern sagen, würdest du mal bitte Hausschuhe anziehen. Das geht ein bisschen hier rein da raus, was der alte Mann da redet.“ Bestätigen kann das Sarah Kempin, die in Stuttgart die Schauspielschule abgeschlossen hat. Zuletzt war sie am Jungen Ensemble Stuttgart fest engagiert, heute spielt sie dort als Gast. Denn sie hat sich entschieden: für das freie Arbeiten, für mehr Zeit für Filmarbeiten jenseits des Theaters und für Berlin, die Stadt, in der sie erst einmal bleiben möchte. „Eine Schule gibt eine sehr gute Basis, kann aber nicht auf alles vorbereiten. Es ist schon hart zu merken, dass es nicht leichter wird, wenn man länger dabei ist. Man kann nicht langfristig planen, muss auch noch mit 30 Mal hier und mal dort hinziehen. Was das wirklich bedeutet, versteht man erst, wenn es soweit ist.“

Die Unsicherheit hört mit dem ersten Engagement nicht auf. Gerade die nächsten Sprünge bereiten oft Probleme, schließlich sind Schauspieler mit Erfahrung teurer. Barbara Dussler steht am Anfang, hat gerade die Otto-Falckenberg-Schule verlassen und hatte Glück: In vier Produktionen stand sie bereits auf der Bühne, zuletzt an den Münchner Kammerspielen. Doch auch sie kann von Ängsten erzählen: Zur kommenden Spielzeit beginnt sie in Wiesbaden, mit einem neuen Intendanten. Ihr Glück kann das Pech eines anderen sein – das weiß sie: „Ich glaube, schwieriger ist das Halten am Haus immer dann, wenn ein Intendantenwechsel kommt. Wer wird übernommen, wer nicht. Ich will mir jetzt in Wiesbaden ehrlich gesagt auch keine Gedanken darüber machen, ob ich jemandem einen Job wegnehme. Wir starten jetzt neu: Das ist für mich ein riesengroßes Geschenk und ich will das einfach gut machen.“ Ein Rezept gegen die Angst gibt es nicht. Sarah Kempin lächelt dennoch: „Man darf das alles nicht persönlich nehmen. Das ist schwer, aber bewahrt vor schlechter Laune.“