Laienspiel Bürger erobern ihre Bühnen

Mannheimer Bürgerbühne: „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ von Janne Teller, Premiere am 5. April 2013
Mannheimer Bürgerbühne: „Nichts. Was im Leben wichtig ist“ von Janne Teller, Premiere am 5. April 2013 | Foto (Ausschnitt): © Christian Kleiner

Eine neue Sparte wächst an deutschen Stadt- und Staatstheatern heran: die Bürgerbühne.

Das Staatsschauspiel Dresden hat dem Trend seinen griffigen Namen verpasst. Dort startete 2009 die Bürgerbühne mit dem Beginn der Intendanz von Wilfried Schulz. Unter Leitung von Miriam Tscholl spielen seitdem im Kleinen Haus des Staatsschauspiels Laien für Laien. Ihre Arbeitsmaxime gilt für alle Bürgerbühnen, ob sie jetzt so heißen oder anders: professionelle Theaterarbeit mit nichtprofessionellen Darstellern. Allein in der ersten Spielzeit zeigten knapp 400 Dresdner Bürger 79 Vorstellungen für 11.600 Zuschauer. Pro Spielzeit entstehen hier fünf Bürgerbühnen-Inszenierungen. Das sind Theaterarbeiten von Laien mit einem professionellen Regieteam, die im Repertoire-Spielplan gezeigt werden. Parallel dazu werden über zehn Klubs angeboten, in denen Laien zu bestimmten Themen mit Mitteln der Darstellenden Kunst arbeiten. In den Klubs geht es eher um die Theaterarbeit an sich, das Ergebnis spielt eine nachrangige Rolle.

Die Bürgerbühne mit ihrem Bekenntnis zur künstlerischen Kraft der Laien ist in Dresden ein voller Erfolg und hat schon zahlreiche Nachahmer an anderen Schauspielhäusern gefunden. Ihre Gründung war der konsequente und mutige Schritt, nachdem sich die Theater zuvor bereits punktuell für Experten des Alltags, also Zeitzeugen, und Laienchöre geöffnet hatte. Mit den Bürgerbühnen erobern die Menschen weit über die Tradition des Laienspiels hinaus die Bühnen der deutschen Theater.

„Führt euch auf“ – Die Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden (Youtube)Kinder- und Jugendbühnen

Kinder- und Jugendbühnen

Die breitesten Erfahrungen auf dem Gebiet haben die sogenannten vierten Sparten der Staats- und Stadttheater, die Kinder- und Jugendbühnen. Seit den 1980er-Jahren können sich Kinder und Jugendliche in Spielklubs an ihrem Theater ausprobieren. Diese Spielklubs arbeiten unter theaterpädagogischer Anleitung eine Spielzeit lang auf eine oder zwei Vorstellungen am Ende der Saison hin. Zum Beispiel gründete die heutige Intendantin des Jugendtheaters Schnawwl in Mannheim, Andrea Gronemeyer, 2002 mit dem Jungen Nationaltheater eine Bürgerbühne für Kinder- und Jugendliche am Nationaltheater Mannheim (NTM). Dort spielten Kinder und Jugendliche in vielen Kursen das ganze Jahr über oder auch intensiv in den Ferien Theater, inhaltlich eng angebunden an das jeweilige Spielzeitthema. Neben der eigenen Arbeit auf der Bühne gehören Vorstellungsbesuche zum jeweiligen Thema zum Programm. Drei Mal entstanden bereits Inszenierungen mit Jugendlichen unter professionellen Bedingungen, die im Repertoire des Schnawwl liefen. Theater spielen und Theater erleben sind die zwei Schwerpunkte des Jungen Nationaltheaters, das mit Gründung der Mannheimer Bürgerbühne am NTM in Junge Bürgerbühne umbenannt wurde.

Seit 2005 treffen sich die Theater spielenden Kinder und Jugendlichen aus Mannheim, Heidelberg und Ludwigshafen auf dem regionalen Festival Junges Theater im Delta. Auf der Veranstaltung, die jährlich im Wechsel in einer der Städte stattfindet, zeigen die jungen Theaterbegeisterten ihr Können und tauschen sich intensiv über Ästhetik und Qualität ihrer Arbeit aus. Bundesweit trifft sich die Szene beim Theatertreffen der Jugend in Berlin und beim wandernden Bundestreffen der Jugendklubs in verschiedenen Häusern.

Barbara Kantel, künstlerische Leiterin des Jungen Schauspiels Düsseldorf, kommt ebenfalls aus dieser Tradition und legt in ihrem Haus gleichermaßen Wert auf das Theater für junges Publikum mit professionellen Darstellern und das Theater, in dem die jungen Menschen selbst spielen. In beiden Bereichen arbeitet sie in unterschiedlichen Formaten, die sich künstlerisch befruchten. Gleichzeitig ist jede partizipatorische Theaterarbeit auch ein Marketingtool: Jeder Zuschauer, der einmal selbst auf der Bühne gearbeitet hat, ist auch ein sinnlich gebildeter Zuschauer.

Tanz

Auch im Tanz gibt es mit der Community-Dance-Bewegung einen Vorläufer der Bürgerbühnen. Das Tanztheater Bielefeld hat zum Beispiel 2007 unter der Leitung von Gregor Zöllig und unterstützt von Community-Dance-Veteran Royston Maldoom ein erstes partizipatives Projekt unter dem Namen Zeitsprung gestartet. Seitdem haben über 1.000 Bielefelder an bisher 15 Projekten teilgenommen. Für diese Tanzabende hat Gregor Zöllig die kompletten Ressourcen für eine Choreografie bereitgestellt. Alle Tänzer seiner Kompanie arbeiten jährlich in der letzten Phase der Spielzeit im Rahmen von Zeitsprung mit Laien. Als Nächstes werden im Juni 2014 anlässlich der 800-Jahr-Feier der Stadt 800 Bielefelder mit Musikern und Tänzern des Theaters Bi-Motion – eine Stadt in Bewegung uraufführen.
„Fangesänge“ (Trailer) – Oper Dortmund (Youtube)

Oper

Auch im Musiktheaterbereich gibt es erste Erfahrungen mit Laiendarstellern, wie zum Beispiel am Opernhaus Dortmund. Für Fangesänge. Fußball-Hymne in zwei Halbzeiten haben Laienchöre mit dem Opernensemble zusammengearbeitet.

Vor allem die pädagogischen Abteilungen der jungen Sparten wie zum Beispiel an der Deutschen Oper Berlin und den Opern in Stuttgart und Mannheim haben erste Erfahrungen mit Bürgern gemacht, die sich gestalterisch beteiligen. Auch die Dresdner Bürgerbühne stellt sich in der Spielzeit 2013/14 zwei Mal der Herausforderung Musiktheater. Die semiprofessionelle Ausbildung der Laienmusiker wird bisweilen kritisch betrachtet, weil sie einen Widerspruch dazu darstellt, dass Laien eigentlich gar nicht ausgebildet sein sollten. Situatives Musizieren wie in Fahrt zur Hölle, einem Jugendprojekt der Jungen Oper Mannheim, kann ein Weg sein, diesen Widerspruch aufzulösen. Der selbst gestellte Anspruch aller im Bereich Bürgerbühne arbeitenden Künstler und Pädagogen ist, dass die Laien als Autoren ihren Anteil am Ergebnis haben.

Die Bürgerbühnen der Erwachsenen bekommen nun ihr eigenes Bürgerbühnenfestival. Im Mai 2014 werden in Dresden 13 herausragende Inszenierungen aus acht Ländern gezeigt. Darunter sind Arbeiten der Regisseure Sebastian Nübling und Kristo Sagor, die seit Langem Theater mit Profis und Laien und für junges wie jung gebliebenes Publikum schaffen.