Theater der Welt 2014 Die Theaterwelt in Mannheim

„X-Firmen“
„X-Firmen“ | © Christian Kleiner

Alle drei Jahre lädt das Festival Theater-, Tanz- und Performancekünstler aus aller Welt in eine andere deutsche Stadt ein. 2014 erkundete der Kurator Matthias Lilienthal gemeinsam mit den eingeladenen Kunstschaffenden die Quadratestadt Mannheim.

Theater der Welt – der Name des Festivals weckt große Erwartungen. Experimentelle, radikale Aufführungen, die unbekannte Arbeitsweisen und Zugänge zeigen, erwartete eine Gruppe Studierender aus Erlangen. Außerdem hofften die jungen Theaterwissenschaftler auf Produktionen aus anderen Kulturkreisen und mit neuen Themen. Vor Ort machte das Camp Lust auf eine weitere Erfahrung: Gemeinschaft erleben, mit Festivalbesuchern aus der ganzen Welt ins Gespräch kommen und sich austauschen. In dem Feldlager, das direkt vor dem Nationaltheater Mannheim aufgebaut war, konnten die Besucher im eigenen Schlafsack und für wenig Geld übernachten.

Camp Camp | © Andreas Donders Matthias Lilienthal, der Kurator der Festivalausgabe 2014, wollte sich nicht auf exotische Themen festlegen lassen und distanzierte sich bereits im Vorfeld davon. Es sei ihm unangenehm, im Ausland als Kurator von Theater der Welt aufzutreten. In einer Performance-Landschaft, die immer stärker in internationalen Kontexten funktioniere, gehe es ihm mehr um das Aufeinandertreffen internationaler Kunstschaffender mit der lokalen Realität der Quadratestadt Mannheim (Anm. d. Red.: Die historische Innenstadt ist als Planstadt in Häuserblöcken angelegt). „Die eigene Realität als fremde Welt“ solle an die Stelle des Unbekannten und Exotischen treten, so Lilienthal. Im Programm des Festivals traf man neben internationalen Größen wie Philippe Quesne und Anna Teresa De Keersmaeker auf Bekannte des Berliner Theaters HAU Hebbel am Ufer, wie Gob Squad und Peaches. Neben den eingeladenen Produktionen standen Neuproduktionen und Arbeiten, wie die Stadtraumprojekte X-Firmen und Hotel Shabbyshabby auf dem Programm.

Eine Nacht neben Schiller – das „Hotel Shabbyshabby”

Hotel Shabbyshabby Hotel Shabbyshabby | © Stefanie Heublein Schon vor dem offiziellen Start des Festivals reisten 120 Studierende aus verschiedenen Ländern Europas nach Mannheim, um für das Projekt Hotel Shabbyshabby an öffentlichen Plätzen der Stadt 22 Hotelzimmerentwürfe zu realisieren. Die Teams hatten die vom Festival ausgeschriebene Live Architecture Competition gewonnen. Unter der Projektleitung von Raumlaborberlin lautete die Aufgabe, einen Ort zu kreieren, an dem man bequem, aber erlebnisreich übernachten könne. Das Budget lag bei maximal 250 Euro, und das Baumaterial musste möglichst recycelt oder gemietet sein. Neben den Festivalgästen waren explizit auch Mannheimer Bürger eingeladen, bei einer Übernachtung in einem der sogenannten Shabbyshabbys einen neuen Blick auf die eigene Stadt zu werfen. Ausgerüstet mit Taschenlampe, Notfall-Telefonnummer und dem Schlüssel für die zugehörige Toilettenkabine suchte man sein Zimmer für die Nacht auf. Teilweise befanden sich diese deutlich erkennbar auf dem Deck eines Parkhauses oder mitten auf einem zentralen Platz der Stadt, zum Beispiel in einer Konstruktion aus ausrangierten Altglas-Containern. Am nächsten Morgen im Schlafanzug aus den Shabbyshabbys kletternd, konnte man sich der überraschten und neugierigen Blicke der Passanten sicher sein.

Mannheimer Arbeitswelten – das Stadtraumprojekt „X-Firmen”

„X-Firmen“ „X-Firmen“ | © Christian Kleiner Einen weiteren lokalen Fokus setzten die drei Stadttouren des Projekts X-Firmen. Sie führten die Teilnehmer in Gruppen von vier Personen durch die Quadrate der Innenstadt, die Industriestraße am Hafen oder ins Gebäude des Software-Herstellers SAP in Walldorf auf unbekannte Wege. Dort fanden sich die Teilnehmenden in unterschiedlichsten, zehnminütigen Situationen wieder. Internationale Künstler entwickelten ihre Sicht auf die Arbeitswelten vor Ort und gestalteten Szenen in Brautmoden-Geschäften, bei Schrotthändlern oder auf dem sogenannten Mannheimer Arbeiterstrich. Auf dem Weg zu dieser Station informierte ein Audio-Beitrag im Auto darüber, was es heißt, auf dem Arbeiterstrich nach Beschäftigung zu suchen. Dort angekommen, sah man zwei Tagelöhner einen Strich auf den Boden malen. Einer zog den Strich, der andere entfernte ihn wieder und das immer im Kreis. Julian Hetzel, der diese Station konzeptioniert hatte, bezahlte den beiden dafür den aktuell diskutierten Mindestlohn.

Studierende aus aller Welt – der Performing Arts Campus

Im Camp vor dem Mannheimer Nationaltheater konnten während des Festivals Studierende und Gäste mit kleinem Budget unterkommen. Eine Besucherin verglich die Konstruktion aus Stahl, Holz und Plastik, die auf zwei Ebenen Platz für Zelte bot, scherzhaft mit den Zeltstädten der Occupy-Bewegung. Mit Freiluft-Wohnzimmer, Badehof und einer winzigen Sauna gab es sogar ein wenig Komfort.

Begegnung war das erklärte Ziel des Performing Arts Campus, zu dem Studierende von verschiedenen Universitäten aus Deutschland, der Schweiz, den USA, Polen und Israel eingeladen waren. Gemeinsam besuchten die angehenden Theaterwissenschaftler, Regisseure, Dramaturgen, Szenografen und Architekten Aufführungen und Rahmenprogramme des Festivals. In Gesprächen und Workshops mit Lehrenden und Theatermachern vor Ort tauschten sie sich über das Gesehene und über eigene Ideen aus.

Während Frie Leysen, Festivalleiterin von 2010, ihr Programm zu Theater der Welt mit dem Schlagwort Perspektivwechsel überschrieben hatte und die Frage nach Verstehen und Missverstehen im Zentrum des Festivals stand, waren es 2014 die internationalen Begegnungen von jungen Theaterinteressierten aus aller Welt in und mit Mannheim, die diese Ausgabe des Festivals besonders machten.
 

Theater der Welt

23. Mai bis 8. Juni 2014 in Mannheim.
Das Festival des Internationalen Theaterinstituts (ITI) fand 2014 zum 13. Mal statt und wurde vom Nationaltheater Mannheim ausgerichtet und durch die Stadt Mannheim, durch die Baden-Württemberg-Stiftung und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.