50 Jahre Internationales Forum Im Theaterschlaraffenland

Die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014
Die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014 | Foto: Piero Chiussi

Das Internationale Forum gilt als eine der wichtigsten Plattformen für junge Bühnenkünstler: Jedes Jahr versammeln sich hier während des Berliner Theatertreffens 36 junge Profis, um die von einer Kritikerjury ausgewählten zehn „bemerkenswertesten Inszenierungen“ der Saison zu sehen, darüber zu diskutieren und in Workshops wertvolle Berufserfahrungen zu sammeln. Jetzt ist die Institution, die seit 2006 von dem Kulturwissenschaftler und Dramaturgen Uwe Gössel geleitet wird, fünfzig Jahre alt geworden und soll künftig unter veränderten Vorzeichen weitergeführt werden.

„Das Forum war für mich eine Art Initiation, die mich mehr mit dem Theater verbunden hat als alles andere, was ich bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hatte“, erinnert sich der Dramaturg und Autor Carl Hegemann, der später unter anderem an der Berliner Volksbühne Karriere machte, an seine Stipendiatenzeit beim Internationalen Forum des Berliner Theatertreffens 1985. „Ich glaube“, resümiert er, „dass das Forum eine der wichtigsten Institutionen in der deutschen Theaterlandschaft ist.“ Tatsächlich dürfte sich kaum ein Branchenkenner finden, der dieser Überzeugung widerspricht. Barrie Kosky, heute Intendant der Komischen Oper Berlin, Rita Thiele, die Chefdramaturgin des Hamburger Schauspielhauses oder der vielfach ausgezeichnete Regisseur und Leiter der Stuttgarter Oper Jossi Wieler: Sie alle sammelten als Berufsanfänger beim Internationalen Forum ähnliche Erfahrungen wie Hegemann.

Geschichte des Internationalen Forums

Die 1965 ins Leben gerufene Weiterbildungsmaßnahme für junge Theaterprofis im Rahmen des Berliner Theatertreffens ist die älteste kontinuierlich arbeitende Institution ihrer Art. Zunächst als Diskussionsplattform für den Bühnennachwuchs der Bundesrepublik Deutschland konzipiert und 1970 auf einen Teilnehmerkreis auch aus Österreich und der Schweiz erweitert, begann sich das Forum ab 1980 durch die Kooperation mit dem Goethe-Institut konsequent zu internationalisieren. Die Stipendiaten kamen nun aus aller Welt. Gleichzeitig verlagerte sich der Fokus zunehmend auf die Arbeitspraxis: Neben den Diskussionen über die zehn zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen wurden Workshops zum wesentlichen Programmbestandteil. Das Stipendium umfasst neben den Reise- und Unterbringungskosten Eintrittskarten für sämtliche Theatertreffen-Inszenierungen sowie ein Tagegeld. Wie rar solche Fördermaßnahmen in der internationalen Theaterlandschaft gesät sind, verdeutlichen die Worte Jossi Wielers, der 1981 zu den Stipendiaten gehörte: „Das Unglaublichste für mich war die Tatsache, dass man weder für die Reise zu noch für den Aufenthalt in diesem Theaterschlaraffenland etwas bezahlen musste. Im Gegenteil: Man hat dafür sogar noch ein Taschengeld erhalten!“
 
  • Uwe Gössel, Leiter des Internationalen Forums 2006-2014 Foto: Piero Chiussi/Agentur StandArt
    Uwe Gössel, Leiter des Internationalen Forums 2006-2014
  • Uwe Gössel (vorne Mitte), Christoph Leibold, Mitglied der Jury des Berliner Theatertreffens 2014 (rechts vorne) und die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums; Foto: Piero Chiussi/Agentur StandArt
    Uwe Gössel (vorne Mitte), Christoph Leibold, Mitglied der Jury des Berliner Theatertreffens 2014 (rechts vorne), und die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums;
  • Die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014 Foto: Piero Chiussi/Agentur StandArt
    Die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014
  • Die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014 Foto: Piero Chiussi/Agentur StandArt
    Die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014
  • Vier Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014 Foto: Piero Chiussi/Agentur StandArt
    Vier Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014
  • Die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014 Foto: Piero Chiussi/Agentur StandArt
    Die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014
  • Christoph Leibold, Mitglied der Jury des Berliner Theatertreffens 2014 und Uwe Gössel, Leiter des 50. Internationalen Forums 2006-2014; Foto: Piero Chiussi/Agentur StandArt
    Christoph Leibold, Mitglied der Jury des Berliner Theatertreffens 2014, und Uwe Gössel, Leiter des 50. Internationalen Forums 2006-2014;
  • Die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014 Foto: Piero Chiussi/Agentur StandArt
    Die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014
  • Die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014 Foto: Piero Chiussi/Agentur StandArt
    Die Stipendiaten des 50. Internationalen Forums 2014
  • Die Broschüre zu 50 Jahre Internationales Forum Foto: Piero Chiussi/Agentur StandArt
    Die Broschüre zu 50 Jahre Internationales Forum

Neuerungen unter Uwe Gössels Leitung

Natürlich hat sich dieses Theaterschlaraffenland in seiner nunmehr 50-jährigen Geschichte – parallel zu den sich wandelnden Theater-Bedingungen – immer wieder verändert. Wichtige Modernisierungen kamen beispielsweise im Jahr 2006, als Uwe Gössel die Leitung von Manfred Linke übernahm, der dem Internationalen Forum seit 1967 vorgestanden hatte. „Uwe Gössel hat nicht nur als Dramaturg immer wieder sinnvolle Neuerungen ins Forum eingebracht“, sagt die Leiterin des Berliner Theatertreffens, Yvonne Büdenhölzer, „zudem ist das Forum unter seiner Leitung einem veränderten Theaterbetrieb gerecht geworden, indem zum Beispiel auch freischaffende Künstler, also keine festen Bühnenangehörigen, eingeladen werden.“ Eine weitere wichtige Neuerung unter Gössel, der 2001 als junger Dramaturg des Rostocker Theaters selbst am Internationalen Forum teilgenommen hatte, bestand darin, generell nur eigenverantwortliche Künstler einzuladen, keine Assistenten. Denn während etwa der Regieassistent im Konjunktiv lebe, so Gössel, ziele sein Programm dezidiert auf Praktiker ab, die persönlich verantworten müssen, was sie verhandeln.

Drei Programm-Säulen

Gössels Forums-Programm ruht auf drei thematischen Säulen: „Die erste besteht aus den Inhalten, die über das Theatertreffen und die Jury-Auswahl hereinschwappen, die zweite aus den Themen, die die Forumsteilnehmer selbst mitbringen“ – und die von unmittelbar arbeitspraktischen Fragen bis zu ästhetischen Debatten reichen können. Die dritte Säule wiederum „sind die Themen und Diskurse, die jeweils akut unter den Nägeln brennen“. Jedes Jahr beobachtet Gössel neue Entwicklungstendenzen im Theatergeschehen – 2010 etwa den Hang zum dokumentarischen Arbeiten oder 2011 eine verstärkte Auseinandersetzung mit Körper und Raum – und gießt sie in ein Arbeitsmotto, unter dem dann parallel bis zu vier verschiedene Workshops unter der Leitung renommierter Theatermacher stattfinden.

Die Qualitäten des Internationalen Forums

Gössel versteht das Forum dabei als geschützten „utopischen Raum, in dem man experimentieren und auch mal Irrwege gehen kann, ohne von den Marktbedingungen der Wirklichkeit abgelenkt zu werden.“ In dem man also frei von Konkurrenz, Produktions- und Verwertbarkeitsdruck miteinander arbeiten und diskutieren kann, weil am Ende nicht eine fertige, präsentierbare künstlerische Arbeit stehen muss. Dafür entstehen im Resultat nicht nur wertvolle weltweite Arbeitskollektive und Netzwerke, sondern junge Künstler werden auch nachhaltig ermutigt. Gössel erzählt zum Beispiel von dem japanischen Regisseur Akira Takayama, der für seinen dokumentarischen Zugang „in Tokio lange Zeit zum Teil sehr negativer Kritik ausgesetzt“ war. „Was in dessen Kopf vorging, als er 2004 zum Internationalen Forum kam, Rimini Protokoll kennenlernte und feststellte, dass die im Prinzip ganz ähnlich arbeiten, war unglaublich“, sagt Gössel: Takayama sei mit einem „Rückenwind“ zurück in die Heimat gereist, der ihn inzwischen bis zu den Wiener Festwochen trug.

Neuerungen ab 2015

Jetzt, nach fünfzig Jahren, soll das Forum erneut ein Stück weit reformiert und vor allem noch stärker mit dem eigentlichen Herzstück des Theatertreffens verknüpft werden: der Auswahl der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen einer Saison aus Deutschland, Österreich und der Schweiz durch eine professionelle Kritiker-Jury. Die Maßnahme betrifft allerdings nicht allein das Internationale Forum, sondern generell alle Programmsegmente des Theatertreffens, die sich über die Zeit – wie etwa auch der Stückemarkt – tatsächlich fast zu eigenständigen Unterfestivals mit separaten Mottos, Leiterinnen und Leitern sowie Themenschwerpunkten entwickelt hatten. „Das ist organisch so gewachsen“, erklärt Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer, „entspricht aber nicht der Idee eines Festivals, wie ich es nach 50 Jahren sehe und weiter entwickeln möchte. Hinzu kommt, dass die Budgets leider auch nicht größer werden und wir sehen müssen, wie wir unsere Ideen umsetzen können.“

Schwerpunkt Zehner-Auswahl

Ab dem Theatertreffen 2015 soll es daher an Büdenhölzers Seite einen Dramaturgen beziehungsweise eine Dramaturgin geben, der/die diese einzelnen Programm-Formate konzeptionell zusammenführt und die inhaltliche Gesamtverantwortung trägt – wobei als übergeordneter Schwerpunkt eben die Zehner-Auswahl der Kritiker-Jury fungiert. Für das Internationale Forum bedeutet dies, dass sich die Workshops und Diskussionspunkte thematisch stärker aus dieser Auswahl herleiten und auch strukturell deutlicher ins Camp-Programm – das neue begleitende Debatten-Forum des Theatertreffens – integriert sein werden. Zudem möchte Büdenhölzer das Potenzial der Teilnehmer „stärker in die Öffentlichkeit stellen“, beispielsweise „durch den Einbau von ihnen entwickelter Performances ins Camp.“ Gemeint ist das weniger als drakonische Verpflichtung denn vielmehr als Angebot.