Treffen der Schauspielstudenten Seht uns an!

Anne Kubatzki vom Wiener Max Reihardt Seminar, Darstellerin der Titelrolle in „Maggie T.“
Anne Kubatzki vom Wiener Max Reihardt Seminar, Darstellerin der Titelrolle in „Maggie T.“ | Foto: Bernd Uhlig

Seit 1990, seit einem Vierteljahrhundert also, treffen sich einmal im Jahr 17 Schauspielschulen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, um sich zu zeigen, um sich auszutauschen, um voneinander zu lernen.

Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung, eröffnete das 25. Theatertreffen deutschsprachiger Schauspielstudierender, das von ihrem Ministerium finanziert wird. Die Theaterakademie Konrad Ekhof in Hamburg verantwortet und organisiert das Treffen jedes Jahr an einem anderen Ort. Langjährige Leiterin ist Marina Busse, Professorin an der Essener Folkwangschule. Kein Treffen ist es, sondern ein Festival, ein Kulturtrubel, ein heftiger Austausch über das Theater und vor allem über die unlösbaren Fragen: Wie spielt man Theater? Was kann, was will man mit Theater sagen?

Rasanter Querschnitt

Jeden Abend werden drei Stücke gezeigt, jeweils limitiert auf eine Stunde – stark gekürzte Fassungen einer Aufführung der letzten Jahrgänge. Ein Appetithäppchen, das keineswegs repräsentativ für die Schulen sein muss. Aber für die Studierenden und Dozenten bietet sich eine einzigartige Möglichkeit, sich der eigenen Arbeit bewusst zu werden. Jedes Jahr richtet eine andere Schauspielschule das Treffen aus. 2013 fand es in Berlin statt, 2014 war es in München, 2015 wird es in Bochum sein.

Zum Glück war in der Münchner Otto-Falckenberg-Schule nicht genug Platz, so dass man ausweichen musste. Denn der schließlich gefundene Veranstaltungsort, das idyllisch gelegene Muffatwerk, hätte nicht atmosphärischer sein können. Das Muffatwerk ist ein denkmalgeschütztes Ensemble, mit großem Biergarten, einem Café, einem Club und der Muffathalle für die größeren Auftritte – ein Kulturzentrum im Grünen mitten in der Stadt, nahe der Isar.

Verschiedene Stücke, verschiedene Regisseure, verschiedene Studenten, viele Variablen – ein Vergleich ist unmöglich. Trotzdem werden Preise vergeben, das verleiht dem Treffen zusätzlich Reiz und Spannung. Die Summen sind beachtlich: 20.000 Euro vom deutschen Bildungsministerium, 10.000 Euro vom österreichischen Pendant. Auch die Studierenden können einen Preis in Höhe von 1.000 Euro vergeben, seit 2001 gestiftet von Regine Lutz, Schauspielerin und Honorarprofessorin an der Hochschule für Musik und Theater München, ab 2014 weitergeführt von Gerd Wameling, Schauspieler und Professor für Szene an der Berliner Universität der Künste.

Vielfalt und Stilgemisch

2014 gab es keinen William Shakespeare, keinen Anton Tschechow, sondern vor allem jüngere Autoren wie Rainer Werner Fassbinder, Heiner Müller und Peter Handke, außerdem Maxim Gorki und Franz Wedekind. Verblüffend war dabei: Bereits das Lebensgefühl von Fassbinder ist den jungen Spielern fremd und auch die mäandernde, rückwärtsgewandte Kapitalismuskritik von Nis-Momme Stockmann, Tod und Wiederauferstehung meiner Eltern in mir gab ihnen Rätsel auf.

Auf der Bühne herrschte stilistische Vielfalt und das konnte überzeugen: vom Sprechchor über Karikatur bis zu psychologischer Figurenzeichnung, zu Fantasie- und zu Traumfiguren – ein weites Anschauungsspektrum, nicht nur für die Studierenden. Regisseure und Spieler setzten Texte und Figuren in eine nicht näher zu bestimmende Zeit. Das war selten zum Nachteil: Ob gestern, heute oder morgen, sie spielten jetzt, sie spielten auf einer Bühne. Manchmal wurde es etwas laut, manchmal waren die heruntergekürzten Stücke nicht ganz verständlich, doch überwiegend war das Zuschauen ein Vergnügen: wie viele Begabungen! Natürlich hatten die jeweiligen Regisseure großen Einfluss. Das waren sowohl Regieanfänger, wie auch erfahrene Dozenten bis hin zu einer fremdsprachigen Regisseurin ohne Deutsch- oder Englischkenntnisse. Die Jury war fein austariert mit dem Schauspieler Peter Danzeisen, der Schauspielerin Cigdem Teke, der Dramaturgin Andrea Koschwitz, dem Regisseur Alexander Schröder und dem experimentellen Theatermacher Boris Nikitin.

Die künftigen Schauspieler sahen genau hin, gingen fair miteinander um, genossen die einzigartige Chance, sich zuzusehen und danach diskutieren zu können. Die Studierenden forderten eine Haltung ein. Sie wollten eine Beziehung zwischen den Figuren sehen, eine Begegnung, die etwas verändert. Die Nach-Gespräche untereinander fanden ohne Dozenten und Publikum statt. Nur ich als Dokumentaristin durfte dabei sein. Diese Gespräche zeigten: Wenn die Zuschauer Unbehagen spürten, war das bei den Spielenden genauso. Sie waren selbstkritisch, kritisch gegenüber den Texten, kritisch gegenüber den Regisseuren. Was will man mehr?

Wenn es einen Trend bei diesem Theatertreffen gab, dann den zum Ensemblespiel. Nie spielte sich ein Schauspieler, eine Schauspielerin nach vorn. Das Ensemble, das Team spielte die Hauptrolle. Mit einer Ausnahme: Anne Kubatzki vom Wiener Max Reihardt Seminar, die Darstellerin der Titelrolle in Maggie T., zeigte ein so überwältigendes Talent, so viel überschäumende Spielfreude, das musste ein Solopreis würdigen, zusätzlich zum Ensemblepreis für das Ensemble und zum Preis der Studierenden.