Politik im Freien Theater Freiheit

Das Festival Politik im Freien Theater gastiert alle drei Jahre in wechselnden Städten. Vom 13. bis zum 23. November 2014 findet es in Freiburg statt.

„Dschingis Khan“, Monster Truck & Theater Thikwa „Dschingis Khan“, Monster Truck & Theater Thikwa | Foto: Ramona Zühlke In dem kurzen Zeitraum, in dem acht Jurorinnen und Juroren für das Festival Politik im Freien Theater nach einzuladenden Produktionen forschten, war Freiheit gerade an den Rändern Europas ein umkämpftes Gut – und gewiss auch Auslegungssache. In der Ukraine wurde im Namen der Freiheit die Regierung gestürzt und von Russland die Krim annektiert. Vom Nordirak bis nach Syrien breitete sich mit unheimlicher Brutalität der Islamische Staat aus, der vor allem eines zu sein scheint: ein radikaler Gegenentwurf zu den liberalen Gesellschaften des Westens. Doch auch in Europa selbst, das zeigte der Stimmenzuwachs für Rechtspopulisten bei mehreren Wahlen, geraten die liberalen Kräfte in Bedrängnis. Warum ist es wieder attraktiv, Freiheit aufs Spiel zu setzen?

Mit dem Thema „Freiheit“ hatte sich Freiburg – genauer gesagt: dessen freie Theater Marienbad und E-Werk sowie das städtische Theater – erfolgreich um die Gastgeberrolle bei Politik im Freien Theater (PiFT) beworben. Damit geht das von der Bundeszentrale für politische Bildung initiierte Festival zum dritten Mal eine Kooperation auch mit einem Stadttheater ein – angesichts wachsender Überschneidungen von etablierter und freier Szene eine vertretbare Entscheidung, die zudem mehr Zuschauer erreicht als ein reines Off-Festival. Allerdings erfordern größere Bühnen größere Produktionen, die die traditionelle deutschsprachige Szene oft gar nicht liefert. Also hat sich PiFT auch den üblichen überregionalen internationaler gewordenen Festivalprofilen deutlich angeglichen.

Freiheit wofür?

Doch zurück zur Freiheit – die sich keine der 15 eingeladenen Produktionen ausdrücklich selber zum Thema gemacht hat. Dennoch erhellt jede Inszenierung kritisch eine Facette des Begriffs, der insbesondere in der westlichen Tradition vor allem als Freiheit zu etwas verstanden wird – im Gegensatz etwa zur Freiheit von Bedürfnissen, Trieben und Emotionen: Freiheit zur Ausbildung und zum Praktizieren einer eigenen kulturellen, sexuellen und religiösen Identität, die Freiheit, für sich selbst Entscheidungen zu treffen, etwa in Hinblick auf Bildung und Arbeit, Mobilität und Konsum sowie Teilhabe an politischen Prozessen.

Von dieser Freiheit können manche nur träumen. Die moldawisch-deutsche Koproduktion Dear Moldova, can we just kiss a little bit? von Nicoleta Esinencu und Jessica Glause lässt beispielsweise Homosexuelle und ihre Angehörigen vom Leben in einer homophoben Gesellschaft erzählen, und Bela Pinters geradezu klassisches Drama Our Secrets erzählt von der staatssicherheitlich durchsetzten und erpressten ungarischen Gesellschaft der 1980er-Jahre – und weist darauf hin, was in den letzten Jahrzehnten die Mentalität der Ungarn geprägt hat.

Die europäische Agentur Frontex versucht vor den Küsten Europas Flüchtlinge aus dem Süden abzuwehren, die sich auf die Suche nach einem besseren, freieren Leben gemacht haben. In Hans-Werner Kroesingers Doku-Collage FRONTex SECURITY lassen sich fünf Performer die Rhethorik der Wohlstandsbewahrer auf den Zungen zergehen. Auch die Stimmen, die der französische Choreograf Rachid Ouramdane in sein düster-ästhetisierendes Tanzstück Sfumato einspielen lässt, gehören Flüchtlingen, die von Stürmen, Hochwasser und Tsunamis zum Neuanfang gezwungen wurden. 
Doch selbst dort, wo die Freiheit grundrechtlich verankert ist, bleibt sie in Teilen utopisch. Der niederländische Performancekünstler Dries Verhoeven kratzt mit seinen im Stadtraum in Vitrinen ausgestellten Tabubrüchen Ceci n’est pas noch einmal am Mythos der Toleranz einer Gesellschaft der Vielfalt, während die Performancegruppe Monster Truck und das Berliner Theater Thikwa in Dschingis Khan mit der Erwartung des Publikums spielen, geistig behinderte Darsteller könnten auf der Bühne nichts anderes überzeugend darstellen als sich selbst.

Freiheit wovon?

In Rimini Protokolls bereits bei den Mülheimer Theatertagen 2014 preisgekrönter Qualitätskontrolle stellt die nach einem Unfall vom Hals bis zu den Fußspitzen gelähmte Maria-Cristina Hallwachs sich und ihr Leben vor, das rund um die Uhr auf kostspielige medizinische Apparaturen und pflegerische Hilfe angewiesen ist. Diesen paradoxen Zustand von vermeintlich maximaler Unfreiheit und gleichzeitigem Luxus stellen Helgard Haug und Daniel Wetzel mit Hallwachs zur Disposition: Ab wann ist das Leben nicht mehr lebenswert? Gibt es da auch eine ökonomische Verhältnismäßigkeit? Wer entscheidet überhaupt über den Wert welchen Lebens?

Auch die junge Regisseurin Corinne Maier und der Regisseur Milo Rau, beide aus der bei PiFT 2014 stark vertretenen Schweiz, wählen biografische Perspektiven, um umfassenderen Phänomenen auf die Spur zu kommen. Maier lässt in Past is Present die Performerin Anne Haug den in Berlin lebenden Dokumentarfilmer Shaheen Dill-Riaz bei der Aufrechterhaltung seines globalen Patchwork-Familienlebens beobachten: in Filmaufnahmen vom Besuch bei den Eltern in Bangladesh, beim Skypen mit Sohn und Exfrau in Warschau und mit seinen Geschwistern in Sidney und New Jersey. Jede Freiheit hat ihren Preis, Shaheen und seine Geschwister haben für ihre Selbstverwirklichung den Familienfrieden geopfert. Und auch im Westen Europas, zeigt Milo Rau durch die persönlichen Erzählungen seiner vier bürgerlichen Schauspieler in der Psychoseance The Civil Wars, ist Freiheit nur ein dünner Firnis, der sehr schnell reißen kann und zur Entscheidung gegen sie führen kann.

Freiheit, das kann man bei PiFT 2014 deutlich sehen, ist eine Kippfigur. Fast überall, wo sie Gewinne verzeichnet, entstehen auch Kosten. Das (freie) Theater tendiert freilich dazu, sich auf letztere zu konzentrieren. Chris Kondek und Christiane Kühl etwa nehmen die NSA-Skandale der letzten Zeit performativ ins Visier: Nach Anonymous P. wird kein Zuschauer mehr glauben, dass sein Handy unhackbar sei. Der Performer Martin Schick erprobt in Not my piece diverse postkapitalistisch genannte Techniken des Teilens und Tauschens, um aufs Unterhaltsamste klarzumachen, dass dabei die Ausbeutungsverhältnisse die gleichen bleiben. Sylvi Kretzschmar lässt mit ihrer Toncollage Esso Häuser Echo ein minimalistisches Requiem auf die Gentrifizierung Hamburg-St. Paulis sprechsingen, und Sebastian Nübling inszeniert mit dem Jungen Theater Basel verspielt und doch tiefernst Simon Stephens Morning, ein Stück über radikale Einsamkeit, die gerade in Freiheit schwer auszuhalten ist.

Gut, dass wenigstens Doris Uhlichs nackte Fleischschüttler in more than naked  und Gintersdorfer/Klaßens Chefferie für die Dauer der Performances glückliche Kollektive formen – komplett frei, und sei es nur von Kleidern oder postkolonialen Zuschreibungen.