Inszenierungen übersetzen Sprachtransfer auf der Bühne

„Elementarteilchen“ von Julien Gosselin bei Foreign Affairs/Berlin 2014
„Elementarteilchen“ von Julien Gosselin bei Foreign Affairs/Berlin 2014 | Foto (Ausschnitt): © Foreign Affairs

Inszenierungen auf Gastspiel im Ausland: Man kann sie übertiteln, dolmetschen oder mit Hilfe von Synopsen erklären. Welche Form die richtige ist, bestimmt die Inszenierung selbst.

Thomas Ostermeier, der Intendant der Berliner Schaubühne, ist in Frankreich ein Star, seine Inszenierungen werden im ganzen Land gezeigt und sind dort ebenso ausverkauft wie die Inszenierungen des Schweizer Theatervagabunden Christoph Marthaler. Die Inszenierungen werden – auch auf sprachlicher Ebene – in die andere Kultur übertragen. Dazu können sie übertitelt, gedolmetscht oder mit Hilfe von Synopsen erklärt werden. Welche Form die richtige ist, hängt von vielen theatralen Faktoren ab: vom Bühnenbild, ob viel improvisiert wird, ob es sich um ein klassisches Drama handelt, das im kulturellen Gedächtnis des Zielpublikums verankert ist, ob viel gesprochen wird oder ob es sich um eine eher visuelle Inszenierung handelt.

Theater müsse im Moment des Erlebens immer eine emotionale Brücke bauen, sagt Roberto Ciulli, die sprachliche Übertragung muss für ihn auch immer eine sinnliche Brücke sein. Lädt sein Theater an der Ruhr in Mülheim ein Stück aus einem andern Kulturkreis ein, tritt er vor sein Publikum und erzählt, was das Stück ausmacht, was man an kulturellen Eigenheiten wissen muss und ermuntert das Publikum dann zur Lust am Nichtverstehen.

Die französische Regisseurin Ariane Mnouchkine findet, man solle dem Publikum das Verstehen nicht versagen, denn dann versage man ihnen auch die emotionale Berührtheit. Ihr Ansatz beim Théâtre du Soleil ist eher, die Übertragung in das Kunstwerk zu integrieren. Sie sagt: „Übertitel sind Teil der Schönheit, ein tiefgründiges Element der Distanz, der Poesie. Ein neuer Sinn wird einbezogen, eine andere Vision, die Dimension des Lesens.“

Wo sind die Übertitel?

Der US-amerikanische Linguist und Übersetzungstheoretiker Eugene Nida hat 1969 über das Übersetzen gesagt, es sei, als packe man Kleider in verschiedene Koffer: Dabei müsse man nur die Art des Packens anpassen, denn das einzig Wichtige sei, dass die Kleider wohlbehalten ankommen. Reisen Inszenierungen von Ostermeier, bei denen kaum improvisiert wird, können Übertitel auf Französisch angefertigt werden, rhythmisch eingeteilt und dann von einem erfahrenen Übertitler vor Ort eingeblendet werden. Jeder Witz, jeder Dialog oder Monolog wird so stückweise übertragen. Selbst bei sehr sprachlastigen Inszenierungen wie Hamlet funktioniert das. Seit 2008 ist der Hamlet der Berliner Schaubühne 26 Mal auf Gastspielreise ins Ausland gegangen.

Simultanes Dolmetschen

Simultan dolmetschen kann man eine Inszenierung auch. In Wiesbaden – beim Festival Neue Stücke aus Europa – ist das Dolmetschen das Mittel der Wahl. Da alle Stücke uraufgeführt werden, will man möglichst wenig vom Text verlieren. Bei der Übertitelung wird um teilweise bis zu 50 Prozent gekürzt, um eine gute Rezeption zu ermöglichen. Beim Dolmetschen ist die Kürzung sehr viel geringer. Das Dolmetschen ist bei vielen Theatermachern umstritten. Es gibt eine weitere Stimme, häufig lesen Übersetzerinnen oder Übersetzer ein, die keine guten Sprechstimmen haben, was sich zur Qual entwickeln kann. Die Dolmetschtechnik ist deutlich teurer als die Übertitelungssoftware. Bei Stücken mit großem Textvolumen muss das Publikum sehr viel mitlesen. Schauspielerin Bettina Stucky kennt das: „Es ist wie wenn du einen Witz erzählst, keiner lacht, dann versuchst du es noch einmal und merkst, die lesen alle.“ Ariane Mnouchkine sagt, das Simultandolmetschen sei sehr schwierig, könne aber sehr authentisch sein. Über einen Dolmetscher, der eine ihrer Inszenierungen in New York verdolmetscht hat, erzählt sie: „Er war großartig. Er hat es mit so viel Poesie, Haltung und Emotion gemacht, nicht gespielt, sondern das Spiel der Schauspieler gehört und sie begleitet.“

Poesie der Gebärdensprache

Auch das Gebärdensprachdolmetschen auf der Bühne kann eine wunderbare Poesie entwickeln. Die Schauspielerin Katharina Thalbach, der man mitteilte, in ihrer Inszenierung am Hans Otto Theater in Potsdam werden zwei Gebärdensprachdolmetscher mit auf der Bühne sein, war zunächst skeptisch. Dann bemerkte sie aber die poetische Ebene der zweiten Sprache auf der Bühne, die nicht nur den Gehörlosen ermöglichte, zu verstehen, sondern auch einen ästhetischen Gewinn für alle bedeutete, und begann damit zu arbeiten.

Alternative: Synopsen?

Synopsen haben sich in der Freien Theaterszene, die zu wenig Geld hat, um sich andere Übertragungsformen leisten zu können, etabliert. Sie sind aber als Verstehensbrücke verkannt. Manchmal braucht es nicht mehr als eine zusammenfassende Übersetzung auf einer oder zwei Seiten, bisweilen nur ein wichtiges Lied, einen zentralen Monolog, eine wichtige Textpassage, die übersetzt wird. Das Publikum kann selbst entscheiden, wann und ob es die sprachliche Information aufnimmt. Denn Übertitel nicht zu lesen und keinen Übersetzungsvergleich anzustellen, fällt den meisten Zuschauern sehr schwer. Dabei sollte es darum gehen, eine Inszenierung emotional als Gesamtkunstwerk genießen zu können. Wichtig ist dabei die Transparenz in der Übersetzung. Das Publikum muss aufgeklärt werden über die Funktion der Synopse, indem man den Zuschauern sagt: Entspannt Euch! Ihr müsst nicht alles sofort verstehen. Ihr werdet nichts verpassen und könnt es bei Bedarf nachlesen.

Die Kunst einer guten Sparübertragung am Theater liegt darin, eine Balance zwischen Pragmatik und literarischer Übersetzung zu finden. Übertitel stellen ja keine Dramenübersetzung dar, deren Text zum Sprechen geschrieben wird. Es geht vielmehr darum, die gesprochene Bühnensprache zum schnellen Lesen zu übersetzen. Dabei darf dennoch der Stil des Autors nicht zu kurz kommen. Darüber hinaus ist es wichtig, an der Ästhetik des Kulturtransfers zu arbeiten. Denn wie sagt Ariane Mnouchkine: „Eins will ich wirklich nicht, dass das Publikum den Blick von meiner Inszenierung abwendet, um irgendwo über das Bühnenbild zu schauen! Ein schöner Schriftzug oder ein Satz in meiner Inszenierung stören mich im Gegensatz dazu überhaupt nicht!“