Neue Stücke aus Europa Im weitesten Sinn Europa

Ibrahim Amir „Habe die Ehre“, Deutsche Erstaufführung am 9. Mai 2014 am Schauspiel Köln
Ibrahim Amir „Habe die Ehre“, Deutsche Erstaufführung am 9. Mai 2014 am Schauspiel Köln | Foto: David Baltzer

Die zwölfte Ausgabe der Theaterbiennale „Neue Stücke aus Europa“ markierte das vorläufige Ende des Festivals. Manfred Beilharz, Intendant des Staatstheaters Wiesbaden und Mitbegründer der Theaterbiennale, nahm seinen Abschied. Es zeichnete sich ab, dass es das europäische Theatertreffen in seiner bisherigen Ausrichtung nicht mehr geben wird.

Den Schlusspunkt der „alten“ Biennale markierte Christian Lollikes Inszenierung von Manifest 2083. Man kann den Theaterabend des dänischen Autors und Regisseurs einen dokumentarischen nennen, brachte Lollike doch ein Manifest des rechtsradikalen norwegischen Attentäters Anders Behring Breivig auf die Bühne. Das Pamphlet umfasst 1.500 Seiten und stand nicht nur am vorläufigen Ende eines Autorentheaterfestivals. Es bezeugte auch, wie offen der Textbegriff dieser Theaterbiennale geworden ist, die sich in ihren Jugendjahren noch enger dem klassischen Text-Veratändnis verpflichtet sah.

Gegründet wurde das Festival 1992 in Bonn von Manfred Beilharz und Tankred Dorst. Es versammelte alle zwei Jahre bis zu 30 neue Theatertexte und Inszenierungen aus einem im weitesten Sinne europäischen Theaterraum. Nach dem Fall des eisernen Vorhangs wurden schon sehr schnell Theaterproduktionen aus den entlegensten Gegenden des ehemaligen Ostblocks vorgestellt. Spätesten mit der Jahrhundertwende wurde dann auch klar, dass sich nicht nur der europäische Theaterraum immer weiter ausgedehnt hatte, sondern auch der Text- und Spielbegriff der eingeladenen Bühnenkünstler.

Ästhetische Wandlungen

2004 etwa reiste der lettische Regisseur Alvis Hermanis mit seinem Neuen Theater Riga und dem Theaterabend Gará Dzíve (Das lange Leben) an und gehörte innerhalb kürzester Zeit zu jenen europäischen Theatermachern, für die die Theaterbiennale der Beginn einer internationalen Karriere war. Die Elegie des Alterns in einer Greisen-Wohngemeinschaft war der Grundstein für Hermanis’ Auftstieg zu einem der stilbildenden Regisseure Europas. Der fast wortlose Abend frei nach Gorkis Nachtasyl war aber auch ein Beispiel dafür, dass das mit Manfred Beilharz von Bonn nach Wiesbaden gewanderte Festival die ästhetischen Wandlungen des europäischen Theaters abbildete.

Im Mittelpunkt standen zwar immer Theatertexte, Inszenierungen und Theaterautorinnen und -autoren wie Biljana Srbljanović, die 1998 mit Beogradska Trilogija (Belgrader Trilogie) Minitragödien aus dem Balkan-Krieg vorstellte. Interessanterweise sorgten Autoren wie sie als Paten auch dafür, dass Inszenierungen zur Biennale eingeladen wurden, denen kein klassischer Theatertext zugrunde lag. In der bislang letzten Folge der „Neuen Stücke aus Europa“ unter der künstlerischen Leitung von Ann-Marie Arioli, Manfred Beilharz, Tankred Dorst, Ursula Ehler und Peter Michalzik konnte man das deutlich sehen. Aus Belgrad etwa reiste der serbisch-kroatische zwischen Dokumentartheater und Performance changierende Theaterabend Zoran Đinđić an: eine wütende Auseinandersetzung mit dem politischen Mord am demokratischen und Europa zugewandten serbischen Ministerpräsidenten Đinđić.

Jenseits des Schreib-Egos

Mit herkömmlichem textbasierten Theater hatte das Agitprop-Theater des Autors, Performers, Schauspielers und Regisseurs Oliver Frljić nichts zu tun. Wollte man das, musste man sich Ibrahim Amirs Habe die Ehre zuwenden, einem den Regeln der Typenkomödie folgender Theatertext, der das Thema Ehrenmord bis in seine absurd-komischen Winkel ausleuchtet. Der dramatische Erstling des in Wien lebenden syrischen Kurden wurde in der Uraufführung der Wiener Wortstaetten vorgestellt. Wer wollte, konnte parallel dazu die deutsche Erstaufführung am Schauspiel Köln besuchen – oder in Wiesbaden bleiben und das Gefängnisdramas Hoplessly Devoted (Hoffnungslos verfallen) der britischen Rap-Lyrikerin Kate Tempest sehen, ein Wellmadeplay im Gewand eines dramatischen Musicals.

Kate Tempest über ihr Stück „Hoplessly Devoted“ (Hoffnungslos verfallen); (Youtube)

Kate Tempest erzählt die Geschichte der inhaftierten Singer-Songwriterin Chess in einer Mischung aus schnell geschnittenen Dialogen und Songeinlagen. Vorgeschlagen wurde Hopelessly Devoted vom britischen Paten Mark Ravenhill. Wie viele seiner Kolleginnen und Kollegen, die je nach Biennale aus mehr als 40 Ländern kamen, empfahl er honorarfrei und jenseits des eigenen Schreib-Egos andere Autoren, Texte und Inszenierungen. Das funktionierte bestens, soll jetzt aber ganz anders werden.

Neue konzeptionelle Grundlage

Manfred Beilharz’ Nachfolger als Intendant des Hessischen Staatstheaters Uwe Eric Laufenberg ließ lange offen, ob und wie es mit der Theaterbiennale weitergeht. Schließlich wurde aber bekannt gegeben, das Festival trage künftig den Namen Wiesbaden Biennale. Weiter hieß es, Uwe Eric Laufenberg setze den von seinem Vorgänger eingeschlagenen Weg „auf neuer konzeptioneller Grundlage konsequent fort“.

Das neue Team wird zentral von Wiesbaden aus kuratieren. Mit der künstlerischen Neuausrichtung und Programmgestaltung beauftragt sind die Regisseurin und Produzentin Maria Magdalena Ludewig und der freie Dramaturg Martin Hammer. Dazu kommt die neue Wiesbadener Schauspielleiterin Andrea Vilter. „Neuproduktionen aus dem europäischen Ausland“ soll es weiterhin geben, man plane aber auch, „über die Nationalgrenzen hinweg gemeinsame Produktionen zu initiieren“.