Theaterfestival Impulse 2015 Spielender Ernst

Festival Impulse 2015
Festival Impulse 2015 | © Impulse

Für die freie Theaterszene ist Impulse eines der wichtigsten Festivals. 2015 wurde es zum zweiten Mal von Florian Malzacher kuratiert. Ein Überblick über das Programm des 18. Impulse-Festivals, das vom 11. bis zum 20. Juni 2015 in Mülheim an der Ruhr, Düsseldorf und Köln stattfindet.

Gesellschaftsspiele, das Motto von Impulse 2015, ist doppelbödig. Eine kindliche Lust am Spielen scheint auf, aber auch die Assoziation von Regeln und Vorschriften liegt nahe. Und zugleich kann man das Wort auch auf Politik beziehen: Ist Demokratie nicht auch ein großes Spiel mit Regeln, die man ständig neu aushandeln? Wie spielt sich eine Gesellschaft selbst, für wen spielt sie – und vor allem: Wen lässt sie mitspielen? „Diese Fragen der Repräsentation beschäftigen momentan viele Theatermacher“, sagt Florian Malzacher, Leiter dieses wichtigsten Festivals der freien Szene in Deutschland, zu der zweiten von ihm kuratierten Ausgabe. Er muss es wissen: Mehr als 330 Einsendungen freier Theater hat es für den Open Call der Impulse gegeben, insgesamt 500 bis 600 Arbeiten haben er und die Dramaturgin Nadine Vollmer in zwei Jahren gesichtet, rund 40 davon wurden dem siebenköpfigen künstlerischen Beirat vorgelegt.

Gob Squad: „Western Society“ Gob Squad: „Western Society“ | © David Balzer Schließlich wurden zehn Arbeiten herausgefiltert: Gob Squad untersucht in Western Society – einem Abgesang auf eine repräsentative Luxusgesellschaft – selbstironisch, wie bürgerlich und glücklich wir sind. Gintersdorfer/Klaßen unterlaufen in Das neue schwarze Denken – Chefferie mit ivorisch-kongolesischen Performern das europäische Afrikabild und ziehen sich, indem sie „Chefs“ agieren lassen, als repräsentierende Regisseure weitgehend zurück. Der aus dem Libanon stammende Rabih Mroué bringt in Riding on a Cloud seinen Bruder auf die Bühne, der nach einer Kriegsverletzung die Fähigkeit verloren hat, Repräsentation zu erkennen. Milo Rau und sein International Institute of Political Murder haben bei The Civil Wars die Repräsentation im Arbeitsprozess aufgegeben. Ursprünglich war das Stück als Dokumentation einer Recherche über junge IS-Kämpfer aus Europa geplant. Doch den Performern war es nicht authentisch möglich, dies dazustellen. So wurde The Civil Wars zu einer Reflexion über das eigene Aufbegehren, etwa gegen familiäre oder gesellschaftliche Verhältnisse.

Chris Kondek/Christiane Kühl: „Anonymous P.“ Chris Kondek/Christiane Kühl: „Anonymous P.“ | © Nicolas Duc Doch auch weniger bekannte Künstler und Gruppen sind zu Gast: Die Performer Markus & Markus, 2015 erstmalig bei Impulse vertreten, haben in der aufsehenerregenden Arbeit Ibsen:Gespenster mit einer sterbewilligen Patientin drei Wochen verbracht – bis zu ihrem realen Tod. Dies bringen sie als Dokumentation schrill und würdig zugleich auf die Bühne. Mit Anonymous P. verwandeln Chris Kondek und Christiane Kühl das Festival in eine interaktive Hackerzentrale. Herbordt / Mohren wiederum laden das Publikum in Die Aufführung zu einer unfertigen, flirrenden „Baustellenbegehung“ und theatralen Selbstbefragung auf die Bühne – während Hendrik Quast und Maika Knoblich im Urforst eine alte Eiche im Park des Mülheimer Ringlokschuppens errichten.

Endlich nachhaltig gerettet

Milo Rau: „Civil Wars“ Milo Rau: „Civil Wars“ | © Milo Rau Seit 1990 gibt es Impulse, früher stets parallel in den vier Städten Köln, Düsseldorf, Mülheim an der Ruhr und Bochum. Ein logistischer Kraftakt – aber es war eben immer auch ein wichtiges Aushängeschild für das Bundesland Nordrhein-Westfalen. Doch nun ist Bochum ausgestiegen, aus finanziellen Gründen. Das ist gleichzeitig eine schlechte und eine gute Nachricht: Schlecht, weil es einem um Bochum leid tut, wo das Impulse-Publikum stets besonders abenteuerlustig war – legendär sind die wilden Nächte an Gesine Danckwarts Performancebar Chez Icke 2013 vor dem Schauspielhaus. Gut ist trotzdem, dass für die drei anderen Städte nun eine Lösung gefunden wurde, um Impulse nachhaltig zu retten. Noch 2013 stand das Festival quasi vor dem Aus, da die Bundeskulturstiftung als Förderer wegfiel. Nun steht es mit einem Budget von rund 600.000 Euro jährlich solide da: Die Kunststiftung NRW ist nun wieder dabei, auch der Bund hat eine jährliche Förderung von 100.000 Euro zugesagt. Die wichtigste Änderung war aber, dass das Impulse-Theaterfestival wieder jährlich stattfinden und nur noch von jeweils einer Stadt ausgerichtet werden soll. „Statt alle zwei Jahre ein Drittel-Festival gibt es in jeder Stadt nun alle drei Jahre ein ganzes Festival“, so Florian Malzacher.

Insgesamt gibt es 2015 in Mülheim zehn Gastspiele zu sehen, zudem haben drei internationale, aber lokal in den Partnerstädten verankerte „Satellitenprojekte“ Premiere, die Malzacher sehr wichtig sind. Die niederländische Künstlerin Lotte van den Berg etwa wird am FFT Düsseldorf mit ihrem Dialogprojekt Building Conversation das Theater auf seinen Kern reduzieren, den van den Berg als „Raum für Debatten“ definiert. Ganz ohne Schauspieler werden die Zuschauer zum kontroversen Sprechen gebracht mit Methoden, die aus der Quantenphysik, von den Jesuiten oder von den Maori stammen. Ein „agonistischer Wettstreit der Ideen“, der auf der politischen Theorie von Chantal Mouffe basiert, die übrigens auch Festivalgast ist. Und weil die „Bildungsreisen“ mit dem Bus zwischen den NRW-Städten in den letzten Jahren immer so lustig waren, bleiben sie den Impulsen in künstlerischer Form erhalten: Der Künstler Phil Collins wird mit Studierenden der Kunsthochschule im palästinensischen Ramallah und der Kölner Kunsthochschule für Medien in Our position vanishes die Fahrten zwischen den Festival-Städten zu künstlerischen Erfahrungsräumen gestalten.

Rabih Mroué: „Riding on a cloud“ Rabih Mroué: „Riding on a cloud“ | © Joe Namy Doch eines der aufregendsten und gesellschaftlich relevantesten Projekte des Festivals ist wohl die Silent University, initiiert vom kurdischen Künstler Ahmet Ögut, der in London, Stockholm oder Hamburg schon Schwester-Universitäten gegründet hat. Eine selbstorganisierte Universität bietet Kurse an von Akademikern, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind. In Deutschland dürfen sie entweder nicht arbeiten oder ihre Abschlüsse sind nicht anerkannt. So wird ein quasi durch Flucht und Vertreibung zum Schweigen gebrachtes Netzwerk des Wissens reaktiviert. Mitten im Stadtzentrum wird ein Raum dafür geschaffen und soll weit über die zehn Impulse-Tage hinaus Bestand haben.