Festival Offene Welt Die Utopie des friedlichen Miteinanders

„Hipster the King“, Regie: Thanapol Virulhakul
„Hipster the King“, Regie: Thanapol Virulhakul | © Christian Houge

Seit Januar 2015 ist Tilman Gersch Intendant des Theaters im Pfalzbau in Ludwigshafen. Gleich Ende Februar stemmte er ein neues Festival, das sich sechs Tage lang und mit 39 Veranstaltungen den Themen Migration, Fremdheit und Ausgrenzung widmet.

Launig und ein bisschen harmlos fängt es an. Volker Staubs Klangcollage Ludwigshafen Sound Surround führt vor Ort lebende Musiker aus Korea, Togo und der Türkei rhythmisch mit Geräuschen der Industriestadt am Rhein zusammen. Es ist eines der vier Bürgerbeteiligungsprojekte des internationalen Festivals Offene Welt. Regisseurin Regina Wenig hat bei deutsch-italienischen Bürgern aus Ludwigshafen „Stimmen vom Rande Europas“ gesammelt, um dem „Gefühl Lampedusa“ näherzukommen. Und Dramaturgin Luise Rist erarbeitete mit Jugendlichen und Erwachsenen den Theaterworkshop Mahala International für Menschen mit Fluchterfahrung: syrische Kriegsflüchtlinge, politisch Verfolgte aus Ägypten, Roma aus Serbien und Albanien, Flüchtlinge aus Eritrea und Somalia. Als Ludwigshafener Neubürger sind sie mit Begrenzung, Ausgrenzung und Entgrenzung besser vertraut als mit der deutschen Sprache. Die ersten, vorsichtigen Schritte auf die Workshop-Bühne sind rührend, die Suche nach einer gemeinsamen Sprache, komische Missverständnisse inklusive, macht hoffnungsfroh. Das gilt ebenso für das Volksfest, das die bunte Vielfalt der Stadt und ihrer Menschen, die hier aus 140 Nationen stammen, musikalisch und kulinarisch widerspiegelt, wie für das – überwiegend englische – Konzertprogramm des muslimischen Weltstars Sami Yusuf, der beherzt ein friedliches Miteinander einfordert.

Fremdheit, Migration und Ausgrenzung

Wolfram Lotzs „Die lächerliche Finsternis“, Regisseur: Dusan David Parizek Wolfram Lotzs „Die lächerliche Finsternis“, Regisseur: Dusan David Parizek | © Reinhard Werner Aber natürlich geht es in erster Linie um Theater: Zahlreiche Deutschland- und Europapremieren im Theatersaal, im Studio oder im Gläsernen Foyer des Theaters bilden das weite Spektrum von Fremdheit, Migration und Ausgrenzung ab. Es geht entsprechend finster zu, etwa am Eröffnungsabend mit Oliver Frljics beeindruckender Arbeit Aleksandra Zec über das gleichnamige serbische Schulmädchen, das 1991 im kroatischen Unabhängigkeitskrieg von einer Miliz hingerichtet wurde. Das vermeintliche Anderssein hat auch zehn Einwanderer bei den NSU-Attentaten das Leben gekostet. Elfriede Jelineks zynisch-wortstarke Prozesspolemik Das schweigende Mädchen um die Rechtsextremistin und Angeklagte im NSU-Prozess Beate Zschäpe kam von den Münchner Kammerspielen an den Rhein. Nicht minder prominent war Wolfram Lotzs Die lächerliche Finsternis, unter der Regie von Dusan David Parizek. Das Gastspiel vom Akademietheater der Wiener Burg, eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2015, war als Deutschlandpremiere im Pfalzbau zu sehen – eine sarkastische Reise deutscher Soldaten zu den Krisengebieten der Welt, wo uns die herrschenden Verhältnisse nicht minder befremden wie die Ansichten der spätkolonialistischen Helfer.

Das von Jürgen Berger, Bernd Jestram, Intendant Gersch, Daniel Richter und Barbara Wendland glänzend kuratierte Festival zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es nicht nur große, staatstragende Erfolgsproduktionen zum Thema zu erleben gibt, sondern eben auch freie Theaterarbeiten und Kleinformatiges aus dem europäischen wie dem ferneren Ausland.

Gemeinsam berichten das Staatstheater Braunschweig und das rumänische Nationaltheater Marin Sorescu Craiova in der dokumentarisch erstellten zweisprachigen Produktion Erdbeerwaisen von der Situation verlassener rumänischer Kinder, deren Eltern sich aus wirtschaftlicher Not als Erntehelfer und Billigarbeiter in Westeuropa verdingen müssen. Indes zeigt die freie Frankfurter Theaterperipherie mit Ich rufe meine Brüder des tunesisch-schwedischen Autors Jonas Hassen Khemiri, wie sich Misstrauen, Verdacht und Radikalisierung gegenseitig unselig verbinden können.

Identität und Heimat

„El mal Gusto“ „El mal Gusto“ | © Rogelio Orizondo Debatten um Fremdheit und Ausschluss sowie die Suche nach Identität und Heimat sind, so demonstriert es das Festivalprogramm, ein universales Thema. Gleich zweimal führt uns der thailändische Theatermacher Thanapol Virulhakul recht launig mit Hipster the King und I am Thai vor, für wie offen er die vermeintlich so sonnige Welt seiner Heimat hält. Sein Landsmann Ghandi Wasuvitchayagit erzählt in seiner Soloperformance Virginian: The Body of Mickey Mouse Alessandro Bariccos Geschichte des ewig heimatlosen Ozeanpianisten Novecento. Mit Unterstützung des Goethe-Instituts reiste der kubanisch-deutsche Theaterabend El mal Gusto aus Havanna an. Zwei Exilkubaner kehren auf die Insel zurück, um ihre Landsleute zu befreien und stoßen dabei – höchst unterhaltsam – vor allem an ihre eigenen Grenzen.

„Die Kenntnis des Anderen macht uns reicher und schöner“, sagte Tilman Gersch anlässlich der Eröffnung, und plädiert dafür, den Anderen wahrzunehmen, ihn auch in dem zu respektieren, was uns fremd erscheint. Ein humanistischer Anspruch, den diese Festival-Premiere eindrücklich beherzigt.