Berliner Festspiele Abenteuerlust und Dringlichkeit der Perspektive

Das Haus der Berliner Festspiele
Das Haus der Berliner Festspiele | © Burkhard Peter

Die Berliner Festspiele haben ab Januar 2012 einen neuen Leiter. Thomas Oberender formuliert seinen Anspruch an das Festival: Es soll welthaltig sein, radikale Fragen stellen und neue Perspektiven eröffnen.

Thomas Oberender, Sie waren fünf Jahre lang Chef der Schauspielsparte der Salzburger Festspiele. Deshalb zuerst zur Bühnenkunst im engeren Sinne im Rahmen der Berliner Festspiele, also zum Theatertreffen (tt) und zur spielzeit’europa: Wird es eine Neuausrichtung geben?

Die signifikanteste Veränderung wird sicher die spielzeit’europa betreffen: Wir wollen die sich über mehrere Monate erstreckende Saison in ein konzentriertes Festival von maximal drei Wochen Dauer verwandeln. 2012 wird es von Frie Leysen kuratiert werden und ab 2013 von Matthias von Hartz. Ich setze sehr auf die Abenteuerlust und Dringlichkeit der Perspektive, wie sie durch diese Festivalleiter bestimmt wird und denke, dass es nie nur um gut gemachte Kunst alleine geht, sondern um Grenzerweiterungen, Gespräch, ein Selbstbild, das die weite Welt als Spiegel braucht. Das Theatertreffen ist das Polaroid einer Saison im deutschsprachigen Raum – streitbar in der Auswahl und ausbaufähig in seinem Festivalcharakter, der die Besonderheiten dieser Theaterkultur in ihren Leistungen vermitteln muss und zugleich einen internationalen Blick auf diese Landschaft integrieren sollte.

Beim tt war in den vergangenen Jahren eine deutliche internationale Öffnung, auch hin zu den „young professionals“, zu beobachten. Es veränderte sich vom Bestentreffen deutschsprachiger Inszenierungen hin zu einer produktiven internationalen Plattform und zum Treffpunkt und Diskussionsort vor allem auch für Theatermacher. Yvonne Büdenhölzer, die neue Leiterin, hat bisher den Stückemarkt geleitet und damit eine internationale Kooperative des tt. Was erwarten Sie von ihr?

Yvonne Büdenhölzer hat ja auch die Biennale in Wiesbaden mit kuratiert, das heißt der Blick ging immer über den deutschsprachigen Raum hinaus. Sie wird ab 2012 im Stückemarkt auch einer Entwicklung Rechnung tragen, die international betrachtet sogar die dominierende ist, nämlich kollektive Prozesse, die zu Stücken führen, mit in den Wettbewerb zu nehmen. In den Folgejahren wird sicher die Hauptaufgabe sein, das Theatertreffen in seinen drei Säulen – dem Publikumsfestival, der Fachmesse und den Talenteplattformen – entschiedener zu definieren.

Die spielzeit’europa hatte das Problem, dass sie auf den internationalen Festivalzirkus mehr oder weniger nur aufspringen konnte. Uraufführungen waren rar, die Berliner Premieren eher die dritte Station nach Avignon oder Wien. Damit geht überregionale Ausstrahlung verloren. Ist das für Berlin, für Sie irrelevant oder wird es Ihnen auch um mehr Originäres gehen?

Thomas Oberender Thomas Oberender | © Magdalena Lepka Im Berliner Vergleich kann dieses Festival Programme entwickeln, für die es in der Stadt sonst kaum Spielräume gäbe. Wenn Sie Avignon anführen, die Wiener Festwochen, die Ruhrtriennale oder die Salzburger Festspiele, so müssen wir klar sagen, dass der Bund bislang gar nicht beabsichtigt, in dieser Liga mitzuspielen. Wir holen, in spezialisierten Festivals und Einzelveranstaltungen, ein Stück Welt nach Berlin, nachdem Berlin immer stärker zu einer Weltstadt wurde. Und das nicht mehr als glamouröse Pausenversorgung für eine eingeschlossene Bevölkerung, sondern als Enzym jener Entwicklungen, die mit der Offenheit der Stadt erst einsetzen konnten: Wir wollen uns umschauen, in welchen Ecken der Welt eine andere Radikalität entwickelt wird, die uns herausfordert.

Frie Leysen übernimmt für ein Jahr die Leitung der spielzeit’europa, sie hat das Kunstenfestival in Brüssel gegründet und zuletzt das Festival Theater der Welt geleitet. Festivalkuratoren sind wegen ihrer subjektiven Handschrift hoch gelobt und sehr verschrieen. Das betrifft auch Frie Leysens Nachfolger Matthias von Hartz. Welche Schwerpunkte werden die beiden setzen, welchen Fokus einnehmen?

Zugespitzt formuliert kreieren Kuratoren ein Metaprodukt, das auf den Produktionen anderer beruht. Im besten Falle schafft ihre Arbeit dann eine Struktur von wiederum originalem Charakter – durch ihre Themensetzungen und Favorisierung ästhetischer Standpunkte. Dafür wohnen sie die Hälfte des Jahres in Hotelbetten, schlafwandeln sie durch die Flughafengänge dieser Welt und sind im Gespräch mit Menschen, die wir nie treffen. Ich betrachte es als große Ehre, dass so eine radikale und auch weise Frau wie Frie Leysen sich unter den vergleichsweise bescheidenen Bedingungen der Berliner Festspiele für uns auf die Suche macht nach den aufregenden Produktionen unserer Zeit. Ihre Idealvorstellung für ein Festival hat sie einmal mit „clash of visions“ beschrieben. Und Matthias von Hartz, der mit seinen Vorbereitungen für 2013 begonnen hat, wird sicher in der Richtung weiter arbeiten, die das Internationale Sommerfestival Hamburg geprägt hat.

Die Berliner Festspiele beinhalten renommierte Einzelveranstaltungen vom Jazzfest über die MärzMusik und das Literaturfestival bis zum Theatertreffen. Wollen Sie in Zukunft die Dachmarke Berliner Festspiele oder die Bekanntheit dieser Einzel-Marken stärken?

Ich denke, dass wir die Auftritte der einzelnen Festivals stärken müssen. Zudem wollen wir die inhaltlichen Resonanzen zwischen den Festivals, zu den Bundesjugendwettbewerben und zum Martin-Gropius-Bau betonen – auch dafür ist ein durchgehendes Konzept des Erscheinungsbildes förderlich. Letztlich wollen wir vermitteln, dass die Berliner Festspiele 365 Tage im Jahr Hunderte von Konzerten, Aufführungen, Lesungen, Workshops, Wettbewerbe und Ausstellungen realisieren und dafür sehr spezielle Festivals und Einzelveranstaltungen entwickelt haben.

Die Berliner Festspiele haben Ihre Schaufenster-Funktion seit dem Fall der Mauer verloren. Heute sind sie ein Kulturfestival des Bundes, das dem Repräsentations- und Glamour-Anspruch der Hauptstadt-Kulturelite ebenso gerecht werden muss wie dem des Neuen, Innovativen, noch zu Entdeckenden. Wie werden Sie diesen Spagat meistern?

Mit Haltung.