Spielart-Festival 2015 „Tableau vivant unserer Zeit“

Werk X:„Proletenpassion 2015 ff.“ der österreichischen Regisseurin Christine Eder und der Musikerin Gustav
Werk X:„Proletenpassion 2015 ff.“ der österreichischen Regisseurin Christine Eder und der Musikerin Gustav | © Yasmina Haddad

Das Münchner Spielart-Festival 2015, das vom 23. Oktober bis zum 7. November stattfindet, ist weltoffener und politischer denn je. Es zeigt viel Neues, schaut auf die Möglichkeiten und Grenzen der Kunst im Widerstand und problematisiert den eurozentristischen Blick.

Für die 16 Festival-Tage sollte man sich 70 Stunden Zeit nehmen. Plus Partytime nach Belieben. Denn Spielart ist und fordert immer beides: Das Zuschauen und Mitmischen, die Reflexion und das Erlebnis. Und es wird immer größer, weil das Leitungsduo Tilmann Broszat und Gottfried Hattinger seit nunmehr 20 Jahren die Theaterszenen der ganzen Welt erkundet. Sie haben Wege in bislang eher unwegsames performatives Gelände befestigt, ohne im Zuge dessen ihre Neugier und ihren Forschergeist zu verlieren.

Seit 2011 gehört auch die Dramaturgin Sophie Becker mit zum Leitungsteam. Sie erschuf 2013 mit Wake Up! Versammlung für ein anderes Europa die Vorlage zu dem, was 2015 zum Programmschwerpunkt Art in Resistance ausgebaut wird. Daneben gibt es den weiteren Schwerpunkt New Works, die zu Festivalbeginn nicht älter als drei Monate sein sollen oder eigens bei (Münchner) Künstlern wie Ana Zirner, Benno Heisel oder Anna Konjetzky in Auftrag gegeben werden. Als dritten Schwerpunkt gibt es außereuropäische Gastspiele. Diese werden von einem Symposium zur künftigen Vermeidung kuratorischer Übersetzungsfehler flankiert, die die Globalisierung des Festival- und Gastspielmarktes mit sich bringt.

  • Ariel Efraim Ashbel: „Empire strikes back © Dorothea Tuch
    Ariel Efraim Ashbel: „Empire strikes back"
  • Mamela Nyamza „Wena Mamela“ © John Hogg
    Mamela Nyamza „Wena Mamela“
  • Maarten Seghers: „What do you mean“ © Ursula Kaufmann
    Maarten Seghers: „What do you mean“
  • Markus und Markus „IBSEN – GESPENSTER“ © komun.ch
    Markus und Markus „IBSEN – GESPENSTER“

Spielart 2015 hat, da liegt der Münchner Kulturreferent Dr. Hans-Georg Küppers mit seiner Einschätzung richtig, eines der politischsten Programme, seit es dieses Festival gibt. Es baut seine gewohnte „transnationale Vielstimmigkeit“ aus – vor allem seinen Mut zu neuen, noch unerprobten und womöglich gewöhnungsbedürftigen künstlerischen Ansätzen und Sichtweisen. Dabei nimmt es vom etablierten Theaterort wie den Münchner Kammerspielen bis zu einem noch unbekannten privaten Schlafzimmer wieder die ganze Stadt in Beschlag.

Wut auf Europa

Allein Sophie Becker hat aus 800 Einsendungen auf einen weltweiten Open Call 40 Aktivisten- und Kunstprojekte ausgewählt, die in Form von Ausstellungen, Vorträgen, (Animations-)Filmen, traditionellem „Storytelling“ (Erzählen) oder (partizipativen) Performances fiktional oder dokumentarisch um die Frage kreisen, ob Kunst als Mittel des Widerstandes taugt. Vieles davon, wie etwa etliche Geschichten rund um Gewalt gegen Frauen, wurde wieder beiseitegelegt, um keinen „merkwürdigen Exotismus“ zu erzeugen. Übrig blieben die Idee der Nationalstaaten und ihrer Grenzen, die Proteste der letzten Jahre – sei es in Hongkong, Nigeria oder der Ukraine – und die Möglichkeiten und Grenzen individuellen Engagements. Fragen, die man auch gut über die gesamte Festivaldauer im Hinterkopf behalten kann.


Gleich zur Eröffnung kommt Le Socle des Vertiges (etwa: Das Fundament des Taumelns) aus der Demokatischen Republik Kongo, worin Autor, Schauspieler und Regisseur Dieudonné Niangouna sich mit dem Erbe der französischen Kolonialherrschaft auseinandersetzt. Laut Broszat verschränkt die Performance Bürgerkriegs- und Liebesgeschichte, einen „Mordszorn auf Europa“ und die Korruption im eigenen Land sprachkaskadenhaft miteinander. Es wird außerdem eine Soundinstallation aus dem Libanon zu erleben sein, in der Tania El Khoury in privaten Gärten bestatteten syrischen Bürgerkriegs-Aktivisten gedenkt. Mamela Nyamza aus Kapstadt setzt sich in ihrem Solo Wena Mamela mit den klassischen Rollenzuschreibungen an eine schwarze Frau und Tänzerin auseinander. Die österreichische Regisseurin Christine Eder und die Musikerin Gustav bieten mit ihrer auf einer musikalischen Erzählung vom Klassenkampf von 1976 fußenden Proletenpassion 2015 ff. laut Hattinger einen „tollen Geschichtsunterricht“, worin der Markt selbst mit einem „larmoyanten Monolog“ auftritt. Und der Tokioter Künstler Akira Takayama, der zur Zeit in der verbotenen Zone um das Kernkraftwerk Fukushima einen Film dreht, wird die Sphären des Theatralen in den öffentlichen Raum hinein erweitern.

Neue Kooperationen und alte Lieblinge

Durch die wiederholte enge Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen finden auch Matthias Lilienthals Langzeitbegleiter Rabih Mroué und Großprojekte wie die Weltklimakonferenz von Rimini Protokoll ins Programm. Hier können 600 mitkonferierende Zuschauer, wie Lilienthal versichert, am eigenen Leib erfahren, wie schnell man politische Inhalte beiseite schiebt und „nur noch um Geld feilscht“. Und natürlich haben die Festivalleiter auch andere alte (europäische) Lieblinge wie Jan Lauwers' Needcompany wieder nach München geholt.


Gleichsam kontrapunktisch zu diesen und anderen Gewohnheiten hat Sigrid Gareis in ihrer fünften Kooperation mit Spielart sechs renommierte Kuratoren-Kollegen aus Kolumbien, Nigeria, der Schweiz, Ägypten, den USA und Singapur eingeladen, um die Fallstricke des interkulturellen Kulturdialogs aufzuspüren und möglichst zu lockern. So geht das auch für Publikum offene Symposium Show me the world etwa der Frage nach „Wie gehen wir mit Begriffen wie Tradition, Moderne und Zeitgenossenschaft um?

Das Spielart-Festival ist in den vergangenen Jahren oft für seine Unübersichtlichkeit kritisiert worden. Auch 2015 ist es mit rund 75 eingeladenen Gruppen und Künstlern riesig. Vermutlich wird es noch weiter wachsen, je mehr das Festival seinen selbstgegebenen Auftrag ernst nimmt, dem Zuschauer das bisher Ungesehene und vielleicht auch Ungedachte und Unversuchte zuzumuten. Als globales Suchbild oder, wie die Macher selbst sagen, „Tableau vivant unserer Zeit“ spiegelt es in seiner 11. Ausgabe eine immer größer und bunter werdende Welt im auch schmerzhaften Wandel.