Heidelberger Stückemarkt 2015 Ein politisches Mexiko zu Gast

Preisverleihung Heidelberger Stückemarkt 2015
Preisverleihung Heidelberger Stückemarkt 2015: Dieter Sommer (Vorstandsvorsitzender des Freundeskreises des Theaters und Orchesters Heidelberg), Holger Schultze (Intendant des Theaters und Orchesters Heidelberg), Ángel Hernández (Preisträger des Internationalen AutorenPreises und des Publikumspreises des Festivals Heidelberger Stückemarkt 2015), Ilona Goyeneche (Mexiko-Scout für den Heidelberger Stückemarkt 2015, Programmabteilung/Coordinación Cultural Goethe Institut Mexiko); | Foto (Ausschnitt): Annemone Taake

Zum ersten Mal war ein lateinamerikanisches Land zu Gast beim Heidelberger Stückemarkt. Die mexikanischen Gastspiele hinterließen mit ihrem direkten und vorbehaltlosen Theater, das sich uneingeschränkt mit der gesellschaftspolitischen Lage des Landes beschäftigt, einen nachhaltigen Eindruck.

Nachrichten über Gewalt, Drogenkartelle und Unruhen bestimmen seit einigen Jahren die Berichterstattung über Mexiko. So ist es nicht verwunderlich, dass man in Deutschland über die Theaterlandschaft Mexikos nur wenig weiß – falls überhaupt. An den Gastlandauftritt Mexikos beim Heidelberger Stückemarkt 2015 richteten sich daher viele Fragen, etwa: Wie geht das mexikanische Theater mit gesellschaftspolitischen Themen um? Wie setzen sich die Theatermacher dort mit der aktuellen Lage ihres Landes auseinander?

Die vier mexikanischen Gastspiele, die drei Autoren und der Theaterspezialist, die zum Heidelberger Stückemarkt 2015 eingeladen waren, zeigten in ihren Inszenierungen und Diskussionen ihr Anliegen, die aktuelle Situation und die Wirklichkeit Mexikos in ihrer ganzen Vielfalt darzustellen. Der junge mexikanische Autor und Theatermacher Ángel Hernández betonte: „Wir sind nicht hier, um unseren Schmerz und unser Leiden aus Mexiko in die Welt zu exportieren. Wir wollen nicht über die Gewalt in unserem Land sprechen, sondern über den Widerstand gegen diese Gewalt.“

Theater, poetisch und politisch unvermittelt

Der Heidelberger Stückemarkt 2015 sollte einen politischen Schwerpunkt haben, und das Gastland hat diesen Schwerpunkt unterstrichen. Somit wurden die anfänglichen Fragen über die sozialen Probleme des Landes im mexikanischen Theater schnell beantwortet. „Denn das ist es wohl, was die Mexikaner vor allem mit nach Heidelberg gebracht haben: Die Erkenntnis, dass politisches Theater poetisch und radikal konkret zugleich sein und manchmal die Dinge schlicht beim Namen nennen muss, um sein Publikum voranzubringen“, schrieb der Theaterkritiker André Mumot auf nachtkritik.de.

Während sich die deutschsprachige zeitgenössische Dramatik mit einer breiten und vielfältigen Themenpalette beschäftigte, nahmen die eingeladenen mexikanischen Theatermacher gezielt die für sie aktuellsten gesellschaftspolitischen Themen auf. Dokumentartheater oder dokumentarische Elemente, die in Fiktion eingebettet werden, durchliefen das Programm. Die etablierte Theatergruppe Teatro Línea de Sombra verbildlichte mit ihrem Stück Amarillo (Gelb) anhand von Recherchen die Situation tausender zentralamerikanischer Migranten, die die mexikanische Grenze zu den USA zu überqueren versuchen. Ein Thema, über das sich gerade zum jetzigen Zeitpunkt mit Europa in den Dialog treten lässt.

Gleichermaßen ist die Adaption von Shakespeares Macbeth – hier Mendoza genannt – durch die Theatergruppe Los Colochos Teatro gegenwärtiger denn je. Das Stück spielt in der mexikanischen Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Publikum konnte zum Schluss der Aufführung seine Emotionen nicht verbergen, als offensichtlich wurde, wie übertragbar das Stück auf die heutige Situation Mexikos mit seiner hohen Kriminalitätsrate und seinen vielen Gewaltopfern ist.

Auch der performative Monolog der jungen Theatermacherin Mariana Villegas, Se rompen las olas (Es brechen die Wellen), und das „Internationale Rückspiel“, also die Adaption des Textes Von den Beinen zu kurz der Schweizer Autorin Katja Brunner durch den mexikanischen Regisseur David Gaitán, in einer Koproduktion mit dem Goethe-Institut Mexiko, erweiterten den Blick auf die mexikanische Theaterlandschaft um neue Perspektiven. Ausgehend von dem Erdbeben 1985, das Mexiko-Stadt großflächig verwüstete und die Stadtlandschaft bis heute prägt, begibt sich Mariana Villegas auf die Suche nach ihrer eigenen Biografie und Identität. David Gaitán dagegen nimmt das Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs aus Brunners Stück verstärkt auf, indem er Auszüge aus dem Originaltext mit eigenen Textpassagen verwebt. Auch der mexikanische Autor Ángel Hernández greift eine äußerst gespannte Vater-Tochter Beziehung in seinem Stück auf.

Doppelte Auszeichnung für Mexiko

Ángel Hernández galt als Favorit für den Internationalen Autorenpreis, dem Hauptpreis des Festivals. Er beeindruckte mit seinem Stück Padre fragmentado dentro de una bolsa (Zerstückelter Vater im Plastiksack), einem tiefschichtigen Text, der mit starken Bildern metaphorisch die aktuelle mexikanische Realität aufzeigt: Er beschreibt die Situation eines jungen Mädchens, das sich mit dem gewaltsamen Tod seines Vaters, eines Mafiaverbrechers, der vom Drogenkartell umgebracht wurde, auseinandersetzt, ohne dabei in die Opferrolle zu fallen. Ángel Hernández erhielt zudem auch noch den Publikumspreis.

Daneben setzte sich Hugo Wirth aus Mexiko Stadt in Precisiones para entender aquella tarde (Erläuterungen zu den Ereignissen jenes Nachmittags) mit einer Gesellschaft auseinander, die dem Kapitalismus zum Opfer gefallen ist. Conchi León aus Yucatán widmete sich dagegen in Santificarás las Fiestas (Du sollst den Feiertag heiligen) einer intimen und komplizierten Familiengeschichte.

Mit dem Schwerpunkt Mexiko zeigte der Heidelberger Stückemarkt 2015 dessen gegenwärtige, sehr vitale und turbulente Theaterlandschaft, die mit der deutschsprachigen im Austausch bleiben sollte.