Theater und Partizipation I Partizipation als Interaktion mit dem Publikum

Gob Squad: „Western Society“
Gob Squad: „Western Society“ | Foto (Ausschnitt): © David Balzer

Theater findet vor Publikum statt. Insofern setzt es Partizipation voraus. Auch die klassische Guckkastenbühne, die ihr Publikum im dunklen Zuschauerraum diszipliniert und ausblendet, ist auf dessen aktives Verstehen und Erleben angewiesen. Seit den 1990er-Jahren etablieren sich im Theater jedoch verstärkt Interaktionsmodelle, welche die Rolle und Position des Zuschauers neu definieren: als mobiler Akteur, der die Wirklichkeit einer Aufführung aktiv mitgestaltet.

Seit geraumer Zeit steht die Bar im mysteriösen Ort Ruby Town leer. „Es geht hier doch um Partizipation, oder?“, sagt meine Begleiterin lächelnd, geht hinter den Tresen und schenkt uns Wodka ein. Umgehend werden wir von den Anwohnern gestellt, ein Standgericht verurteilt uns wegen versuchten Diebstahls. Nach gut zwanzig Minuten Haft im modrigen, unterirdischen Verlies beginnt sich die Grenze zwischen Theater und Wirklichkeit aufzulösen.
 

SIGNA „The Ruby Town Oracle/Die Erscheinungen der Martha Rubin“, das 2008 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde (Youtube)

Radikaler als das dänische Performance-Kollektiv SIGNA bindet niemand in der deutschsprachigen Theaterlandschaft das Publikum in die Wirklichkeit einer Theateraufführung ein. In Ruby Town, dem von Militär bewachten Lager und Setting für Die Erscheinungen der Martha Rubin, das 2008 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, müssen sich die Besucher unmittelbar mit den internierten Bewohnern auseinandersetzen. Wer die Geheimnisse und Geschichten dieser Gemeinschaft ergründen will, begibt sich in Eigenregie auf Spurensuche, in engem Kontakt mit den Schauspielern, die unter keinen Umständen ihre Rollen verlassen, 250 Stunden lang. Für diese individuelle Theater-Erfahrung hat SIGNA in einer ehemaligen Lokhalle in Berlin Tempelhof auf 2.184 Quadratmetern 26 Häuser gebaut: die mit Mitteln des Illusionstheaters behauptete Bühnenwelt eines totalitären Regimes, in der die Zeit real vergeht und somit Gegenwart herrscht. Der Zuschauer wird hier zum künstlerisch manipulierten, aber selbst verantwortlichen Akteur in einem sozialen Experiment, das Macht, Ohnmacht, sexuelle Ausbeutung und die subjektiven Grenzen von Handlungs-Spielräumen verhandelt. Ob das Geschehen im fiktionalen Als-ob des Theaters verortet oder nach den ethischen Prinzipien der Alltagswelt bewertet wird, muss jeder Einzelne selbst entscheiden – auch, wie weit seine Partizipation geht.

Der Zuschauer als Akteur

Der vorkonzipierte Handlungs-Spielraum, der in jeder Aufführung durch die Beteiligten anders realisiert wird, unterscheidet sich bei partizipativen Theaterformen erheblich. Gemeinsam ist ihnen aber im Ansatz, dass sie die traditionelle Hierarchie einer exklusiven Kommunikation von der Bühne herab, wie sie sich in der Architektur des deutschen Stadttheaters manifestiert hat, durch Interaktion auflösen wollen. Dass Partizipation für das Theater seit den 1990er-Jahren so wichtig geworden ist, hängt unmittelbar mit der Kritik an seinen elitären Produktionsstrukturen zusammen. Im historischen Rückblick auf das 20. Jahrhundert begründet die amerikanische Kunsthistorikerin Claire Bishop diesen social turn in der Kunst mit dem politischen Scheitern der Idee von Gleichheit: dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten 1989. Dafür kehrt sie zu den Anfängen partizipativer Kunst als Praxis der historischen Avantgarden zurück und deren Programmatik, Kunst in Leben zu überführen.

Unter welchen Bedingungen Partizipation tatsächlich emanzipatorisch wirken und die gesellschaftlichen und politischen Machtverhältnisse beeinflussen kann, diskutieren auch der französische Philosoph Jacques Rancière oder der Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann. Denn Theater ist eine Sonderform im Bereich der Künste: Durch seine Nähe zum religiösen Ritual war es in Antike und Mittelalter bereits partizipative Praxis, bevor es in der bürgerlichen Theaterepoche des 18. und 19. Jahrhunderts überhaupt Kunst wurde und den Zuschauer als Gegenstand ästhetischer Erziehung entdeckte. In der zeitgenössischen Theaterpraxis wirkt heute vor allem die politisch engagierte Kunstbewegung der Neoavantgarden nach: flexible, gemeinschaftsstiftende Formate wie Happenings und Performances oder Interventionen im öffentlichen Raum. Ob das Publikum durch die Stadt zu kleinen Spielstätten in Privatwohnungen fährt, wie beim Format X-Wohnungen des Theatermachers und -leiters Matthias Lilienthal, sich in Spielgruppen zusammenschließt, um in lebensechten Point-and-Click-Adventures beim Hildesheimer Kollektiv machina eX mitzuspielen oder über Europas Zukunft abstimmt, wie bei Preenacting Europe von Interrobang – partizipative Ästhetiken zielen auf den mobilen und aktiven Zuschauer, der die Wirklichkeit einer Aufführung entscheidend mitgestaltet.

Theater als Grenzüberschreitung

Dass Kunst und Wirklichkeit dabei tatsächlich ununterscheidbar ineinanderfallen können, haben die Kunstaktionen des mittlerweile verstorbenen Christoph Schlingensief bewiesen, der das partizipative Theater in Deutschland maßgeblich geprägt hat. Über ihren medialen Echoraum erreichten Schlingensiefs provokative Grenzüberschreitungen eine breite Öffentlichkeit, wo sie kontrovers diskutiert wurden: Die Partei Chance 2000, die Schlingensief im März 1998 als Aktion in einem Zirkuszelt unter dem Titel Wahlkampfzirkus 98 auf dem Prater-Gelände der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gründete, trat unter dem Motto „Wähle Dich selbst“ zur Bundestagswahl an, wo sie 3.206 Erst- und 28.566 Zweitstimmen erhielt. Auch die zweite Generation der Gießener Schule, die situativen, postdramatischen und kollaborativen Bühnenformen verpflichtet ist, hat entscheidend dazu beigetragen, partizipative Theaterformen in ihrer Breite durchzusetzen. Seit 1994 experimentiert das deutsch-englische Kollektiv Gob Squad in bester Pop-Tradition an interaktiven Live-Video-Performances, in denen alles und jeder zum Gegenstand der Kunst werden kann. Ob sie zufällig beteiligte Passanten aus dem öffentlichen in den Theaterraum liveschalten, oder wie zuletzt in Western Society (2013) gemeinsam mit sieben Zuschauern das Familienvideo einer auf YouTube erfolglosen Wohnzimmer-Karaoke re-enacten – in ihrer Theaterwelt lösen Gob Squad das von Andy Warhol formulierte Demokratieversprechen der Pop-Kultur ein: „In Zukunft wird jeder 15 Minuten weltberühmt sein.“