Theatertechniker Lauter Liebhaber

Aufbau für das Bühnenbild von „Der Kirschgarten“, Regie: Lars-Ole Walburg an den Münchner Kammerspielen;
Aufbau für das Bühnenbild von „Der Kirschgarten“, Regie: Lars-Ole Walburg an den Münchner Kammerspielen; | Foto (Ausschnitt): © Kathrin Schäfer

Die schwierigsten Produktionen sind ihnen die liebsten: Menschen am Theater, die man nie sieht und ohne die gar nichts geht.

Wer am Theater arbeitet, liebt das Theater. Irgendwann hat es gezündet, beim Schultheater, während eines Aushilfsjobs. Ob Bühnentechniker oder Requisiteur, ob Schlosser, Schreiner, Maler, Dekorateur oder Konstrukteur, ob Ton- oder Videotechniker, fast alle hatten eine andere Ausbildung, ein anderes Berufsziel, doch kaum schnupperten sie rein in den Theaterbetrieb, da war es um sie geschehen.

Die Direktorin – der Direktor

Die technische Direktorin am großen und finanziell wohlausgestatteten Schauspiel Stuttgart, Luise Weidner, spielte schon in ihrer Schulzeit, zwar nur stumme Rollen, aber sie wollte unbedingt Teil der Theatergruppe sein. Sie studierte Theater- und Veranstaltungstechnik, parallel dazu Maschinenbau. Nach einem Job am Renaissance-Theater in Berlin war ihr Weg klar. Heute verteilt sie den Etat, minimiert das Gefährdungspotenzial auf der Bühne, entwickelt technical rider – eine Liste der technischen Anforderungen, in der alle Gewerke ihre Ausrüstung eintragen sollen für die häufigen Gastspiele. Es geht um viele Kleinigkeiten und es geht ums große Ganze, um Qualitätserhaltung, um Qualitätssteigerung des Stuttgarter Theaters: „Wie wollen wir wo hin und was brauchen wir notwendigerweise, um unsere Qualität, unser Niveau zu halten. Und was wäre noch notwendig, um unser Niveau und die Möglichkeiten, die wir anbieten können zu steigern.“ Im Hintergrund arbeiten viel mehr Menschen als im Scheinwerferlicht. Der Aufwand für eine Aufführung ist enorm. Die technische Direktorin in Stuttgart hat 109 Mitarbeiter zu betreuen, in sechs Gewerken: Schreinerei, Schlosserei, Malersaal, Ton und Video, Dekorationsabteilung, Beleuchtung.

Karl-Heinz Krämer, technischer Direktor der kleinen und finanziell knapp ausgestatteten Württembergischen Landesbühne Esslingen, hat Schreiner gelernt und Sozialkunde studiert. Er blieb bei einem Aushilfsjob an der Kölner Oper am Theater hängen, wurde technischer Direktor in Heidelberg, am Deutschen Theater in Berlin, in Potsdam, an der Bayerischen Staatsoper in München, und – frisch wie eh und je – in Esslingen, denn Theaterluft macht süchtig.

Die Techniker sind wesentlicher Teil der Produktionen und sie haben eine klare Meinung zu den Inszenierungen. Machen müssen sie allerdings, was Bühnenbildner oder Regisseur sagen. Karl-Heinz Krämer: „Ich verstehe mich als Dienstleiter der Künstlers.“ Da spricht er für alle.

Zeit – Sicherheit – Fantasie – Weiterbildung

„Theater ist Theater ist Theater“, sagt Karl-Heinz Krämer, „es riecht auch überall gleich, im Fundus, auf der Bühne“. Ob an der Bayerischen Staatsoper, wo der Etat auch mal 200.000 Euro sein kann für ein Bühnenbild, oder in Esslingen mit mageren 9.000 Euro. Die Herausforderungen bleiben – sie sind nur anders. Eine Landesbühne wie Esslingen zum Beispiel muss reisen, ganz Baden-Württemberg bespielen. Das bedeutet: zwei Bühnenbilder bauen, eins für die Bühne in Esslingen und eins, das transportfähig ist und auch in die Stadthalle Künzelsau passt.

Sicherheit und Ordnung ist die primäre Aufgabe von Bühnenoberinspektor Stephan Abeck, Chef der Bühnentechniker, das sind in Stuttgart immerhin 45 Leute. Die gelernten Schlosser, Schreiner, Dekorateure bauen nicht nur jeden Abend das Bühnenbild auf und ab, auch bei den Proben ist einer seiner zuständigen Bühnenmeister immer dabei. Der entscheidende Arbeitsprozess liegt zwischen der ersten Bauprobe, bei der die Zeichnung, der Entwurf und am liebsten das fertige Modell des Bühnenbilds besprochen werden, und der technischen Abnahme des fertigen Bühnenbilds, etwa zwei Wochen vor der Premiere. Besonders schwierig ist das Verhältnis von Aufwand und Zeit: „Mit viel Zeit kann man alles aufbauen“, doch die Bühnenarbeiter haben nur drei Stunden für den Abbau der Vormittagsprobe und Aufbau der Abendvorstellung.

Philipp Unger ist seit sechs Jahren Leiter der Requisite in Stuttgart, er und 13 Requisiteure arbeiten daran, dass das Essen für zwölf Personen auf dem Tisch steht in der Produktion von Terry Letts’ August: Osage County und die Kunststoffgläser aussehen wie aus Kristall. Dass die Rose bei der Schneekönigin blüht, verblüht und wieder aufblüht – ein höchst diffiziler Ablauf, aber ideal für Philipp Unger, sein Hobby ist Modellbau: „Basteln muss ein Requisiteur können“. Damit Stühle zum richtigen Zeitpunkt auseinanderbrechen und die 1.500 Brennnesseln, die in jeder Vorstellung ausgerissen und in die Unterbühne geschmissen werden, am nächsten Tag wieder im vollen Blätterschmuck im Bühnenboden stecken, wie bei Hamlet bei den Salzburger Festspielen. Regisseure wie Martin Kušej, Volker Lösch, Armin Petras, die viel fordern, sind ihm die liebsten, je schwieriger, desto besser findet auch seine Mannschaft. Der gelernte Schreiner und Restaurateur, der eigentlich im Museum arbeiten wollte, setzte noch den staatlich geprüften Requisiteur obendrauf. In seiner Truppe sind alle Mitarbeiter Spezialisten: Schreiner, Dekorateur, Schneiderin, Polsterer.

Der Leiter der Ton-und Videoabteilung des Staatsschauspiels Stuttgart ist mehrfacher Spezialist. Frank Bürger spielt drei Instrumente, ist geprüfter Lehrer für Saxofon und Klarinette und war Tonmeister für Orchester- und Kammermusikaufnahmen, bevor der Theatervirus ihn packte. Nach einem Tag Hospitanz am Theater Heilbronn musste er gleich eine Stückeinrichtung übernehmen. Sehr schnell leitete er dann auch die ganze Abteilung. Seit zehn Spielzeiten ist Frank Bürger in Stuttgart. Und obwohl es auch beim Ton immer anspruchsvoller wird, die Bühne offener, viel häufiger Musik live auf, neben oder vor der Bühne gespielt wird – die rasanteste Entwicklung in den letzten zehn Jahren nahm die Videotechnik.

Das bedeutet für Bürger, seine fünf Tonmeister und fünf Videotechniker ständige Weiterbildung, immer auf dem neuesten Stand und für alles gewappnet zu sein: „Viele Dinge im Theater sind eine Sonderlösung, ein Unikat, speziell auf eine Vorstellung zugeschnitten. Das ist das Spannendste überhaupt, man muss sich viel einfallen lassen, die Ideen der Künstler so zu realisieren, wie sie sich das vorstellen und dafür Ideen zu entwickeln.“ Zum Beispiel beim Kalten Herz ein Video auf eine zwölf mal zwölf Meter große Wand zu beamen. Das geht nicht einfach vom Zuschauerraum aus, da müssen zusätzliche Beamer in der Portalbrücke unterstützen, die wiederum kein Zuschauer sehen sollte. Der Effekt ist märchenhaft.

Ermöglichen

Ermöglichen ist ihr Beruf. Sie stehen dafür ein, dass die komplexe Theatermaschinerie reibungslos und für das Publikum unsichtbar läuft. Je größer die Herausforderung, desto begeisterter sind die Gewerke, an welchem Theater auch immer. Für die Hermannsschlacht in Potsdam baute der Malsaal kaschierte Bäume bis unter die Decke der kleinen „Blechkiste“, dem Interimstheater in Potsdam, ein Guckkastentheater ohne Drehbühne. Der Bühnenbildner wünschte sich im ersten Teil den Blick auf den Teutoburger Wald, im zweiten auf eine Hügellandschaft. Die extra errichtete Zuschauertribüne drehte sich trotzdem. Das sind die Unmöglichkeiten, an die Karl-Heinz Krämer mit Lust und viel Fantasie herangeht. „Dreh dich, hex, hex“ schrieben die Ungläubigen an die Tribüne.

Und das Theater dreht sich, ob mithilfe von 20 billig im Internet erstandenen Wagenhebern und zehn kräftigen Bühnenarbeitern wie in Potsdam. Oder mithilfe einer teuren und komplizierten Drehscheibe auf einem teuren und komplizierten Drehwagen in Stuttgart. Mehr geht immer. Bei Maschine und Mensch. Wie beim frenetisch gefeierten Stuttgarter Abend Johnny Cash Songbook. Die Requisiteurin singt und spielt Querflöte, der Pförtner spielt Gitarre, der Beleuchtungsmeister spielt E-Gitarre und singt Bass, der Schreiner spielt Bass und singt auch. Und die technische Direktorin? Singt und tanzt mit. Das muss Theaterliebe sein.