Deutscher Bühnenverein „Wir sind auf einem guten Weg“

Barbara Kisseler, Präsidentin des Deutschen Bühnenvereins (2015-2016);
Barbara Kisseler, Präsidentin des Deutschen Bühnenvereins (2015-2016); | Foto (Ausschnitt): © Bertold Fabricius

Ein Interview mit Barbara Kisseler, von 2011 bis 2016 Hamburger Kultursenatorin, über ihre Arbeit als Präsidentin des Deutschen Bühnenvereins. Sie übte das Amt vom Mai 2015 bis zu ihrem Tod am 7. Oktober 2016 aus. Das Interview fand Anfang 2016 statt.

Frau Kisseler, gibt es in Ihrer Arbeit Situationen, in denen sich die Ämter in die Quere kommen?

Nein, das habe ich bisher nicht erlebt. Der Deutsche Bühnenverein, in dem sich die deutschen Theater und Orchester organisiert haben, ist ein Arbeitgeberverband und wurde viele Jahre lang von Intendanten und Künstlern geleitet. In dieser Zeit schien es oft so, als gäbe es einen gottgegebenen Gegensatz zwischen den Vertretern der künstlerischen Seite und der Politik. Mit mir ist jetzt mal jemand von der anderen Seite, aus der Politik, in dieses Amt gekommen. Das empfinde ich als Vorteil.

Warum?

Ich spreche als Präsidentin des Bühnenvereins die Sprache der Politiker, mit denen ich umgehe, schließlich habe ich diese Sprache im Lauf meiner Jahre in der Politik gelernt. Deshalb finde ich bei Kulturdezernenten, Oberbürgermeistern und Ministern, mit denen ich spreche, auf Anhieb Gehör. Auch bei solchen Politikern, die von sich sagen, dass Kultur nicht ihre Sache ist. Ich frage am Telefon zum Beispiel, wenn irgendwo Kürzungen drohen: Habt ihr euch was dabei gedacht? Und wenn ja, darf man erfahren, was das ist? Manche Gewerkschafter fordern für die deutschen Theater quasi die Anstellung von Kulturbeamten, die Gegenseite pocht auf größtmögliche künstlerische Freiheit, die für die Künstler oft soziale Unsicherheit bedeutet. Da müssen wir Kompromisse finden. Ich fühle mich auf einem guten Weg dabei.

Wie argumentieren Sie gegenüber Politikern, die angesichts von Herausforderungen wie der Versorgung und Unterbringung von sehr vielen Flüchtlingen an der Kultur sparen möchten?

Zunächst mit Zahlen. Wenn man sich die vergleichsweise geringen Summen ansieht, die in den Kulturbereich fließen, relativieren sich schon viele Sparforderungen. Wer glaubt, unsere Gesellschaft hätte auch nur ein einziges Problem weniger, wenn sie im Kulturbetrieb spart, der betreibt Augenwischerei. Ich finde, wir müssen die Belastungen, die durch die in Deutschland ankommenden Flüchtlinge auf uns zukommen, möglichst gleichmäßig auf alle Schultern verteilen. Die Bereitschaft dazu erlebe ich im Kulturbereich an vielen Orten. Die Künstler sagen: Wir verweigern uns nicht, wenn uns Kürzungen treffen sollen, aber die Belastung muss angemessen sein. Ich finde, es geht um soziale Vergleichbarkeit. Wo die in den Kürzungsplänen der Politiker nicht gegeben ist, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern oder in Thüringen, da kämpfe ich dagegen.

Was halten Sie städtischen und regionalen Kulturpolitikern entgegen, die angesichts der Sparvorgaben der Berliner Politik, etwa der Einführung der sogenannten Schuldenbremse von 2018 an, Theater zusammenlegen oder gar schließen wollen?

In den nächsten Jahren werden die Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern neu geordnet werden. Ich bin davon überzeugt, dass auch nach dieser Neuregelung gelten muss: Theater sind systemrelevant. Dafür riskiere ich gern ein bisschen Ärger.

Wie überzeugen Sie Menschen, die selbst kaum oder gar nicht ins Theater gehen, dass es diese Art der Kultur braucht?

Ich würde mir wünschen, dass die Theater das selbst tun. Die Theater müssen sich noch mehr anstrengen, dass sie breitere gesellschaftliche Kreise erreichen. Ich finde im Übrigen: Konstruktive Anstrengung hat noch keinem geschadet. Angesichts des veränderten Medienkonsums von jungen Menschen sind die Künstler gefordert, zu erklären, was das Besondere von Theater ausmacht: Kein iPad beschert einem das authentische Erlebnis, das einem Theater beschert – ein Erlebnis, über das man sich vor und nach der Vorstellung austauschen kann. Darüber hinaus ist Theater ein wunderbares Mittel gegen die emotionale Vereinsamung, die heute viele Menschen erleben.

Sie betonen in Ihren Reden gern die sozialen Aspekte und die Integrationswirkung des Theaters. Was meinen Sie damit genau?

Auf der Theaterbühne wird sinnlich erfahrbar, was unsere Gesellschaft zusammenhält. Man erkennt dort die eigenen Werte wieder, gerade wenn Fragen gestellt werden, die kontrovers zu unserem politischen System stehen. Man lernt, andere Meinungen zu akzeptieren und fremde Sichtweisen auszuhalten. Das ist essenziell für unser alltägliches Zusammenleben. Ich weiß: Das Theater ist nicht der Reparaturbetrieb der Gesellschaft. Aber man kann dort erfahren, welchen Sinn es für den Einzelnen hat, sich gesellschaftlich einzumischen. Natürlich ist das nur ein Teil dessen, was die Kraft und den Zauber von Theater ausmacht. Man muss schon auch den Eigenwert der Kunst deutlich machen. Den anzuerkennen, lerne ich als Zuschauer im Theater. Ich habe die Erfahrung gemacht: Wer die Droge Theater einmal nimmt, der wird oft süchtig.

Sind Sie als Chefin des Bühnenvereins zufrieden mit dem Stellenwert, den das Theater in Hamburg unter der Kultursenatorin Kisseler genießt?

Mein Eindruck ist: In keiner deutschen Stadt wird das Theater so geliebt wie in Hamburg. Der Erste Bürgermeister Olaf Scholz hat seine Grundsatzrede zur Flüchtlingsproblematik im Thalia Theater gehalten und nicht im Rathaus – das ist ein Statement. Man ist in dieser Stadt stolz auf die Theater, man schätzt sie als Ort der Kunst und der bürgerlichen Öffentlichkeit.