Festivalbegleitende Begegnungsplattformen Von Räuschen und Fantasie-Impfungen

IMPACT 2014 bei PACT Zollverein: Workshop mit Kate McIntosh;
IMPACT 2014 bei PACT Zollverein: Workshop mit Kate McIntosh; | © Jana Mila Lippitz

Das Forum junger Bühnenangehöriger machte 1965 beim Berliner Theatertreffen den Anfang. Inzwischen gelten festivalbegleitende Begegnungsplattformen für Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen oder Studierende künstlerischer Fächer als Erfolgsmodell. Sie versprechen hierarchiefreie Diskurse, Arbeitspraxis und Netzwerk-Möglichkeiten.

„Es war wie ein Rausch“, schwärmt der Intendant der Stuttgarter Staatsoper, Jossi Wieler, von zwei inspirierenden Berliner Wochen im Mai 1981. Als Stipendiat des Forums junger Bühnenangehöriger sah der damals 30-Jährige nicht nur die komplette Inszenierungsauswahl des Berliner Theatertreffens. Vor allem genoss er den Austausch mit den anderen Teilnehmern. Auch der Regisseur und Dramaturg Hermann Beil, der – damals 20-jährig – 1965 dabei war, nahm neben einer gehörigen „Fantasie-Impfung“ aus Berlin die „stolze Gewissheit“ mit, dass Theater „die schönste Sache der Welt“ sei.

Unterschiedliche Akzentuierungen

Festivalbegleitende Stipendienprogramme und Begegnungsplattformen für junge Regisseure, Schauspieler, Dramaturgen oder Studierende künstlerischer Fächer sind ein Erfolgsmodell. Sie werden einerseits als Orte der hierarchiefreien Fachdiskussion oder auch der geschützten Praxiserprobung geschätzt und bieten andererseits ideale Möglichkeiten zum Netzwerken. Deshalb ist das 1965 ins Leben gerufene, über die Jahre freilich mehrfach modifizierte Forum des Berliner Theatertreffens bei weitem nicht mehr das einzige Programm seiner Art in Deutschland, sondern lediglich das älteste. Längst haben sich auch bei Festivals wie der Ruhrtriennale oder in performativen Kunstzentren wie dem Essener PACT Zollverein erfolgreiche Begegnungsplattformen etabliert.

In der Regel geht es dabei um zwei Aspekte. Zum einen liefern die eingeladenen Festival-Produktionen beziehungsweise Künstler fachspezifische Diskussionspunkte, die im Idealfall über die konkrete Inszenierung hinausweisen und grundlegende Debatten über das zeitgenössische Theater anstoßen. Zum anderen bringen die Teilnehmer eigene Fragestellungen aus ihrer Arbeits- oder Studienpraxis mit. Unterschiede existieren zwischen den jeweiligen Plattformen bezüglich der inhaltlichen Akzentuierungen sowie der organisatorischen und finanziellen Rahmenbedingungen.

Praxis-Workshops beim Internationalen Forum

So richtet sich etwa das mittlerweile zum „Internationalen Forum“ umbenannte Begegnungsformat des Berliner Theatertreffens, das auch vom Goethe-Institut unterstützt wird, an eine weltweite Klientel von Bühnen-Berufsanfängern. Das Stipendium umfasst neben den Reise- und Unterbringungskosten und den Eintrittskarten für sämtliche Theatertreffen-Inszenierungen auch ein Tagegeld. Bewerben kann man sich über eine öffentliche Ausschreibung direkt beim Veranstalter, den Berliner Festspielen. Inhaltlich liegt – neben den Diskussionen über die zehn zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen – ein starker Fokus auf der Arbeitspraxis: Workshops mit renommierten Regisseuren oder Künstlerkollektiven zu einem übergeordneten, jährlich neuen aktuellen Thema wie „Öffentlichkeiten inszenieren“ oder „Wirklichkeiten vorstellen“ bilden einen wesentlichen Programmbestandteil.

Schwerpunkt Kommunikationsplattform bei der Ruhrtriennale

Einen anderen Akzent setzt der Festivalcampus der Ruhrtriennale. Der Dramaturg Philipp Schulte rief ihn 2012 zusammen mit dem damaligen Festivalleiter Heiner Goebbels ins Leben und leitete ihn bis zur Ausgabe 2014. Da Schultes Programm zu einem großen Teil von internationalen Studierenden künstlerischer Fächer besucht wird, liegt der Schwerpunkt hier weniger auf einer künstlerischen Arbeits- als vielmehr auf einer Kommunikationsplattform. Zwar finden sich neben den Theorieseminaren auch praxisorientierte Angebote. Doch in erster Linie geht es Schulte darum, „breite Seherfahrungen zu ermöglichen“ und so „die künstlerische Produktion“, die an den Hochschulen sowieso gelehrt wird, sinnvoll um perspektivenreiche Diskurse zu ergänzen.

Fruchtbare Irritationen

„Wenn zum Beispiel junge Theaterleute aus Oslo auf junge Theaterleute aus Tel Aviv treffen, geraten Kategorien, die vorher ganz natürlich erschienen, plötzlich sehr produktiv ins Wanken“, beschreibt Schulte das Programm. Auch beim Festivalcampus der Ruhrtriennale gibt es Schwerpunktthemen, die sich thematisch mehr oder weniger explizit aus dem Festivalprogramm herleiten, dabei aber versuchen, übergeordnete Bühnenphänomene in den Blick zu bekommen. Die von Schulte konzipierten und zum Teil von namhaften Expertinnen und Experten geleiteten Workshops und Seminare heißen zum Beispiel „Phänomene der Abwesenheit“, „Schwäche als ästhetische Möglichkeiten“ oder auch „Tiere auf der Bühne“. Die Auswahl der Teilnehmer findet im Wesentlichen über kooperierende Hochschulen statt. Die Ruhrtriennale übernimmt neben den Eintrittskarten für die Festivalveranstaltungen auch Unterkunft und Verpflegung. Mit dem Intendanzwechsel – seit der Ausgabe 2015 leitet Johan Simons die Ruhrtriennale – hat sich auch der Festivalcampus personell und inhaltlich neu ausgerichtet.

Arbeitsweisen kennenlernen bei PACT Zollverein

Dass nicht nur Festivals, sondern auch feste Spielstätten mit Vermittlungs- und Begegnungsplattformen erfolgreich sind, beweist das internationale Performing-Arts-Zentrum PACT Zollverein in Essen. Die „Forschungs- und Entwicklungsformate“, die sich gleichermaßen an Studierende wie Künstler, Praktiker und Wissenschaftler richten, sind ausgesprochen vielfältig. In den Blick genommen sei hier daher das Impact-Format, dessen Klientel und Inhalt am ehesten mit dem „Internationalen Forum“ des Theatertreffens und dem „Festivalcampus“ der Ruhrtriennale vergleichbar ist.

Impact existiert seit 2004 und stellt einmal jährlich, im Herbst, drei jeweils sehr eigene künstlerische Positionen vor. Das Spektrum reicht von Medienkünstlern über Dokumentartheatermacher bis zu Architekten. Das Regiekollektiv Rimini Protokoll war bei Impact genauso zu Gast wie die Künstlergruppe Blast Theory, der Choreograf und Künstler Tino Sehgal oder der italienische Regisseur Romeo Castellucci. Wichtig ist dem PACT-Zollverein-Leiter Stefan Hilterhaus, dass es sich in jedem Fall um Künstler handelt, „die daran arbeiten, die Grenzen ihrer Metiers herauszufordern“.

Reziproker Lernprozess

Das Impact-Programm beschreibt Hilterhaus als „reziproken Lernprozess“. Die 30 bis 35 Workshop-Teilnehmer, die in der Regel über Ausschreibungen an Hochschulen wie auch über die Goethe-Institute eingeladen werden, erhalten einen „sehr eigenen und in dieser Form wirklich seltenen Einblick in die Arbeitsweise“ der jeweiligen Künstler. Darüber hinaus können sie sich mittels konkreter Arbeitsaufgaben selbst erproben. Das Symposium beginnt stets mit einem öffentlich zugänglichen Programm, in dem die eingeladenen Positionen präsentiert werden. Für das von der Kunststiftung NRW unterstützte Impact-Projekt kann man sich bei verschiedenen Institutionen um Stipendien bewerben. Aber auch für Selbstzahler ist Impact erschwinglich: Sie zahlen für das komplette Programm lediglich 100 Euro Aufwandsentschädigung, Mahlzeiten inklusive. Eine lohnende Investition: Die Arbeitsverbindungen, die zwischen den Teilnehmern entstehen, seien gar nicht hoch genug zu schätzen, sagt Stefan Hilterhaus.