Bühnenbildnerinnen Gegenwelten und Traumwelten

Die Cover der besprochenen Bücher: Katrin Brack, „Bühnenbild, Stages, Theater der Zeit“. Hg. Anja Nioduschewski und Barbara Ehnes, „Starting over – Alles auf Anfang“ Hg. Stefanie Carp, beide erschienen im Verlag Theater der Zeit
Die Cover der besprochenen Bücher: Katrin Brack, „Bühnenbild, Stages, Theater der Zeit“. Hg. Anja Nioduschewski und Barbara Ehnes, „Starting over – Alles auf Anfang“ Hg. Stefanie Carp, beide erschienen im Verlag Theater der Zeit | © Verlag Theater der Zeit

Katrin Brack und Barbara Ehnes: zwei Bühnenbildnerinnen, die das Theater beeinflusst und verändert haben. Über jede von ihnen hat der Verlag Theater der Zeit einen aufwendig gestalteten Bildband veröffentlicht.

Das Glück, eine neue Welt zu sehen oder das Glück, die Welt ganz anders zu sehen erleben wir auf dem Theater zuerst durch das Bühnenbild. Dessen Wirkung ist nicht nur während der Vorstellung präsent, denn wenn wir uns an Inszenierungen erinnern, sehen wir zuerst Bilder.

Kunstraum

Jeff Koons von Rainald Goetz am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg 1999 war einfach überwältigend. Rasend modern, quietschbunt, Räume im Raum. Das Bühnenbild zeigt die Welt, wie sie sein könnte, wenn Kunst und Kommerz lustvoll aufeinanderprallen, ironisch überhöht, die Geburt von Pink auf dem Theater. Koons’ menschengroße Stofftierfiguren agieren neben den Schauspielern. Andy Warhols Factory fährt herein und ist damit Kunstraum im Kunstraum. Bühne: Barbara Ehnes – schlagartig wird sie mit dieser Hamburger Inszenierung bekannt. 

Der Pop-Autor Rainald Goetz schreibt über Pop-Art-Künstler Jeff Koons, und der gerne Pop-Regisseur genannte Stefan Bachmann mischt mit seiner Bühnenbildnerin die Theaterästhetik neu auf. Was aber ist für Ehnes Pop? „Die Heutigkeit der Materialien, die Zitate von Populärkultur und eine gewissen Künstlichkeit.“ Demzufolge arbeitet Ehnes immer wieder mit Zitaten und erschafft mit absoluter Künstlichkeit eine Wahrheit, die natürlich immer den Absichten des Regisseurs, dem Stück dient. Von Jeff Koons sind besonders in Erinnerung: die komisch-verzweifelten Versuche der Figuren, Bedeutung zu gewinnen, Zuneigung, Ruhm, in immer wieder wechselnden Räumen ihre Position zu bewahren.

Symbolraum

Von Iwanow bleibt weißgraue Kälte in Erinnerung, sowie die Verlorenheit und die Tristesse der Figuren in ihren bunten Zirkuskostümen. Iwanow von Anton Tschechow an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, aufgeführt 2005. Auf der Bühne sieht man Menschen und Nebel, sonst nichts. Dieses Bühnenbild von Katrin Brack provoziert die Vorstellungskraft von Schauspielern und Zuschauern auf unerhörte Weise und schafft ein eigenes Zauberreich, das sich in jeder Vorstellung verwandeln, eine neue Dynamik entwickeln kann. Der vernebelte Iwanow ist ein symbolischer Raum, der das ziellose Tasten, die innerliche Unschärfe der Menschen abbildet. Ein flüchtiger, diffuser, ungreifbarer Raum, in dem die Zeit stehen geblieben ist.

Katrin Brack erfindet etwas Einzigartiges, nämlich Welten, die ganz und gar erfunden sind, meist mit nur einem Material gefüllte, geweitete Räume. Die Abbildungen zeigen Kunstwerke, die für sich sprechen. Sie verzaubern durch unerhörte Leichtigkeit und Heiterkeit. Ein Kindertraum: Konfetti, Luftschlangen, Schaukeln, Schaum, Nebel, Goldgirlanden, Luftballons. Jedes Kind würde sich mit Freuden hineinwerfen, mitspielen. Aber wie bewegt sich ein Schauspieler, der eine Figur erfinden, verkörpern soll, in einem Raum voller Konfetti? Voller Luftschlangen? Voller Goldgirlanden?

Wirklichkeiten

Der Widerstand den Katrin Bracks Räume dem Schauspieler bieten, scheint erst unüberwindbar, wird dann zur Befreiung, beflügelt die Fantasie. Barbara Ehnes’ Bühnenbilder sind dagegen hochkomplex und können verwirrend sein, etwa beim Andersen Projekt im Thalia Theater in Hamburg 2010, wo Zweidimensionales und Dreidimensionales ununterscheidbar sind, mit unvermuteten Spiegelungen, mit Videos, die quasi ins Geschehen eingreifen. Aber wer sich in die Vielfalt auf der Bühne hineinsieht und hineindenkt, der wird reich belohnt.

Es geht ja immer darum, dass man Raum schafft für neue Blickweisen auf einen Stoff, neue Spielweisen, neues Denken. Dafür braucht man Überraschung und Irritation. Barbara Ehnes ist der Wirklichkeit auf der Spur, indem sie neue Wirklichkeiten schafft. Ihre Bühnenbilder sind eine Herausforderung, auch weil sie gerne die Räume verwandelt, die Guckkastenbühne unterläuft, etwa indem sie die Bühne in eine steile Schräge umbaut, Schauspieler auf Sesseln schweben lässt, für Tänzer oben und unten aufhebt, den Raum kreisen lässt. Wenn Schauspieler wie in Anton Tschechows Die Möwe 2000 am Hamburger Schauspielhaus auf einer Eisfläche Schlittschuh laufen, denken und sprechen sie ihre Texte anders, nimmt der Zuschauer sie anders wahr.

Während Barbara Ehnes Schicht über Schicht legt und auf diese Weise in die Räume eingreift, stellt Katrin Brack einen Raum zur Verfügung, so konkret wie symbolisch. Beide schaffen Räume von hoher Künstlichkeit, die ihre eigene Wirklichkeit behaupten. So ist Barbara Ehnes eine Schöpferin von Gegenwelten, Katrin Brack von Traumräumen. Ein Raum von Katrin Brack träumt. Ein Raum von Barbara Ehnes erzählt.

Die Kühnheit, Schönheit und Symbolkraft ihrer Bühnenbilder kann man zum Glück in den beiden ihnen gewidmeten Bänden nacherleben. Die vielen Aufführungsfotos sind mit Interviews und Kommentaren aufschlussreich ergänzt.
 

Barbara Ehnes: Starting over – Bühnenbilder, Konzepte. (zweisprachig: deutsch/englisch) Verlag Theater der Zeit
Katrin Brack: Bühnenbild (zweisprachig: deutsch/englisch) Verlag Theater der Zeit