Foreign Affairs 2016 Unsicherheit

William Kentridge „Refuse the Hour“
William Kentridge „Refuse the Hour“ | Foto (Ausschnitt): Jac de Villiers

Im Juli und August 2016 stellte das internationale Performance-Festival Foreign Affairs in Berlin, das zum letzten Mal unter der Leitung von Matthias von Hartz stand, den südafrikanischen Künstler William Kentridge ins Zentrum.

Kaum in Berlin angekommen, schon passé: 2012 feierten die Berliner Festspiele die erste Ausgabe des Performance-Festivals Foreign Affairs – 2016, nach nur fünf Ausgaben, wird das Format wieder eingestellt. Thomas Oberender, der Intendant der Festspiele, erklärte, er wolle „aus Produktionszwängen aussteigen, die oft mit Festivals verbunden sind“, und etwas tun, das „nachhaltiger wirkt“. Dieses neue, „nachhaltigere“ Format soll sich ab Herbst 2016 mit den „immersive arts“ beschäftigen – also mit darstellender Kunst, die das aktive Mitwirken und Eintauchen des Zuschauers voraussetzt. Matthias von Hartz, der Foreign Affairs vier Jahre lang leitete, bedauerte das rasche Ende – man habe sich schließlich bereits im internationalen Festival-Kontext positioniert. Von Hartz selbst braucht allerdings keine Zukunftssorgen zu haben: Schon ab dem Sommer 2016 ist er für das internationale Programm des Athener Epidauros-Festivals zuständig.
 
Seine letzte Ausgabe widmete Foreign Affairs 2016 nun den Altmeistern der internationalen Performance-Szene: Während der Belgier Alain Platel mit En avant, marche! das Festival eröffnete, bestritt die ebenfalls belgische Needcompany das Finale – gefolgt von der britischen Gruppe Forced Entertainment, die in From the Dark mit dem Publikum und vielen Plüschtieren auf der Bühne die allerletzte Festivalnacht durchwachte. Der große Festival-Schwerpunkt aber war dem südafrikanischen Künstler William Kentridge gewidmet.

  • Alain Platel „En avant, marche!“ Foto: Phile Deprez
    Alain Platel „En avant, marche!“
  • Alain Platel „En avant, marche!“ Foto: Phile Deprez
    Alain Platel „En avant, marche!“
  • Forced Entertainment „From the Dark“ Foto: Hugo Gendinning
    Forced Entertainment „From the Dark“
  • Forced Entertainment „From the Dark“ Foto: Hugo Gendinning
    Forced Entertainment „From the Dark“
  • William Kentridge „Drawing Lessons“ © William Kentridge
    William Kentridge „Drawing Lessons“
  • William Kentridge „Ubu and the Truth Commission“ Foto: Luke Younge
    William Kentridge „Ubu and the Truth Commission“
  • Matthias von Hartz, Leiter von Foreign Affairs von 2012 bis 2016 Foto: Antonia Zennaro
    Matthias von Hartz, Leiter von Foreign Affairs von 2012 bis 2016

Kentridge stand selbst auf der Bühne

Schwarze Hose, weißes Hemd, Zwicker auf der Nase: Kentridge sieht im echten Leben genau so aus wie in seinen Videos – wenn er sich in Berlin unter die Besucher mischte, erkannte ihn jeder. Kentridge war während der beiden Festivalwochen stets präsent: Er stand bei vielen Performances auf der Bühne; er hielt in Marathon-Abenden seine Drawing Lessons, also Lecture Performances übers Zeichnen – und er sprang sogar ein, als in Ubu and the Truth Commission“ die Hauptdarstellerin wegen eines Bühnenunfalls ausfiel. Nur auf deren Tanzpartien wollte der 61-Jährige lieber verzichten.
 
Während die Berliner Festspiele im Martin-Gropius-Bau eine große Ausstellung über Kentridge zeigten, hat Foreign Affairs ein Festival mit ihm im Zentrum kuratiert. Kentridge gerierte sich dabei nicht als der große Superstar, sondern zeigte sich als sympathisch nahbarer Zauberkünstler, der seine Tricks erklärt. Die Festspiele stemmten in der Verbindung von Festival und Ausstellung die wohl umfassendste Präsentation von Kentridges Werk in Deutschland. Seine poetischen und politischen Arbeiten wurden hier genauso miteinander verknüpft wie seine bildende und darstellende Kunst der letzten Jahrzehnte. Man lernte Kentridges Kunst in all ihrer Varianz und Handwerklichkeit kennen und stieß überall auf die Motive, die er in den unterschiedlichen Medien immer wieder repetiert: die Kohlezeichnungen mit den Espresso-Kannen, die Daumenkinos mit seinen Selbstporträts, die Schreckensbilder aus der Apartheid, die Umkehrung der Chronologie.
 
Die Sehnsucht, sich der Diktatur der Zeit zu entziehen, erlebte man am stärksten in der Performance Refuse the Hour, wo Joanna Dudley das übermenschliche Kunststück wagte, eine Oper in den Mund der Sängerin zurück zu singen. Das gleiche Motiv zeigten die Seven Fragments, eine Video-Installation in der Werkschau im Martin-Gropius-Bau, bei der Kentridge die Aufnahmen rückwärts abspielt, sodass die Farbe zurück in den Pinsel läuft – und wieder unendliche Möglichkeiten für das Kunstwerk entstehen.

Nachtausstellung im Festspielhaus

Im Keller des Berliner Festspielhauses wurde diese Ausstellung fortgeführt: Hier hatten Kentridge und von Hartz eine Nachtausstellung eingerichtet, die nur dann gezeigt werden konnte, wenn die Technik auf der Bühne stillstand. Im Schacht des Lastenaufzugs wurde der poetische Film Return gezeigt – laut Kentridge war es die beste Präsentation, die der Film bisher erlebt hat.
 
Auch Kentridges politische Arbeiten waren präsent: Auf der Unterbühne lief I Am Not Me, the Horse is Not Mine, ein Video auf acht Kanälen, das Nikolai Gogols Erzählung Die Nase mit den stalinistischen Schauprozessen von 1937 verwebt. In der Kantine war das Video aus Ubu and the Truth Commission zu sehen, über die Versöhnungskommission nach der Apartheid in Südafrika.

Festivalmotto: Uncertainty

„Uncertainty“, also: Unsicherheit – dieses Festivalmotto hatte sich Matthias von Hartz von Kentridge geborgt. Für Kentridge ist die „Unsicherheit“ nicht nur Teil des künstlerischen Prozesses, sondern auch ein politisches Statement: „Eins ist uns doch vollkommen klar: Jeder politische Anspruch auf Sicherheit ist immer ein autoritärer. Er muss immer abgesichert werden von jemandem, der eine Waffe trägt“, so der Künstler. Uncertainty – damit offenbart Kentridge eine Politik-Skepsis, die alle behaupteten Sicherheiten, alle falschen Eindeutigkeiten ablehnt.
 
Mehr allerdings als die politischen Doku-Fetzen, die manchmal etwas beliebig eingestreut wirken, überzeugte Kentridges Poesie des Alltags: Wenn bei Journey of the Moon eine Kaffeetasse zum Fernrohr wird und eine Espresso-Kanne zur Rakete – dann geht es vom Frühstückstisch direkt zur Weltraumexpedition, vom Alltag unmittelbar zur universellen Befragung des Lebens. Da ist Kentridges Kunst auch heute noch ganz groß.