Zum 70. Geburtstag von Elfriede Jelinek Ordentliches Chaos

Elfriede Jelinek;
Elfriede Jelinek; | © Karin Rocholl

Über 30 Theaterstücke hat Elfriede Jelinek, die nun 70 Jahre alt wird, im Laufe ihres Schriftstellerinnenlebens geschrieben. Dem deutschsprachigen Theater haben sie nicht nur eine Menge Arbeit beschert, sondern auch großes Glück.

Die Schriftstellerin Elfriede Jelinek arbeitet sich in einem „Formulierungshass“ an der Welt und an der deutschen Sprache ab – so hat eine mächtige österreichische Kritikerin einmal ihre Bewunderung für Jelineks Werk ausgedrückt. Deshalb ist es nur konsequent, dass eines von Jelineks jüngsten Stücken den Titel Wut trägt. Als das Stück im April 2016 in München uraufgeführt wurde, verkündete Jelinek im Programmheft, sie selbst sei eigentlich seit vielen Jahren fast ununterbrochen von Wut erfüllt. Elfriede Jelineks dauerhafter Zorn hat der Theaterwelt ein wildes, fast furchterregend umfangreiches, in viele Sprachen übersetztes Werk beschert.
 
Wut handelt von den Pariser Terroranschlägen auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo und auf einen Supermarkt für koschere Lebensmittel. Das Stück erzählt aber auch von den geifernden Protesten sogenannter Wutbürger gegen Fremde oder gegen Bauprojekte wie den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof, von der Raserei des antiken Helden Herakles und von der Empörung einer Frau, die von ihrem Mann betrogen wird. Kurz: Der Text ist ein großes Kuddelmuddel. In dem wird entschlossen vermischt, was oft nur dank verwegener Assoziationen lose zusammengehört. Das ist sehr typisch für Elfriede Jelineks Spielvorlagen für das Theater. Die großen und die kleinen Katastrophen des Lebens, der globale ebenso wie der private Horror, sind in fast all ihren Werken Bestandteil einer großen Suada: eines Redeschwalls, der angetrieben wird vom immer wieder neu aufflammenden Zorn der Dichterin.
 
Für das deutschsprachige Theater der Gegenwart erweisen sich die Tiraden von Elfriede Jelinek, die 2004 den Literaturnobelpreis erhielt und am 20. Oktober 2016 ihren 70. Geburtstag feiert, als nahezu ideale Spielvorlagen – wegen ihrer offenen Form. Tatsächlich sind sich die herausragenden Regisseurinnen und Regisseure dieses Theaters einig, dass zeitgenössische Theatertexte den Akteuren auf der Bühne möglichst wenig vorschreiben sollen. Die Dichterworte sind nach dem Verständnis der Theatermacher vor allem dazu da, Sprach- und Spielräume zu öffnen für die Auseinandersetzung mit der politischen und gesellschaftlichen Realität. Es geht „um den Versuch, mit Kunst den Wahnsinn der Welt ein bisschen zu entschärfen und etwas Vernunft einkehren zu lassen“, hat der Regisseur Nicolas Stemann über Wut gesagt. Dabei müssten weder die Schauspieler noch die Zuschauer immer Wort für Wort verstehen, was in Jelineks Text steht. „Diese dramatische Literatur ist für die sinnliche Umsetzung geschrieben. Die Texte wollen performt werden.“

Erfolg durch Jelinek

Tatsächlich haben Elfriede Jelineks Stücke in den vergangenen Jahren die Spielpraxis auf deutschsprachigen Theaterbühnen maßgeblich beeinflusst. Die assoziativen Texte Jelineks, von denen Wolken.Heim (uraufgeführt 1988), Das Werk (2003) und Die Kontrakte des Kaufmanns (2009) zu den herausragenden zählen, haben einen assoziativen Regiestil gefördert, der heute in vielen wichtigen deutschsprachigen Theatern das Handwerk bestimmt. Romantexte, Filmstoffe und klassische Stücke werden von fast allen bedeutenden Regisseurinnen und Regisseuren als Anregung für eine performative Kunst begriffen, für die sich Theaterwissenschaftler den Fachbegriff „postdramatisch“ ausgedacht haben.
 
Ein paar der besten Regisseure der Gegenwart sind gerade durch ihre Jelinek-Aufführungen zu stilprägenden Künstlern geworden. Nicolas Stemann zum Beispiel hat im Lauf seiner Karriere bereits neun Spielvorlagen von Jelinek aufgeführt, Karin Beier, Jossi Wieler und Johan Simons sind mit Jelinek-Texten großartige Aufführungen gelungen. Simons hat die Einzigartigkeit der Autorin so beschrieben: „Ihre Texte zeichnen sich durch hohe Musikalität aus. Man hört Jelinek im Theater beim Denken zu. Und man empfindet sofort: Es geht um das Hier und Jetzt.“

Chaos als Versuchsanordnung

Theaterabende mit Elfriede Jelineks Texten sind Versuchsanordnungen mit ungewissem Ausgang – weil die Autorin den Regisseuren ausdrücklich erlaubt, Passagen zu streichen oder ihre Texte auf die Partien hin zu fleddern, die auf der Bühne nützlich erscheinen. Für ihren Dienst am Theater hat Jelinek 2013 in einem Grußwort zu einem Jubiläumskongress des Wiener Burgtheaters eine Formulierung gefunden: „Ich gebe nur mein Chaos her, meine beliebigen Erfindungen, ziemlich ungeordnet, nicht einmal Wichtiges wird von Unwichtigem getrennt, ein ordentliches Chaos hat das nun mal an sich, dass nur die Natur darüber wacht, es vielleicht sogar hervorgebracht hat, und ausgerechnet in mir wollte es ans Abendlicht!“
 
In den skandinavischen Ländern, in Osteuropa und in Frankreich ist Elfriede Jelinek seit Jahren eine viel gespielte Theaterautorin. Beim Rowohlt-Theaterverlag, der Jelineks Stücke verlegt hat man alle Aufführungen seit 1979 – damals wurde als erstes ihrer Stücke Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften in Graz uraufgeführt – in einer imposanten Liste verzeichnet. Nils Tabert, der Chef des Theaterverlags, sagt: „Ich vermute, sie ist die derzeit international am meisten gespielte deutschsprachige Autorin überhaupt.“ In Großbritannien, den USA und anderen angelsächsischen Ländern werden Jelineks Theatertexte bis heute eher selten gespielt. Natürlich hat das damit zu tun, dass sich dort die Idee des performativen Spiels weniger durchsetzen konnte; vom angelsächsischen Ideal des Well made play scheinen Jelineks Theatertexte bis heute sehr weit entfernt zu sein. Elfriede Jelinek schreibt Theatertexte nicht für Bühnenfiguren. Ihre Kunst-Anstrengung gilt allein der Sprache, auf die sich ihr wütender Furor konzentriert. „Als müsste ich aus jedem Wort wirklich alles herausquetschen, was drinnen sein könnte", so hat sie ihr Dichten beschreiben, „eher geb ich kein Ruh".