Wohin geht die Theaterwissenschaft? Ein Fach befragt sich und seine Gegenstände

Kongress der Gesellschaft für Theaterwissenschaft 2014: „Episteme des Theaters“. 25.-28. September 2014, Ruhr-Universität Bochum, Institut für Theaterwissenschaft
Kongress der Gesellschaft für Theaterwissenschaft 2014: „Episteme des Theaters“. 25.-28. September 2014, Ruhr-Universität Bochum, Institut für Theaterwissenschaft | Foto: Robin Junicke

Vom 25. bis 28. September 2014 kam die Gesellschaft für Theaterwissenschaft zum 12. Mal zu einem Kongress zusammen, der vom Institut für Theaterwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum ausgerichtet wurde. Seit ihrer Gründung 1992 befragte und untersuchte die Gesellschaft Inhalte und Ausbildungsziele der Theaterwissenschaft.
 

Die Theaterwissenschaft ist mit ihren gut 100 Jahren eine vergleichsweise junge Disziplin, die ihren Ursprung in der Germanistik hat. Mittlerweile ist das Fach breit aufgestellt und kann mit unterschiedlichen Facetten und Schwerpunkten studiert werden. Oft findet man eine Kombination aus Theater-, Film- und Medienwissenschaften. In Gießen gibt es zum Beispiel den Studiengang Angewandte Theaterwissenschaft, relativ neu ist die Szenische Forschung in Bochum, in Hildesheim hat sich der tranzdisziplinäre Ansatz der Kulturwissenschaft einen Namen gemacht und es gibt diverse Dramaturgiestudiengänge, die an Universitäten, aber auch an Hochschulen und Akademien für Musik und Theater angeschlossen sind. Ein grundlegender Unterschied zwischen den Studiengängen liegt in der jeweiligen Gewichtung des Verhältnisses von Praxis und Lehre.

2014 las man in der Presse vornehmlich über das Leipziger Institut für Theaterwissenschaft. Hier sollten insgesamt fünf Professoren- und Mitarbeiterstellen nach ihrem Auslaufen nicht wieder besetzt werden, was der Schließung des Instituts gleichgekommen wäre. In Leipzig fand 1992 der erste Kongress der Gesellschaft für Theaterwissenschaft statt. 2014 tagte der Kongress zu dem Thema Episteme des Theaters. Damit stand die Frage nach dem Kern der Theaterwissenschaft auf dem Programm: welche Methodik liegt zugrunde und welche Erkenntnisse kann szenische Forschung hervorbringen.

Vielfalt der Gegenstände

Man traf sich, um sich den Denkräumen zwischen Wissenschaft und Kunst zu widmen. Zur Eröffnung war mit Hans-Thies Lehmann eine Koryphäe des Faches präsent. Er, der den Begriff des „Postdramatischen Theaters“ geprägt hat, ist neben Erika Fischer-Lichte, die zentral zur „Ästhetik des Performativen“ arbeitet, wohl einer der bekanntesten deutschen, inzwischen emeritierten, Theaterwissenschaftler.

Auf dem Kongress gab es neben knapp 30 Panels zahlreiche Themenforen, die um die grundlegenden Begriffe und Gegenstände der Theaterwissenschaft kreisten. Die Fragen ließen sich dabei den drei Schwerpunkten des Faches zuordnen, denen Studierende auch in der Lehre oft in dieser Unterteilung begegnen: Theatertheorie, Theatergeschichte und -geschichtsschreibung und (Aufführungs-)Analyse. Innerhalb dieser drei Bereiche sind die untersuchten Gegenstände denkbar breit aufgestellt und die Theorien liegen oft an den Schnittstellen zu andern Kunstwissenschaften, zur Philosophie, Soziologie und der Auseinandersetzung mit dem Spielerischen. Die Vielzahl der Fragestellungen ließ sich durch die Abhängigkeit des Theaters von seinem jeweiligen Kontext erklären. Als roter Faden durch die Vorträge diente Michel Foucault. Ein Großteil der Vorträge bestand in der Auseinandersetzung mit seinem Verständnis von Epistemen. Ganz nebenbei bietet ein solcher Kongress auch die Möglichkeit, zu sehen, woran die Anderen arbeiten, entsprechende Kontakte zu knüpfen oder die eigene Forschung von bestimmten Positionen abzugrenzen.

Die großen Schlagworte, wie die „Ästhetik des Performativen“ oder das „postdramatische Theater“, konnten auch auf dem Kongress in Bochum nicht durch neue ersetzt werden. Vielmehr bekam man den Eindruck, dass die Begriffe lediglich ausdifferenziert, interdisziplinär kombiniert und übertragen wurden. Die zentrale Frage des Kongresses richtete sich vor allem nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis. Der Wissenschaftshistoriker Hans-Jörg Rheinberger verglich in einem der Eröffnungsvorträge die Laborsituation in Kunst und Wissenschaft. Gemeinsam sei beiden der experimentelle und dabei kollektive Zugang, der ergebnisoffen und dem Unschärfeprinzip unterworfen ist. Die Begriffe „Experiment“ und „Probe“, die auch in anderen Vorträgen immer wieder wichtig waren, bezeichneten damit eine vergleichbare Herangehensweise. Auch Mieke Matzke, Professorin für Experimentelle Formen des Gegenwartstheaters an der Universität Hildesheim und Mitglied des Performance-Kollektivs She She Pop – sie selbst bezeichnet das als schizophrene Biografie – setzte sich in ihrem Vortrag mit dem Wechsel vom Seminarraum zur Probebühne im Hochschulkontext auseinander. Die anschließende Diskussion kreiste um die Fragen, welche Veranstaltungen die Lehrenden anbieten und was die Studierenden erwarten, wenn sie sich für ein Studium der künstlerischen oder szenischen Forschung entscheiden. Auch wenn hier nicht immer Einigkeit herrschte, besteht Konsens darin, dass der Zugang der szenischen Forschung zu bestimmten Themen einzigartig ist und Erkenntnisse ermöglicht, die alleine durch das wissenschaftliche Herangehen nicht möglich wären. Das erkennt, neben den Studierenden, hoffentlich auch die (Hochschul-)Politik.
 
Kongress der Gesellschaft für Theaterwissenschaft 2014: „Episteme des Theaters“
25.-28. September 2014, Ruhr-Universität Bochum, Institut für Theaterwissenschaft.