Symposium zur Zukunft des Theaters Im Auftrag der Flüchtlingshilfe

Georg Kasch, Johanna Freiburg, Wolfgang Engler, Ernest Allan Hausmann, Ulrich Matthes (v.l.n.r.)
Georg Kasch, Johanna Freiburg, Wolfgang Engler, Ernest Allan Hausmann, Ulrich Matthes (v.l.n.r.) | Foto: © David Baltzer

Die deutschsprachigen Stadt- und Staatstheater haben sehr schnell auf den Zustrom der Flüchtlinge aus dem Nahen Osten, Afghanistan und Afrika reagiert. Das hat zur Folge, dass Intendanten und Dramaturgen auf ihren Tagungen derzeit nur ein Thema haben: Die Flüchtlinge und wie sie mit diesem Thema umgehen sollen. An der Berliner Akademie der Künste fragte man sich während eines Symposiums Ende Januar 2016, ob das Theater tatsächlich so etwas wie einen politischen und sozialen Auftrag habe.
 

Derart zeitnah und flächendeckend haben die Theater in Deutschland noch nie reagiert. Sieht man sich die Liste der Theaterabende, Projekte und Aktionen an, mit denen die Theatermacherinnen und Theatermacher in den letzten Monaten auf die Fluchtbewegungen von Menschen aus Bürgerkriegsländern reagiert haben, kann man schon jetzt ein vorläufiges Fazit ziehen: Im gleichen Zeitraum, in dem die Angst der Deutschen vor Wohlstands- und Wohlfühlverlusten von Tag zu Tag gewachsen ist, haben die Theater den Migrationsturbo eingeschaltet und sich in die Reihe der freiwilligen Helferinnen und Helfer eingefügt. Keine Bühne will fehlen. Ein Flaggschiff der Schauspielkunst, das Deutsche Theater Berlin, richtete auf einer Probebühne eine Notunterkunft für Asylsuchende ein. Und selbst ganz kleine Bühnen wie das Theater der Stadt Aalen, die weder finanziell noch personell für so etwas gerüstet sind, bieten Sprachklassen für Flüchtlingskinder an.

Man hat den Eindruck, die Theater wollten sich als Zentralstelle der sozialen Willensbildung im Bewusstsein der Stadtgesellschaft verankern. Es stellt sich aber auch die Frage, ob Theatermacherinnen und Theatermacher tatsächlich mit dem Auftrag „Flüchtlingshilfe” unterwegs sein sollten. Ende Januar 2016 fand in der Berliner Akademie der Künste ein Symposium zum Thema „Was soll Theater” statt. Neben politisch Verantwortlichen debattierten Intendanten, Schauspielerinnen und Schauspieler sowie Journalistinnen und Journalisten. Die Antwort auf die Frage, ob das Theater angesichts einer Herausforderung wie der Flüchlingskrise einen politischen und sozialen Auftrag habe, war überraschend einhellig: „Natürlich”.

Bildungs- und sozialer Auftrag


In Dresden stelle sich diese Frage angesichts der dumpfen Pegida-Stimmung so gar nicht, meinte Intendant Wilfried Schulz, zu diesem Zeitpunkt Intendant des Staatsschauspiels. Natürlich frage er sich im Moment, ob sein Spielplan von diesem Thema nicht zu sehr dominiert werde. Er müsse aber reagieren und parallel zu den Pegida-Demonstrationen unter anderem ein großes Flüchtlingscafé anbieten. Einen Auftrag brauche er alleine deshalb nicht, weil es ein großes Anliegen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sei, sich in dieser Frage klar zu positionieren. Die Präsidentin der Bundeskulturstiftung, Hortensia Völckers, ging einen Schritt weiter und meinte, das Theater habe einen Bildungsauftrag wie nie zuvor. „Wir müssen diesen Moment von Unstabilität und Ausnahme nutzen. Gerade weil die Not groß ist, geht plötzlich ganz viel”.
 
  • Ulrich Matthes Foto: © David Baltzer
  • Jürgen Berger, Wilfried Schulz, Hortensia Völckers, OB Peter Kurz, Burkhard C. Kosminski (v.l.n.r.) Foto: © David Baltzer
    Jürgen Berger, Wilfried Schulz, Hortensia Völckers, OB Peter Kurz, Burkhard C. Kosminski (v.l.n.r.)
  • Petra Kohse, Georg Kasch, Christine Wahl, Jürgen Berger (v.l.n.r.) Foto: © David Baltzer
    Petra Kohse, Georg Kasch, Christine Wahl, Jürgen Berger (v.l.n.r.)
  • Björn Bicker, Friederike Emmerling, Ulrich Khuon, Christine Wahl (v.l.n.r.) Foto: © David Baltzer
    Björn Bicker, Friederike Emmerling, Ulrich Khuon, Christine Wahl (v.l.n.r.)


Völckers meinte wohl auch, dass die Theater in so einer Situation von der Politik finanziell besser ausgestattet werden müssten. An ihrer Seite saß Mannheims Oberbürgermeister Peter Kurz. Ob das Theater einen klar definierten Auftrag habe, so Kurz, könne er nicht sagen, einen Auftraggeber aber schon: Die jeweilige Stadtgesellschaft. Das Theater sei im Moment geradezu verpflichtet, seine Kräfte in Richtung der Flüchtlingsfrage zu bündeln. Auf dem Podium saß auch Mannheims Schauspiel-Intendant Burkhard C. Kosminski. Er betonte, sobald ein Theater Flüchtlinge auf die Bühne hole, übernehme es große Verantwortung. Für das Nationaltheater habe das zur Folge, dass man sich abseits der sozialen Einbindung von Flüchtlingen auch um Sprachunterricht und Arbeitsstellen für sie kümmere.

Welche künstlerischen Probleme die Theater sich mit ihrer Hinwendung zu einem derart dominierenden Thema einhandeln könnten, wurde in der Akademie der Künste eher indirekt unter der Fragestellung verhandelt, wo denn die Schauspielkunst bleibt, wenn es auf den Bühnen vermehrt um vermeintlich authentische Laiendarstellerinnen und Laiendarsteller wie eben Flüchtlinge gehe. Ulrich Matthes, Akademie-Direktor der Sektion Darstellende Kunst berief sich in diesem Zusammenhang auf einen befreundeten Autor. Der schreibe nur noch für das Fernsehen, da es in den Theatern keine Schauspieler mehr gebe, die anspruchsvolle Dialoge sprechen könnten. Eine Einschätzung, die alleine deshalb fragwürdig ist, weil viele der im Film und Fernsehen angeblich so wunderbar dialogisierenden Schauspielerinnen und Schauspieler im Hauptberuf an einem der deutschsprachigen Theater engagiert sind.

Interessant wurde die Diskussion, als Ulrich Matthes sich fragte, ob George Tabori es heute noch wagen würde, Shakespeares Othello mit Ulrich Wildgruber als Blackface-Protagonisten zu inszenieren. Das war 1990 in einer Inszenierung am Wiener Burgtheater. Kurz darauf wurden der Regisseur und die Schauspielerinnen und Schauspieler beim Berliner Theatertreffen umjubelt. Heute, so Matthes, wäre Tabori wohl ein Shitstorm-Opfer. Auch so ein Thema, dass in Zeiten der expandierenden political correctness und wachsender Flüchtlingszahlen nicht zum letzten Mal diskutiert worden sei dürfte.