Ensembletheater Sollbruchstellen im laufenden Betrieb?

Ensembletheater
Ensembletheater | Foto: Kathrin Schäfer

Die deutschsprachigen Theater funktionieren als Ensemble- und Repertoirebühnen. Ist das ein Modell mit Zukunft?
 

Sie wurden als Fürstenbühnen gegründet und im 19. Jahrhundert ganz selbstverständlich vom Bürgertum übernommen. Die Rede ist von den deutschen Staats-, Stadt- und Landestheater, die sich von Kiel bis Freiburg ein ständiges Orchester, fest verpflichtete Schauspielerinnen und Schauspieler, Sängerinnen und Sänger, Tänzer und Tänzerinnen leisten. Es ist ein einmaliges Theatermodell, wird aber immer wieder in Frage gestellt.

Die jüngste Debatte über die Zukunft des deutschsprachigen Ensembletheaters gab es Anfang 2015 und wurde durch die Neubesetzung der Intendantenstelle an der Berliner Volksbühne ausgelöst. Berlins Kulturstaatssekretär Tim Renner verkündete, der überaus erfolgreiche Regisseur und Theaterrevolutionär Regisseur Frank Castorf müsse 2017 (nach fünfundzwanzig Jahren) den Chefsessel der Volksbühne räumen. Sein Nachfolger sei Chris Dercon, kein Theater- sondern ein Museumsmacher.

Die Reaktionen auf die Entscheidung waren heftig. Theaterkollegen und Teile der Medien befürchteten, das sei der Anfang vom Ende des weltweit hoch geschätzten Ensembletheaters. Dercon, so die Argumentation, werde kein fest an das Haus gebundenes Ensemble von Schauspielerinnen und Schauspieler verpflichten. Die Volksbühne könnte ein Präzedenzfall für den Wechsel hin zu einem Theatersystem sein, in dem es keinen Repertoirespielplan mit täglich wechselndem Programm mehr gibt. Eine erste vorläufige Antwort auf die Frage, ob der Ensemble- und Spielplangedanke in der Volksbühne künftig eine Rolle spielt, wird es geben, wenn Chris Dercon im Frühjahr 2017 seinen ersten Spielplan vorlegt. An den Kammerspielen München dagegen kann man schon jetzt beobachten, was passiert, wenn die Strukturen der internationalen freien Szene und eines Ensembletheater aufeinander treffen.

Internationale Theatermacher


Im September 2015 startete dort Matthias Lilienthal als neuer Intendant. Der Dramaturg und Theaterleiter sorgte von 2003 bis 2012 als künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Berliner Hebel Theater GmbH (HAU) für eine Internationalisierung der Spielstätten am Halleschen Ufer. Das HAU hat kein eigenes Ensemble, also setzte der Impresario der freien Szene unter anderem auf internationale agierende Theatermacher wie das deutsch-schweizerische Regiekollektiv Rimini Protokoll und den libanesischen Film- und Theaterkünstler Rabih Mroué. Auch das war ein Erfolgsmodell. 2012 wurde das HAU zum Theater des Jahres gewählt. Als dann die Ernennung Lilienthals zum Intendanten der Münchner Kammerspiele bekannt wurde, war klar, dass die HAU-Protagonisten auch in München eine wichtige Rolle spielen und dort für eine weitere Internationalisierung sorgen würden.

Alle hätten glücklich sein können. Schließlich wechselte ein erfolgreicher Intendant nach München, der ganz eigene Wege geht und unter anderem mit Stadtraumprojekten sozialpolitisch Stellung bezieht. Auf der anderen Seite haben die Kammerspiele aber auch eines der besten Schauspiel-Ensembles im deutschsprachigen Raum. Wie kann das zusammengehen, lautet seither die Frage. Wollen und können freie Gruppen wie She She Pop mit Ensembleschauschauspielerinnen und -schauspielern wie Brigitte Hobmeier, Wiebke Puls, Steven Scharf und Thomas Schmauser zusammen arbeiten? Oder anders gefragt: Werden sie auf der Bühne noch vorkommen? Schließlich arbeiten viele der angekündigten Theatermacher nicht mit klassisch ausgebildeten Schauspielerinnen und Schauspielern.

Crashtest


Zum Auftakt im Oktober 2015 setzte das Kammerspiel-Team ein erstes Zeichen. In Nicolas Stemanns forschender Neuinterpretation von Shakespeares Der Kaufmann von Venedig waren noch fest engagierte Ensemblemitglieder besetzt. Thomas Schmauser zum Beispiel zeigte einmal mehr, was für ein feiner Figureninterpret er ist. Mit Rabih Mroués Ode to Joy und Rimini Protokolls Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2 gab es dann aber konzeptionelles Recherche- und Performancetheater – gänzlich ohne Ensemblemitglieder. In Alexander Giesches Virtual Reality-Performance Yesterday you said tomorrow und Simon Stones Bühnenadaption nach Luchino Viscontis Filmklassiker Rocco und seine Brüder standen zwar wieder Ensemblemitglieder auf der Bühne. Sie waren allerdings nicht so zahlreich und in der Präsenz vertreten, wie das zum Beispiel in der Inszenierung eines Schiller-Klassikers oder eines Tschechow-Textes möglich gewesen wäre.

Der Spielplan-Mix des Auftaktes steht für die gesamte erste Spielzeit der Lilienthal-Intendanz und legt den Schluss nahe, dass das Ensemble-Theater zwar nicht grundsätzlich gefährdet ist, aber schon einem Crashtest unterzogen wird. Eine der Sollbruchstellen kann dort auftreten, wo feste Ensemblemitglieder mit Kollegen der freien Szene auf der Bühne stehen und aus Solidarität mit Blick auf die Homogenität einer Inszenierung nicht ihr ganzes Können zeigen. Eine weitere Sollbruchstelle im laufenden Betrieb kann sich zeigen, wenn ein Bildzauberer wie der Franzose Philippe Quesne in Caspar Western Friedrich die deutsche Romantik mit den Wildwest-Mythen der nordamerikanischen Pionierzeit kurzschließt, dann aber hauptsächlich mythische Bilder und weniger die auf der Bühne anwesenden Schauspielerinnen und Schauspieler inszeniert.

Modifiziertes Theater


Die bisher sichtbaren Sollbruchstellen deuten darauf hin, dass ein Ensembletheater wie die Kammerspiele durch neue Konzepte wie das von Matthias Lilienthal grundsätzlich nicht in Frage gestellt wird, die Struktur des Ensembles und die im Theater verhandelten Themen sich aber grundlegend ändern. Fraglich ist, ob klassisch ausgebildete Schauspielerinnen und Schauspieler künftig noch an derart modifizierten Theatern arbeiten werden. Und man kann sich fragen, ob Regisseurinnen und Regisseure weiterhin gewillt sind, sich mit bereits existierenden oder neuen Theatertexten auseinander zu setzen.