Internationaler Kulturaustausch Melting Pot gesellschaftlicher Veränderungen

„Europa war eine Frau / Europa ishte grua“ von CADAM. und Haveit, RODEO 2016
„Europa war eine Frau / Europa ishte grua“ von CADAM. und Haveit, RODEO 2016 | Foto: Kathrin Schäfer

Das Theater reagiert auf die gesellschaftlichen Veränderungen und entwickelt neue Förderprogramme für den internationalen Kulturaustausch. Herausragende Beispiele: das Münchner RODEO-Festival 2016, eine deutsch-thailändische Tanzperformance sowie das Internationale Forum beim Berliner Theatertreffen.

Weniger Repräsentation. Mehr Kunstlabor

Die Künstlergruppen CADAM. und Haveit erarbeiteten die dokumentarische Installation Europa war eine Frau / Europa ishte grua, die für einen Tag erste Rechercheergebnisse aus München und Prishtina (Kosovo) in einem Open Lab zugänglich machte. Künstlerinnen und Künstler aus dem Kosovo hatten gemeinsam mit Kulturschaffenden der Münchner freien Szene heutige feministische Perspektiven im europäischen Kontext erforscht. Die dokumentarische Installation war als Work in Progress Teil des RODEO-Festivals 2016 in München. Als biennales Tanz- und Theaterfestival hatte es sich seit 2010 zum Ziel gesetzt, den besten Produktionen der freien Szene Münchens eine besondere Präsenz zu verleihen. Bei dieser Festivalausgabe war aber alles anders. 

Die Zwischenpräsentation von CADAM. und Haveit als offenes Atelier stand exemplarisch für das neue Konzept des Festivals RODEO, das die Kuratorin und Dramaturgin Sarah Israel im Auftrag des Kulturreferats der Stadt München mit großer Besonnenheit entwickelt hatte. Sie machte sich für ein Festival stark, in dessen Zentrum ein prozessualer Kunstbegriff, Austausch auf Augenhöhe, Diskurs und Vernetzung stehen.

„Europa war eine Frau / Europa ishte grua“ von CADAM. und Haveit, RODEO 2016 „Europa war eine Frau / Europa ishte grua“ von CADAM. und Haveit, RODEO 2016 | Foto: Kathrin Schäfer Neben fertigen Theaterprojekten konnten sich mit der Unterstützung des Goethe-Instituts insgesamt vier europäische Künstlerkollektive gemeinsam mit Gleichgesinnten der örtlichen freien Szene um Residenzen im Rahmen des neuen Förderformats Bloom Up bewerben. Etwa drei Wochen vor Festivalbeginn begannen die Künstlerinnen und Künstler damit, die Grundlagen für ein gemeinsames Projekt zu gestalten. Das neue Format bescherte der freien Szene ein internationales Netzwerk und eine Plattform, die für einen dialogischen Austausch von ästhetischem, interkulturellem und gesellschaftspolitischem Erfahrungs- und Bildungswissen stand. Von besonderem Wert war die Weitung des künstlerischen Blickfelds.

Offener Kunstbegriff

Das RODEO-Festival reagierte mit diesem konzeptionellen Einschnitt auf die umfassenden gesellschaftlichen Transformationsprozesse. Globalisierung, Digitalisierung, Migration und Mobilisierung von Menschen weltweit haben Gesellschaft und Kultur nachhaltig verändert – ein Wandel, der sich unmittelbar auf das Theater ausgewirkt und einen offenen Kunstbegriff zum Vorschein gebracht hat. Mit der zunehmenden Diversifizierung der Gesellschaft ist ein auf Abgrenzung zielendes Kunstverständnis fraglich geworden. Stattdessen ist eine starke Politisierung des Theaters zu beobachten, und die Kunst versteht sich vermehrt als kommunikativer Prozess und pflegt das kollaborative Denken.

„[Title of Song]“ von Julian Warner, Oliver Zahn und Phoebe Wright-Spinks „[Title of Song]“ von Julian Warner, Oliver Zahn und Phoebe Wright-Spinks | Foto: Konrad Fersterer Der performative Arbeitsstand [Title of Song] der Performer Julian Warner und Oliver Zahn sowie der britischen Komponistin Phoebe Wright-Spinks, gefördert ebenfalls im Rahmen des neuen RODEO-Formats Bloom Up, spiegelte das gewandelte Kunstverständnis einer jüngeren Generation von Theatermacherinnen und -machern wider. Das Publikum begab sich im ersten Teil dieser klugen Auseinandersetzung mit dem immateriellen Erbe des deutschen und britischen Kolonialismus in Papua-Neuguinea im Münchner Museum Fünf Kontinente auf eine inszenierte Führung durch die Ausstellung Ozeanien. Inselwelten im Pazifik Ozeanien. Dem internationalen Kollektiv gelang eine dialogische Auseinandersetzung über Selektion und Deutungshoheiten von Geschichte, Kultur und Identität, über die Produktion von interkulturellem Wissen in einer globalisierten Welt. All dies ließ die Zuschauer die Fragwürdigkeit von Kulturkonstruktionen erleben.

Kulturwandel fordert neue Fördermodelle 

Das gewandelte Verständnis von Kunst- und Arbeitspraktiken fordert ein Umdenken der Förderinstrumentarien. Durch den in diesem Jahr vom Goethe-Institut ins Leben gerufenen internationalen Kooperationsfonds wie auch durch das Förderprogramm Bloom Up wurden die Weichen für die Zukunft gestellt. Gleichzeitig schenkte man einer nächsten Generation von Künstlerinnen und Künstlern ein Format, das internationalen Austausch, interkulturelles Denken, kollaborative Arbeitsprozesse, Zeit zur Entwicklung und Reflexion von Diskurs und Formfragen ermöglicht. Das Förderinteresse gilt dabei ausschließlich internationalen Koproduktionen, die eine partnerschaftliche und dialogische Zusammenarbeit suchen. Eine Koproduktionsphilosophie zeichnet sich ab, die von den Künstlerinnen und Künstlern und den interkulturellen Realitäten aus denkt und weniger von den Institutionen und dem Markt. Statt eines dialogisch einseitigen Austauschs von fertigen Inszenierungen regt das Goethe-Institut verstärkt neue kollaborative Arbeitsprozesse und innovative Produktionen im internationalen Kulturaustausch in gattungsübergreifenden Kunstformen an. Auf diese Weise will man die Entstehung neuer Netzwerke und Arbeitsformen in globalen Zusammenhängen unterstützen und die interkulturelle Zusammenarbeit erproben.

Happy Hunting Ground

Die Tanzperformance Happy Hunting Ground des thailändischen Regisseurs und Choreografen Thanapol Virulhakul entstand als internationale Koproduktion des Democrazy Theatre Studio in Bangkok und des Badischen Staatstheater Karlsruhe in Kooperation mit dem Goethe-Institut Bangkok. Sie war ästhetisch wie strukturell zwischen den Kategorien angesiedelt. Die Arbeit bewegte sich zwischen der deutschen und der thailändischen Kultur, zwischen Tanz, Theater, Recherche und Choreografie, zwischen Staatstheater und freier Szene. Was zunächst nach systemischer Unvereinbarkeit klang, zeigte sich in dieser Produktion als kreativer Katalysator für eine vielschichtige Gesellschaftsanalyse. Der Autor Jürgen Berger hatte in den Rotlichtvierteln Bangkoks recherchiert und thailändische Prostituierte und ihre deutschen Liebhaber zum Zusammenhang von Liebe, Begehren und Geld befragt. Die Interviews ließen Stereotype und Vorurteile, aber auch Sehnsüchte, Verzweiflung und Ängste in beiden Gesellschaften sichtbar werden. Jenseits von Sextourismus, Prostitution und sexuellem Verlangen machte Virulhakul die biopolitischen Zwänge beider Gesellschaften kenntlich. Sein analytischer Blick ging über die materiale Oberfläche der Interviews hinaus und drang tief in das gesellschaftliche Bewusstsein dieser Kulturen ein, das ein hierarchisches Wohlstandsgefälle, neokoloniale Denkmuster und Handlungspraktiken zwischen den Kulturen zu Tage treten lässt.

„Happy Hunting Ground“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe „Happy Hunting Ground“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe | Foto: Felix Grünschloß

Soziales Labor und utopischer Denkraum

Auch das Internationale Forum des Berliner Theatertreffens, eines der ältesten Förderorgane von internationalen Theatermacherinnen und Theatermachern weltweit, bemüht sich seit nunmehr 53 Jahren um künstlerischen und kulturellen Austausch, Vernetzung und kollaboratives Denken. Sarah Israel und Thanapol Virulhakul waren selbst einmal Stipendiatin und Stipendiat des Förderprogramms, das jedes Jahr während des Theatertreffens bis zu 38 Künstlerinnen und Künstlern aus der ganzen Welt zu performativem und diskursivem Austausch einlädt. Entgegen der Spezialisierung von Künsten markiert die Schnittstelle von darstellender und bildender Kunst, Performance, Wissenschaft, politischem Aktivismus und Medienkunst einen hybriden Erfahrungsraum. Er fungiert im Rahmen des Internationalen Forums als Untersuchungsgegenstand, um neue Möglichkeitsräume für komplexe Narrationen über die Umbrüche in einer globalisierten Welt und Gesellschaft zu öffnen. Wesentlich für das Internationale Forum ist es, die eigene künstlerische Position selbstkritisch zu überprüfen, die eigenen Erfahrungen mit dem Wissen der anderen Stipendiatinnen und Stipendiaten zu vernetzen und weiterzuentwickeln.

Das Kunstwerk als offene Form

Die Auswirkungen eines umfassenden Kulturwandels sind in der Programmierung von Festivals, Förderprogrammen und internationalen Koproduktionen angekommen, womit für die nächste Generation von international denkenden Künstlerinnen und Künstlern Formate für interkulturell angelegte Projekte geschaffen werden. Dennoch mangelt es an Nachhaltigkeitsmodellen, welche die Projekte über längere Zeiträume begleiten und Zeit für die fragilen künstlerischen Prozesse und deren Suchbewegungen zur Verfügung stellen, ohne auf Repräsentation und Vermarktung zu drängen. Dies erfordert einen langen Atem und den Mut zum beständigen Umdenken von Kunst, bei der das Prozessuale als Wert erkannt wird.