Diskurse im Theater Auf der Suche nach dem (v)erspielten Raum

Birgit Wiens: „Intermediale Szenografie. Raum-Ästhetiken am Beginn des 21. Jahrhunderts“.  Norbert Otto Eke, Ulrike Haß, Irina Kaldrack (Hg.): „Bühne. Raumbildende Prozesse im Theater“. Beide erschienen bei Paderborn: Fink, 2014
Birgit Wiens: „Intermediale Szenografie. Raum-Ästhetiken am Beginn des 21. Jahrhunderts“. Norbert Otto Eke, Ulrike Haß, Irina Kaldrack (Hg.): „Bühne. Raumbildende Prozesse im Theater“. Beide erschienen bei Paderborn: Fink, 2014 | © Paderborn: Fink, 2014

Die Frage nach dem Raum spielt gegenwärtig eine große Rolle in Diskursen über das Theater. Doch es fehlt an einer aktuellen Terminologie und an einer Methodik, die jener Vielfalt und Komplexität gerecht werden, mit der diese Frage auch in der Praxis ausgespielt wird. Zwei Publikationen wollen nun Abhilfe schaffen.

„Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht.“ Mit diesem Satz lieferte Peter Brook in den 1960er-Jahren eine lange Zeit gültige Definition von Theater. Die gleichzeitige Anwesenheit zweier Personen in einem Raum – ein Akteur, ein souveräner Betrachter – und die Erfahrung realer Präsenz, wie sie beispielsweise durch einander begegnende Blicke lanciert wird, schienen ihm unabdingbar. Doch wer heute ins Theater geht, kann sich weder sicher sein, einen konkreten Platz zur Beobachtung zugewiesen zu bekommen, noch den ihn umgebenden Raum mit einem Akteur zu teilen.

Nein, der Besucher wird fallweise mit einem Mobiltelefon oder Tablet ausgestattet, und in den Foyers und Gängen sich selbst überlassen. Er wird in Industrieruinen geschickt, wo die Vielzahl an Räumen einem Labyrinth gleicht, in dem er selbst zur Figur wird. Er bekommt einen Stadtplan und wird bei Dämmerung in eine Straße gestellt, in die oberste Etage eines Hochhauses gefahren oder einfach selbst auf die Bühne gesetzt. Einzig sicher kann er sich darin sein, dass es den anderen Besuchern genauso ergeht wie ihm: Dem Publikum wird zunehmend sein angestammter Platz verweigert – und es reagiert darauf überwiegend positiv!

Theater als raumbildender Prozess

In der spielerischen Erkundungen räumlicher Verhältnisse scheint die darstellende Kunst wie kaum eine andere Gattung am Puls der Zeit, selbst wenn sie die begrenzenden Wände der Blackbox nicht verlässt, sondern – mit elektronischen Hilfsmitteln – virtuelle Welten einbezieht. Insofern verwundert es nicht, dass die Frage nach dem Raum in Diskussionen gegenwärtig eine so große Rolle spielt. Doch es fällt auf, dass es an einer aktuellen Terminologie und an einer Methodik fehlt, die jener Vielfalt und Komplexität gerecht werden, mit der diese Frage auch in der Praxis ausgespielt wird. Denn die neuen Raumordnungen, die gleichsam durch elektronische Innovationen, physikalische Einsichten und geopolitische Umbrüche motiviert sind, räumen mit dem tradierten Modell eines Containerraums und einer souveränen Betrachterposition auf. Damit implodieren auch die scheinbaren Gewissheiten der Theatertheorie: Was meint „Präsenz“ in Anbetracht von Programmen wie Facetime oder Skype, die die Videotelefonie im Alltag etabliert haben? Was heißt „live“ in Zeiten von (Kurz-)Nachrichtendiensten wie Twitter oder Whatsapp? In welchem Verhältnis steht der Rezipient zum Ort des Geschehens? Woraus ergibt sich der Kontakt? Wo verlaufen die Grenzen?

Es greift zu kurz, die Dekonstruktion von Orten und die Übertragung von Geschehen in andere Räume einzig als Erscheinung der zeitgenössischen Ästhetik zu begreifen. Seit je erweist sich das Theater als raumbildender Prozess, basiert Theater auf einer intermedialen Szenografie – Begriffe, die nun von zwei Publikationen in Anschlag gebracht werden, um der Erörterung dieser Fragen auch ein entsprechend differenzierungs- und erkenntnisfähiges Werkzeug an die Hand zu geben.

Produktion von gesellschaftpolitischer Ordnung

Schon in der Antike war das Theater nicht nur Ort der Schau, sondern auch ein Resonanzraum für die Stimmen der Götter und der Verstorbenen. Im Mittelalter dehnte das Passionsspiel die Bühne der Liturgie – über verschiedene Stationen und durch die Vermischung von Darstellern und Publikum – in den Raum der Stadt aus, sodass auch das alltägliche weltliche Treiben in den Rahmen des Evangeliums fallen musste. Und im Frühbarock, in welchem die ersten stabilen Theater der Neuzeit errichtet wurden, diente die nach neuesten bildtheoretischen Ansätzen geschaffene Bühne nicht nur der Herstellung eines Tableaus, sondern ebenso der Produktion einer gesellschaftspolitischen Ordnung, die sich erst fernab des Theaters aus der Verbindung mit der realen, geopolitischen Landschaft und ihren Bewohnern vervollständigen konnte.

Diese unterschiedlichen Erscheinungsweisen von Theater haben etwas gemeinsam: Sie alle münden in einem Raum, der den konkreten Ort des Spiels übersteigt. Theater lässt sich deshalb vornehmlich als szenografischer Prozess fassen, der auf Basis materialer Gegebenheiten einen Raum produziert und vor allem deshalb als besonderer erfahren wird, weil er die grundlegenden, sichtbaren Ordnungen übersteigt. Im Raum der Bühne zeigt sich stets mehr als das Anwesende. Es muss heute weder ein Mann durch einen Raum gehen, noch ein anderer vor Ort zuschauen, damit ein Vorgang zum theatralen Ereignis wird. Aber es muss ein besonderer Raum geschaffen werden, der die konventionellen Wahrnehmungs- und Verhaltensmöglichkeiten überschreitet. Die gegenwärtigen Aufführungen führen vor allem zu dieser Einsicht.

Reflexion von Lebensräumen

Das Ergebnis dieser experimentellen Raumbildungsverfahren ist vor allem die Reflexion, wie unsere Lebensräume funktionieren, wie Plätze, Orte und Landschaften ineinander verschachtelt sind, sowie ein gesteigertes Bewusstsein für das, was uns im Hier und Jetzt entgeht. Szenografie kann daher auch als ein Instrument verstanden werden, das vornehmlich der Kritik an jenen medialen Techniken dient, durch die neue Räume erschlossen werden, von denen wir zwar noch keine konkrete Erfahrung besitzen, die aber dennoch ihre „reale“ Präsenz behaupten.

Man muss dieser Ansicht, die der Kunst so eine deutliche Intention unterstellt, nicht zur Gänze folgen, eine wichtiges Ergebnis dieser Auseinandersetzung mit den Raumpraktiken des Theaters bleibt indes: Die Bühne birgt die Möglichkeit für eine grundlegende und notwendige Verortung unserer selbst in einem unsere Wahrnehmung und Erfahrung übersteigenden Gefüge. Sie wirft nicht nur die Frage nach dem „Wo“ des Geschehens, sondern vor allem die Frage nach dem Ort des Subjekts auf. Ist diese in den Raum gestellt, kann die Weitung zu imaginierten und fiktionalisierten, zu digitalisierten und virtuellen Räumen und ihre spielerische Erkundung in Angriff genommen werden – oder mit der bewussten Produktion von ästhetischen und sozialen, sakralen und profanen (Gegen-)Räumen begonnen werden.
 

Literatur

  • Birgit Wiens: Intermediale Szenografie. Raum-Ästhetiken am Beginn des 21. Jahrhunderts. Paderborn: Fink, 2014
 
  • Norbert Otto Eke, Ulrike Haß, Irina Kaldrack (Hg.): Bühne. Raumbildende Prozesse im Theater. Paderborn: Fink, 2014