Postmigrantisches Theater heute „Wir sagen laut, was uns nicht passt“

„Dance for Sale“, Ein Tanzprojekt von Grupo Oito
„Dance for Sale“, Ein Tanzprojekt von Grupo Oito | © Lars Mylius

„Wir machen Kunst, keine Sozialarbeit“, sagt Wagner Carvalho, seit 2012/2013 künstlerischer Leiter des Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg. Ein Gespräch über Profil und Perspektiven seines Theaters.

Herr Carvalho, was ist der Fokus Ihrer Arbeit am Ballhaus Naunynstraße?

Das Ballhaus bleibt weiterhin eine Plattform für die Nachwuchsförderung. Zum einen in unserer „akademie der autodidakten“, in der jugendliche Laien mit Hilfe von erfahrenen Künstlerinnen und Künstlern ihre eigenen Geschichten entwickeln. Zum anderen gewinnen wir junge Kolleginnen und Kollegen für die Zusammenarbeit, um zum Beispiel Perspektiven oder Genderfragen neu zu verhandeln. Ein weiterer Schwerpunkt ist dabei die „schwarze Perspektive“.

Versteht sich das Haus weiterhin als „postmigrantisch“?

Natürlich. Aber wir besetzen den Begriff neu. Unter Shermin Langhoff, die das Ballhaus bis 2013 geleitet und das Label eingeführt hat, kam vor allem eine zweite und dritte Generation von türkisch-, kurdisch-, armenisch-deutschen Künstlern zu Wort. Wir haben andere Protagonistinnen und Protagonisten und fassen das Postmigrantische weiter: als Perspektive, die nicht die Mehrheitsgesellschaft vertritt. Dazu zählen bei uns Kolleginnen und Kollegen wie Atif Hussein oder Simone Dede Ayivi, die in Deutschland geboren wurden, aber nicht weiß sind und andere Fragestellungen haben. Ich bin Shermin dankbar, dass ich eine Erbschaft ohne Testament habe.
 

  • Wagner Carvalho © Lutz Knospe
    Wagner Carvalho
  • „ONE DAY I WENT TO *IDL“, Akademie der Autodidakten © Wagner Carvalho
    „ONE DAY I WENT TO *IDL“, Akademie der Autodidakten
  • „Tableau“, von Reihaneh Youzbashi Dizaji © Zé de Paiva
    „Tableau“, von Reihaneh Youzbashi Dizaji


Warum ist das Ballhaus notwendig in der Berliner Theaterlandschaft?

Weil es nicht reicht, nur den Text eines postmigrantischen Autors im Spielplan zu haben, der aber nicht von postmigrantischen Künstlerinnen und Künstlern umgesetzt wird. Das ist bei uns anders. Das Ballhaus ist auch notwendig, weil wir laut sind. In dem Sinne, dass wir klar und deutlich verhandeln, was uns nicht passt in der Gesellschaft. Sei es im Rahmen einer Inszenierung, einer Podiumsdiskussion oder einer Lesung. Wir können sehr schnell reagieren. Und es ist notwendig, weil es gilt, die deutsche Gesellschaft in ihrer Verschiedenheit zu gestalten. An dem Prozess beteiligen wir uns. Politisch, kritisch. Wichtig ist uns dabei: Wir machen Kunst, keine Sozialarbeit.

Was sind Themen, die Sie gegenwärtig besonders bewegen?

Ein ganz wichtiges Thema ist Teilhabe. Darin spielen natürlich auch Fragen von Bleiberecht und Selbstermächtigung eine Rolle. Wir haben am Ballhaus zum Beispiel das Projekt ONE DAY I WENT TO *IDL mit postmigrantischen Jugendlichen und Refugees realisiert, nach einem Song des Musikers Afrikan Boy, der darin seine eigenen Fluchterfahrungen beschreibt. Wichtig ist, dass die Refugees Protagonisten waren, nicht Dekoration. Ein weiteres wichtiges Thema ist Gleichstellung. Wenn die CDU die Homoehe verhindern will, verhalten wir uns dazu. Und die Kolonialgeschichte Deutschlands beschäftigt uns.

Inwieweit ist die in Berlin noch präsent oder sichtbar?

Schon in Straßennamen oder den Namen von U-Bahnhöfen. Nehmen Sie nur die „Mohrenstraße“. Das sitzt in den Köpfen der Menschen, damit wird man tagtäglich konfrontiert. In den Schulbüchern muss die Kolonialgeschichte anders erzählt werden. Sie muss überhaupt erzählt werden! In unserem Stück Jung, giftig und schwarz von Amina Eisner und Thandi Sebe bedankt sich eine Figur bei ihrer Lehrerin für sage und schreibe eine Stunde Kolonialgeschichte im Unterricht. Und diese Strukturen setzen sich fort. Die Refugees, die aus afrikanischen Ländern nach Deutschland kommen, nach Berlin, finden sich wirtschaftlich und kulturell in kolonialen Strukturen wieder.

Gibt es einen strukturellen Rassismus auch heute noch im Kulturbetrieb?

Natürlich. Wir leben in einer rassistischen Gesellschaft. Und der Kulturbetrieb steht nicht außerhalb davon, er ist ein Spiegel. Was ich nicht mehr zu akzeptieren bereit bin. Als wir das Stück Tableau der jungen iranischen Künstlerin Reihaneh Youzbashi Dizaji über drei Frauengenerationen zwischen verschiedenen Kulturen gespielt haben, kam ein Zuschauer fassungslos auf mich zu: wie es sein könne, dass die Mutter und Großmutter auf der Bühne blond seien, die Töchter aber schwarzhaarig? Ich habe entgegnet: Wichtig ist die Geschichte, die erzählt wird. Nicht die Haarfarbe. So etwas ist traurig im Jahr 2015.

Kennen Sie Gesellschaften, die hinsichtlich der Überwindung von Rassismus weiter sind?

Kenia ist ein Beispiel. Der Choreograf Ricardo de Paula und seine Grupo Oito, die bei uns am Ballhaus angedockt sind, haben das Austausch-Projekt Dance for Sale zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern aus Nairobi entwickelt. Der Künstler und Aktivist Jim Chuchu sagte mir, Nairobi habe sicher alle möglichen Probleme, von Gleichstellungsfragen über religiöse Spannungen bis hin zu Terrorismus. Aber Rassismus zähle nicht dazu. Ich habe in Kenia gesehen, welche Kraft Kunst und Kultur haben können.

Inwiefern?

Wir haben viele Künstler und Kollektive getroffen, die mit spannenden Fragen unterwegs sind und keinerlei Subventionen von der Regierung bekommen. Entsprechend frei können sie bei allen damit verbundenen Problemen agieren. Teilweise bauen sie Erstaunliches auf, wie das GoDown Arts Centre, wo es Ateliers gibt, Proberäume, Designer, Musiklabel und vieles mehr. Sie leben von Spenden, Veranstaltungen, Workshops. Das war faszinierend zu sehen.

Welche Wünsche haben Sie für das Ballhaus der Zukunft?

Ich wünsche mir vor allem mehr Raum in Politik und Gesellschaft, um über das Postmigrantische zu diskutieren. Genau das muss das Ziel sein.
 

Wagner Carvalho, geboren 1966 in Belo Horizonte, absolvierte eine Ausbildung zum Tänzer, Schauspieler und Sprecherzieher an verschiedenen brasilianischen Schulen. Von 1996 bis 2000 studierte er Theaterwissenschaften an der FU Berlin. Mit dem Projekt 2000 Travessia setzte er sich schon früh mit der Sichtbarkeit, beziehungsweise Nichtsichtbarkeit, von Schwarzen in Brasilien auseinander. Es folgte eine Vielzahl künstlerisch-gesellschaftlicher Projekte in Deutschland und Brasilien, unter anderem die Gründung des zeitgenössischen Tanzfestivals brasil move merlim oder die Veranstaltungsreihe Blequitude. 2012/2013 übernahm Carvalho gemeinsam mit Tunçay Kulaoğlu die künstlerische Leitung des Ballhaus Naunynstraße. Seit der Spielzeit 2015/2016 ist er alleiniger künstlerischer Leiter.

Umstritten ist Carvalhos rigide Position in der „Blackfacing“-Debatte, die seit 2012 im deutschen Kulturbetrieb geführt wird und verschiedentlich aufflammt. Das Schwarzschminken weißer Schauspieler hält Carvalho in jedem Fall, ungeachtet der ästhetischen oder politischen Absichten dahinter, für rassistisch. Während des Theatertreffens 2015 postete er dazu den Zwischenruf Geht’s noch?.