Stücke der Saison 2015/2016 Globalisierte Moderne

„Lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz, Wiener Akademietheater / Burgtheater Wien
„Lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz, Wiener Akademietheater / Burgtheater Wien | © Reinhard Werner

Aktuelle Theaterstücke widmen sich großen Weltzusammenhängen, werfen aber auch einen Blick in familiäre Strukturen.

Es gibt nach wie vor das klassische Theaterstück, geschrieben in singulärer Heimarbeit von einer Autorin oder einem Autor. Neben dieser klar definierten Textsorte folgt der  Entstehungsprozess von Theatertexten aber immer verschlungeneren Pfaden. So werden sie wie in The Situation der israelischen Regisseurin Yael Ronen am Maxim Gorki Theater Berlin zusammen mit Performerinnen und Performern erarbeitet, um die Lebensrealität Berliner Migrantinnen und Migranten aus unterschiedlichen Regionen des Krisengebiets „Naher Osten“ wiederzuspiegeln. Geht es um einen dokumentarischen Abend wie Gesine Schmidts Pfirsichblütenglück, setzt sich der Text aus Transkripten von Interviews zusammen und will nicht mehr sein als die wortgetreue Spiegelung individueller Realitäten. Die am Theater Heidelberg uraufgeführte Dokumentation erzählt von binationalen Paaren, die trotz interkultureller Befremdlichkeiten das Glück der Zweisamkeit suchen.
 
All diese Theatertexte sind, ungeachtet dessen wie sie geschrieben oder entwickelt wurden, Treibstoff für Festivals wie die Mülheimer Theatertage NRW-Stücke und den Heidelberger Stückemarkt. In der Saison 2015/2016 kamen ungefähr 110 Texte zur Uraufführung. Knapp zwanzig waren so überzeugend, dass sie in Auswahlgremien und Jurys diskutiert wurden. Sieht man sich an, um was es in den Texten geht, bestätigt sich eine Beobachtung aus den davor liegenden Spielzeiten: Die Autorinnen, Autoren und Kollektive widmen sich den Konfliktfeldern der globalisierten Moderne und wagen sowohl den Blick in familiäre Strukturen als auch auf große Weltzusammenhänge.

Armutspiraterie

Vor allem aber schreiben sie nicht nur diskursive, sondern auch erzählerische Theaterliteratur. Das gilt vor allem für Lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz. Es ist das Stück mit der größten Breitenwirkung und wurde nach Dušan David Pařízeks Uraufführung am Wiener Akademietheater in der Saison 2015/1016 so häufig nachgespielt, wie das ansonsten nur Theatertexten von Elfriede Jelinek vergönnt ist. Lotz wagt den weitesten Schritt in Richtung einer die Wirklichkeit verrückenden Erzählwelt und thematisiert die Hybris des europäischen Kolonisatoren, der unter anderem den schwarzen Kontinent ausbeutet und mit verantwortlich für die Armutspiraterie an der Küste von Somalia ist.

Rebekka Kricheldorfs „In der Fremde“, Deutsches Theater in Göttingen Rebekka Kricheldorfs „In der Fremde“, Deutsches Theater in Göttingen | Foto: Georges Pauly Als Erzählfolie dient Joseph Conrads Kolonial-Klassiker Herz der Finsternis und Apocalypse Now, Francis Ford Coppolas Reise in die Düsternis des US-amerikanischen Vietnamkriegs. Wolfram Lotz’ Text war für die Theater ein Ausgangspunkt, der es ihnen ermöglichte, über die massenhaften Fluchtbewegung aus Afghanistan, Irak, dem Nahen Osten und Afrika in Richtung Europa nachzudenken. Rebekka Kricheldorf dagegen stellte den Theatern ein Stück zur Verfügung, in dem der Europäer aus seiner Realität in Richtung der exotischen Regionen dieser Welt flüchtet. In der Fremde ist das Stück zum Thema Sexbusiness und wurde am Deutschen Theater in Göttingen uraufgeführt.

Wohlstandsgefälle

Auch Kricheldorf zielt auf das große Ganze und zeigt den finanzstarken westlichen Menschen an einer Bar, die in Kenia, der Dominikanischen Republik oder Thailand stehen könnte. Ein Professor bedient das Geschäftsmodell Sugardaddy und reist mit einer jungen Studentin, während eine schon etwas ältere Lady die Körper junger „Eingeborener“ genießt. Die Reisenden aus reichen westlichen Ländern geben sich der Illusion hin, sie könnten jenseits den ökonomischen Gegebenheiten ihrer Heimat Liebe mit Geld kaufen.
 
In der Fremde reflektiert das immer größere Wohlstandsgefälle in der Welt und die daraus resultierenden Konfliktsituationen im 21. Jahrhundert. Die Rechnung ist einfach: Die einen haben das Geld, die anderen lediglich ihren Körper oder eine Ideologie wie den islamistischen Dschihad. Auch Marius von Mayenburg beschäftigt sich mit der immer weiter geöffneten Schere zwischen Arm und Reich, situiert seinen Theatertext allerdings im Mikrokosmos eines Berliner Haushalts und bedient das Genre der klassischen Komödie.

Prekäre Region

Stück Plastik wurde vom Autor an der Berliner Schaubühne zur Uraufführung gebracht und zeigt ein Ehepaar des gehobenen Mittelstandes. Man gibt sich überstrapaziert, ist vor allem bösartig und engagiert eine Haushaltshilfe aus einer prekären Region der Bundesrepublik. Die neue Putzhilfe ist nicht nur Müllschluckerin und Seelentrösterin, sondern entlarvt auch die Verlogenheit und Heuchelei des besser verdienenden Haushalts. Marius von Mayenburg führt die komische Seite der Erosion dessen vor, was früher zum gehobenen Bildungsbürgertum gehörte. Sibylle Berg stellt den Fokus noch schärfer und konzentriert sich auf eine Untereinheit des Modells „Familie“: Und dann kam Mirna beschäftigt sich mit einer alleinerziehenden Mutter, deren Tochter und dem Paradoxon, dass die Tochter die starke Persönlichkeit ist und der Mutter zeigt, wo es langgeht.

Ferdinand Schmalz’ „dosenfleisch“, Wiener Akademietheater / Burgtheater Wien Ferdinand Schmalz’ „dosenfleisch“, Wiener Akademietheater / Burgtheater Wien | © Reinhard Werner Die Satire auf die Sinnkrise heutiger Erziehungsberechtigter im Burn Out-Modus kam am Berliner Maxim Gorki Theater heraus und ist die häusliche Variante der hypernervösen Exaltiertheit einer westlichen Moderne, die sich auf den Autobahnen in Form von PS-getränktem Dominanzverhalten und Massenkarambolagen niederschlägt. Das Stück zu diesem Thema ist Ferdinand Schmalz’ dosenfleisch. Uraufgeführt wurde der Autobahnblues für Menschen, die als Unfall-, Haftpflicht- und anderweitig versichertes Crashpotential unterwegs sind am Wiener Akademietheater.