Wiesbaden-Biennale 2016 Nicht Europa

Rainer Casper, Enzo Mari, Jan Liesegang / raumlabor Berlin – „Das Asyl“ Eröffnung Festivalzentrum, „This is not Europe“
Rainer Casper, Enzo Mari, Jan Liesegang / raumlabor Berlin – „Das Asyl“ Eröffnung Festivalzentrum, „This is not Europe“ | Jeva Griskjane

Neues Konzept und neue Leitung: Die Wiebaden-Biennale 2016 machte sich auf die Suche nach einer Europäischen Identität. Klassisches Theater gab es nicht zu sehen.

Wo hört die Wirklichkeit auf, wo fängt der Wahnsinn an? Im Museum Domo de Eŭropa Historio en Ekzilo war das nicht ganz einfach herauszufinden. Sein Schauplatz: ein seit geraumer Zeit leer stehendes Gerichtsgebäude in der Wiesbadener Innenstadt. Dort wandelten die Besucher durch ungelüftete Räume, in der sich die Vergangenheit ansammelte wie Müll. Aus weiter Ferne blickte dieses Museum auf ein umstrittenes Projekt unserer Gegenwart zurück: Die Europäische Union (EU), deren Errungenschaften und Ideale bloß noch staubige Exponate eines Experiments sind. Ausgedacht und eingerichtet hatte diesen musealen Abgesang der Belgier Thomas Bellinck. Er selbst sprach von „konstruktivem Pessimismus“. Dabei führte er die Besucher sehr nah an der Wirklichkeit entlang in den Untergang Europas. So versammelte sein Fake-Museum auch Dokumente zum „Massengrab Mittelmeer“, bei denen schwer zu unterscheiden ist, wo die Wirklichkeit sich als Fiktion verpuppt. Ein Schild sprach von Budapester Bombenattentaten, die zum ersten paneuropäischen Pogrom führten. Eine dunkle Zukunftsvision, wie auch das achtlos im Flur abgelegte Ortsschild von Schengen.

Thomas Bellinck „Das Museum: Domo de Eŭropa Historio en Ekzilo“ Thomas Bellinck „Das Museum: Domo de Eŭropa Historio en Ekzilo“ | Danny Willems

Texte und Autoren

Thomas Bellinck gehörte zu denjenigen Künstlern der Wiesbaden-Biennale 2016, die im Residenz-Programm Asyl des müden Europäers Räume der Stadt bespielten. Ziel der neu konzipierten Biennale war es, nicht nur die Grenzen zu anderen Formen der Kunst zu öffnen, sondern auch diejenigen zur Stadt und ihrer Bevölkerung: „Wir wollen, dass die Stadt mit den Künstlern lebt und umgekehrt“, sagte Maria Magdalena Ludewig, die gemeinsam mit Martin Hammer das elftägige Festival kuratierte. Beide, sie Regisseurin, er Dramaturg, folgten Manfred Beilharz, der die Theaterbiennale Neue Stücke aus Europa 1992 in Bonn gegründet und danach bis 2014 in Wiesbaden weitergeführt hat. Sein gemeinsam mit Tankred Dorst entworfenes Festival stützte sich auf die Empfehlungen vieler Dramatiker aus ganz Europa, den so genannten Paten, die Vorschläge aus ihrem jeweiligen Land unterbreiteten. Dabei standen Texte und Autoren stets im Vordergrund, wobei die allmähliche Aufweichung des Stückbegriffs auch am Festivalprogramm der letzten Jahre abzulesen war.

Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer, Kuratoren der Wiesbaden Biennale 2016 Maria Magdalena Ludewig und Martin Hammer, Kuratoren der Wiesbaden Biennale 2016 | © Martin Kaufhold Uwe Eric Laufenberg, der Beilharz in der Spielzeit 2014/2015 als Intendant an Hessischen Staatstheater Wiesbaden nachfolgte, wollte das Festival seines Vorgängers nicht auf die gleiche Weise fortführen und vertraute Ludewig und Hammer die Neukonzeption zu und an. Auch ihre Biennale richtete den Blick nach Europa, doch der Blick hat sich geweitet: Grenzen verschwimmen, seien es die zwischen Nationen oder die zwischen einzelnen Sparten der Kunst.

Performance und Installation

Unter dem alles und nichts versprechenden Titel This is not Europe holten die beiden Kuratoren das Festival in die Gegenwart. Ihr Gastspielprogramm wartete dabei mit einigen Höhepunkten, manch Abwegigem und großen Namen auf. Stücke im sehr herkömmlichen Sinne zeigten sie keine. Einige verzichteten auf Sprache, andere verließen sich auf die Recherche ihres Gegenstandes oder suchten ihr Heil im Performativen. Stärker spiegelten sich die Tendenzen des zeitgenössischen Theaters im Asyl des müden Europäers, dem zweiten Spielbein der Biennale. Dort wurde Teilnahme oft erbeten, wenn die Zuschauer nicht gleich zum integralen Bestandteil der Inszenierung wurden. Solch partizipative und immersive Herangehensweisen gingen oft mit der Erkenntnis einher, dass heutige Autorenschaft weder an die Künstler selbst noch an Stücktexte gebunden ist.
 
Als Leitgedanke des Festivalprogramms diente die Frage nach der europäischen Identität. Während sich die zu Beilharz' Zeiten noch aus vielen verschiedenen europäischen Identitäten zusammensetzte, präsentierte sie sich diesmal vornehmlich als die Suche nach einer gemeinsamen Identität. Schon bei ihrer ersten Vorstellung vor zwei Jahren verlautbarten die beiden Kuratoren, dass die Frage „Wie fühlt es sich an, europäisch zu sein“ im Zentrum ihres Festivals stehen solle.

Dries Verhoeven „Asyl des müden Europäers. Die Kirche: Die Beerdigung“ Dries Verhoeven „Asyl des müden Europäers. Die Kirche: Die Beerdigung“ | Jeva Griskjane Der niederländische Künstler Dries Verhoeven sponn das weiter, indem er unsere Werte und Ideen buchstäblich zu Grabe trug. In der kleinen Church St. Augustine of Canterbury begannen an zehn Festivaltagen um 18 Uhr die Glocken zu läuten. Mal galt es, die multikulturelle Gesellschaft zu betrauern, mal Mutter Natur. Eingeweihte kamen in Schwarz, ein Pfarrer, der ein Schauspieler war, sprach reflektierende und tröstende Worte, Orgeltöne heiligten den Ort, Fürbitten erklangen, Weihrauch schwängerte die Luft. Die dem Ritus folgenden Beerdigungen erwiesen sich dabei nicht nur als schöner Spaß, sondern auch als ernsthafte Reflexion über den Zustand unserer Gegenwart. Dabei erinnerte die neu konzipierte Wiesbaden-Biennale unversehens an die gern vergessene Fluxus-Tradition der Stadt. Die Kunstbewegung mit ihrem Faible für Happenings aller Art etablierte sich dort nämlich Anfang der 1960er-Jahre. „This is not Wiesbaden“ mag sich schon damals manch einer gedacht haben. Dieser Spruch wiederum zierte dieses Jahr auch das Festivalbüro der Wiesbaden Biennale.