Theatergeschichte Vom Hoftheater zum föderalen System

Nationaltheater Mannheim (© Christian Kleiner), Deutsches Nationaltheater Weimar GmbH (© Thomas Müller), Nationaltheater am Max-Joseph-Platz, München (© Felix Löchner)
Nationaltheater Mannheim (© Christian Kleiner), Deutsches Nationaltheater Weimar GmbH (© Thomas Müller), Nationaltheater am Max-Joseph-Platz, München (© Felix Löchner) | Collage

Die deutsche Theaterlandschaft ist für ihre Vielfalt bekannt. Doch warum existiert in Deutschland kein Nationaltheater?

Immer wieder wird, insbesondere aus dem Ausland, die Frage gestellt, warum in Deutschland kein Nationaltheater existiert. Deutschland hat eine ausgesprochen reiche Theatertradition und in vergleichbaren Ländern wie Österreich oder Frankreich gibt es ja auch nationale Bühnen. – Nun gab es tatsächlich noch nie ein Nationaltheater in Deutschland. Die Staatstheater, etwa in Karlsruhe, Düsseldorf oder Dresden, sind keine nationalen Theater, sondern Theater der Länder, also in diesen Fällen von Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. Kultur, so wurde nach 1945 beschlossen, ist Ländersache. Auch die sogenannten Nationaltheater in Weimar und Mannheim unterscheiden sich von anderen Bühnen des Landes nur durch den Namen – nicht aber durch ihre Funktion.

Und das Deutsche Theater in Berlin hat zwar einen repräsentativen Namen und Ort, ist auch eine der führenden Bühnen des Landes, aber ebenfalls kein Theater, das vom Bund finanziert würde und das national gedacht wäre. Ulrich Khuon, Intendant seit 2009, macht sich denn auch sehr wohl über das Nationale im Theater Gedanken, ist aber weit davon entfernt, das Deutsche Theater als Nationaltheater denken zu wollen: „Der Begriff des Nationalen wird derzeit in einer Weise eingeengt und von vielen, die ihn nutzen, zur reinen Abwehr des Anderen missbraucht, so dass es schwer fällt, sich auf ihn ohne Kontext zu beziehen. Kulturen sind immer Teil voneinander, das Nationale im Sinn des Aus-sich-selbst-Schöpfens existiert nicht.“
 

  • Deutsches Nationaltheater Weimar GmbH Thomas Müller
    Deutsches Nationaltheater Weimar GmbH
  • Nationaltheater Mannheim Christian Kleiner
    Nationaltheater Mannheim
  • Nationaltheater am Max-Joseph-Platz, München Felix Löchner
    Nationaltheater am Max-Joseph-Platz, München
Das heißt aber nicht, dass der Begriff des Nationalen für Khuon vollkommen obsolet wäre: „Gleichzeitig gibt es aber den ‚Ortssinn‘ oder ein Empfinden für Heimat – das heißt eine Sensibilität für die Art und Weise, wie sich an bestimmtem Orten kulturelle Erfahrungen angesammelt haben, wie sie Werte hervorgebracht und Lebensweisen bestimmt haben.”

Hoftheater 

Historisch gesehen gab es in Deutschland nie eine klare Entscheidung gegen ein Nationaltheater, es gab aber auch nie einen Moment, der es nahegelegt hätte. Seit Lessing wurde der Wunsch formuliert – realistisch möglich wäre es erstmals bei Gründung des Deutschen Reichs 1871 gewesen. Damals aber gab es das Königliche Theater am Gendarmenmarkt, das Deutsche Reich war eine Monarchie und das Königliche Theater war die führende Bühne. Ein nationales Theater wäre damals vor allem ein republikanischer Affront gewesen.
 
Gleichwohl ist die Geschichte des Theaters in Deutschland, wenn auch aus den Hoftheatern hervorgegangen, seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert eine Geschichte des republikanischen Gedankens, wie sich etwa in Günther Rühles umfassendem Buch Theater in Deutschland 1887-1945 nachvollziehen lässt. Der Berliner Aufstieg Max Reinhardts seit Beginn des 20. Jahrhunderts, seine Übernahme des Deutschen Theaters machten dieses Haus künstlerisch zum ersten Berlins und damit Deutschlands. Reinhardt hatte auch die Vision eines repräsentativen Hauses, aber als er den Höhepunkt seines Berliner Schaffens erreichte, etwa 1911 oder 1912, war er doch mehr daran interessiert zu expandieren als sich in Kämpfen um einen nationalen Leuchtturm aufzureiben.

Dezentrale Struktur

Mit dem Ende der Monarchie 1918 wäre erstmals ein Nationaltheater wirklich denkbar gewesen. Damals stand einer solchen Gründung aber der sozialistisch-republikanische Zeitgeist dagegen. Die führenden Kräfte des Theaters beschäftigten sich eher mit der Räterepublik als mit einem Nationaltheater. Der nationale Gedanke galt nicht mehr, wie im 19. Jahrhundert, als fortschrittlich, sondern bekam etwas Konservatives und Reaktionäres.

So ist es bis heute geblieben. In der DDR wuchs das Theater am Schiffbauerdamm durch Brecht noch vor dem Deutschen Theater in die Rolle eines national repräsentativen Theaters. Im Westen der Stadt gründete sich 1960 das Theatertreffen, das man als einen Art Ersatz betrachten kann, der die vielfältige dezentrale Struktur der deutschen Theaterlandschaft einmal im Jahr widerspiegelt. Daran hat sich im Kern bis heute nichts geändert und es will auch niemand etwas daran ändern – die dezentrale Struktur macht die Stärke des deutschen Theaters aus.

Ulrich Khuon vom Deutschen Theater fasst indessen den Gedanken des Nationalen auf seine Weise: „Theater sind Spezialisten des Ortssinns. Und Berlin bewahrt in sich die zerrissene und größtenteils gewalttätige Geschichte des letzten Jahrhunderts, wie auch eine große gegenwärtige Geöffnetheit. Dieses Spannungsfeld versucht das deutsche Theater auszuloten, bis hin zu den Gefährdungen eines sich verschlossenen Nationaldenkens. Je genauer der Ortssinn desto wirksamer seine Übertragbarkeit auf andere Räume.“ Ein solches Denken ist dann doch auch wieder sehr deutsch, und insofern für die deutschen Theater repräsentativ. Ein Nationaltheater aber wird sich, hier und anderswo, über längere Zeit auch in Zukunft sicher nicht bilden.