Figurentheaterfestival Versuchsanordnungen im „Zwischen“

Phillipe Quesne „Nacht der Maulwürfe“
Phillipe Quesne „Nacht der Maulwürfe“ | © Georg Pöhlein

Alle zwei Jahre richten vier Städte in Franken ein internationales Figurentheaterfestival aus. Die Auffassung von „Figuren“ sowie von „Theater“ reicht dabei sehr weit. – Das zeigt ein Blick ins Festivalprogramm 2017.

Das biennal stattfindende Internationale Figurentheaterfestival in Erlangen, Nürnberg, Fürth und Schwabach – eines der wichtigsten Szenetreffen in Europa – führt seit zehn Jahren den Untertitel „Figuren. Objekte. Bilder“. Damit wird klargestellt, dass Figurentheater hier sehr weit gefasst ist – sowohl im Hinblick auf Figuren als auch auf das Verständnis von Theater. Entsprechend erweist sich auch das Programm der 20. Ausgabe dieser Mammut-Veranstaltung als ästhetisch breit gefächert und vor allem in Erlangen geradezu provokativ interdisziplinär.

Puppen, Tänzer und Maulwürfe

Kuratorische Besonderheiten der beteiligten Städte zeigen sich bereits zu Festivalbeginn. In Fürth liegt ein deutlicher Schwerpunkt auf Inszenierungen, die mit Puppen und Menschen packende Geschichten erzählen – wie die bildstarke, umjubelte Eröffnungsvorstellung M – eine Stadt sucht einen Mörder, gespielt vom Ensemble des Puppentheaters Magdeburg in der Regie von Roscha Säidow. Nürnberg eröffnet mit Chris Harings Tanztheater Foreign Tongues. In dieser österreichischen Produktion agieren die Tänzerinnen und Tänzern wie Figuren, denen fremde Sprachen in den Mund gelegt werden – eine der außergewöhnlichen Tanztheaterproduktionen auf der Schnittstelle zum Figurentheater, die am Festivalort Nürnberg gezeigt werden.
 
Und in Erlangen entführt der französische Regisseur Philipp Quesne das Publikum in eine hybride Theaterwelt, in der menschengroße Maulwürfe zwischen Erdenschwere und schwebendem Traum, zwischen Grobheit und Poesie, zwischen Banalität und existenziellem Konflikt herumkugeln, fressen, stolpern, gebären, sterben, tanzen und – musizieren. Letzteres laut und poppig. Eine fast zu deutliche Allegorie auf unser Menschendasein, skurril, täppisch und berührend. (Figuren-) Theater? Szenische Installation? Tanz? Popkonzert? Performance? Auf jeden Fall Anlass für heftige, bis spät in die Nacht geführte Diskussionen in den gastfreundlichen Kneipen längs der Erlanger Theatermeile. Ein Szenario, das sich nun allabendlich wiederholen wird.

  • AKHE „Between Two“ © Erich Malter
    AKHE „Between Two“
  • „Traumkreuzung“ Ensemble Materialtheater Stuttgart © Erich Malter
    „Traumkreuzung“ Ensemble Materialtheater Stuttgart
  • Liquid Loft  / Chris Haring „Foreign Tongues“ © Chris Haring
    Liquid Loft / Chris Haring „Foreign Tongues“
  • Barbara Matijević „I‘ve never done it before“ © Georg Pöhlein
    Barbara Matijević „I‘ve never done it before“
  • Meinhardt/Krauss/Feigl „Zweite Realität“ © Michael Krauss
    Meinhardt/Krauss/Feigl „Zweite Realität“
  • O-Team „Singularity“ © Markus Niessner
    O-Team „Singularity“
  • „So you can feel“ von Pieter Ampe © Erich Malter
    „So you can feel“ von Pieter Ampe
  • „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ Puppentheater Magdeburg © Jesko Döring
    „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ Puppentheater Magdeburg
  • Neville Tranters „Babylon“ © Georg Pöhlein
    Neville Tranters „Babylon“
  • „The Assembly of Animals“ von Tim Spooner © Georg Pöhlein
    „The Assembly of Animals“ von Tim Spooner
  • Ariel Doron „Besuchszeit vorbei“ © Georg Pöhlein
    Ariel Doron „Besuchszeit vorbei“
  • Ulrike Quade „Maniacs“ © Georg Pöhlein
    Ulrike Quade „Maniacs“

 

Forschungsgestus

Was an mehreren Inszenierungen des umfangreichen Programms 2017 auffällt, ist eine Art Forschungsgestus. Wie eine Versuchsanordnung führt zum Beispiel die Inszenierung des israelischen Regisseurs Ariel Doron Besuchszeit vorbei die Zuschauerinnen und Zuschauern in eine Situation, in der Entscheidungen gefragt sind: Eine Massenexekution von Puppen findet statt, das Publikum ist ganz nah dran, jeder kann sich im Raum bewegen, eingreifen oder in Beobachterposition bleiben. Beklemmend, befremdlich und sehr ungemütlich. 

Tierversuche

Ein forschender Grundgestus dominiert auch die szenische Installation The Assembly of Animals des Briten Tim Spooner: Wie in einem leicht chaotischen Labor werden Versuchsaufbauten präsentiert – alle enthalten bizarre, instabile, mechanische Figurationen, die an Tiere erinnern. Diese werden demontiert, neu arrangiert und in Bewegung versetzt, ungelenk und anrührend. Immer wieder bricht irgendetwas in dieser mechanischen Menagerie zusammen. Manchmal sogar einer der wackligen Labor-Tische, der in dem kurzen Moment des Zusammenbruchs selbst etwas Animalisches ausstrahlt. Es ist ein poetisches und melancholisches Spiel mit der prekären Balance – auch der zwischen Ding und Lebewesen – und mit dem Scheitern. Das Kinderpublikum hat erstaunlich viel Spaß. Die Erwachsenen debattieren darüber, ob dies noch Theater ist – oder bildende Kunst – oder etwas dazwischen. 

DIY-Labor

Dezidiert als mediales Versuchslabor präsentiert die kroatische Performerin Barbara Matijević in I‘ve never done it before ihren mit sprechendem Origami-Computer, Oszillograf, Kameras, Synteziser, Pappschachteln, LED-Leuchten und diversen anderen banalen bis obskuren Gegenständen vollgestellten Bühnenraum. Mit umwerfender Präsenz fabuliert sie sich mit diesen Objekten durch bizarre Fake-Selbstversuche im Stil von Do-it-Yourself-Videos auf Youtube. Und en passent werden Parallelen der skurril-exhibitionisstischen DIY-Internetkultur zu obsessiven künstlerischen Schöpfungsprozessen verhandelt, ebenso die Beziehung des Performer-Körpers zu den Objekten, die ihn ent- und begrenzen und immer wieder zur hybriden Kunstfigur werden lassen.

Zwischen-Körper, Roboter

In der furiosen Solo-Performance So you can feel des belgischen Tänzers und Performers Pieter Ampe stehen der Körper selbst und und die Modi seiner Wahrnehmung im Fokus der theatralen Suchbewegung. Gefährlich nah kommt uns Ampe in stereotypen, herausfordernden Posen, mehr oder weniger bekleidet, schließlich nackt und vollständig mit weißer Farbe bemalt. Exhibitionistisch, kühn und hochverletztlich verwandelt er sich dicht vor unseren Augen – animiert sozusagen seinen eigenen Körper als künstlerisches Material zum Evozieren von Gefühlen, und zwar auf Hochtouren. In dieser Haltung ist er vielleicht verwandt mit den seit vielen Jahren beim Erlanger Festival vertretenen „Theateringenieuren“ der russischen Formation AKHE. In ihrem vierteiligen Zyklus Between Two erkunden sie, ausgehend vom Tibetanischen Totenbuch, Zustände im Raum zwischen Leben und Tod. Wie gewohnt mit anarchischen, hochenergetischen, dabei formal streng gerahmten Bild- Klang- und Materialexessen, in denen die beiden Performer sich selbst so wenig schonen wie das Publikum. Ein wüstes, schmerzliches Lob des Lebens – und des Sterbens. Am anderen Ende der emotionalen Energieskala stehen die eher kühlen szenischen Untersuchungen intimer Begegnungen von menschlichen und künstlichen Körpern, von menschlicher und künstlicher „Intelligenz“ in den Arbeiten von Ulrike Quade (Maniacs) oder O-Team (Singularity). Das Figurentheater befindet sich hier dicht an aktuellen Fragestellungen unserer digitalisierten Wirklichkeit, wie auch (in Nürnberg) Meinhardt/Krauss/Feigl, deren Zweite Realität an der Grenze des technisch und tänzerisch Machbaren poetische Funken schlägt. 

Puppen!

„Klassische“ Formen des Puppentheaters überzeugen dann, wenn sie aktuelle Problemlagen grotesk überspitzen – so zum Beispiel Neville Tranters Babylon, wo Gott seinen lamm-sanften Sohn vor einer Mittelmeerüberquerung im Flüchtlingsboot bewahren will und kläglich scheitert – oder wenn sie auf träumerische Weise fremde Welten herbeizitieren, die eben auch unsere sind, wie die wunderbare Kinderinszenierung Traumkreuzung vom Materialtheater Stuttgart.
 
Und wider alle digitale Überformung oder performative Irritation behaupten sie sich auch noch: die magischen Momente, heraufbeschworen von einer schlichten, nackten Marionette, die mit fast quälender Intensität animiert wird, vor unseren Augen ihrer Bestimmung und dem hoch oben agierenden Puppenspieler, Renaud Herbin, Straßburg, zu entkommen sucht und am Ende der kleinen, sehr intimen Szene in einem Sumpf versinkt. Eine an unser Innerstes rührende Parabel der Vergeblichkeit – und der Schönheit des Widerstandes.