Theatersaison 2017/2018 Was kommt nach der Flucht?

„Caligula“ von Albert Camus, Berliner Ensemble
„Caligula“ von Albert Camus, Berliner Ensemble | © Julian Roeder

Die Spielpläne der Saison 2017/2018 sind weiterhin vom Themenkomplex „Migrantisches Leben in Deutschland “ geprägt. Die Theater reagieren aber auch stark auf die zunehmende Zahl von Autokraten, die demokratische Staatsgebilde in Präsidialdiktaturen verwandeln.

Neben dem gewohnt gemischten Spielplan mit einem Anteil klassischer Theaterstücke und der Uraufführung neuer Dramatik warten die Spielpläne mit einer Fülle von Produktionen zum postmigrantischen Leben in Deutschland auf. Es geht aber nicht mehr um die schnelle Auseinandersetzung mit Flüchtlingsschicksalen, sondern um die die Frage: „Was kommt nach der Flucht?“. Zu Wort kommen in den meisten Fällen Autorinnen und Autoren, Regisseurinnen und Regisseure sowie Künstlerinnen und Künstler, die mit ihren Familien nach Deutschland kamen oder hier geboren wurden.

Postmigrantische Einzelschicksale

Das Theater Bonn legt im Frühjahr 2018 eine Adaption von Yassin Musharbashs Politthriller Radikal über eine sich islamistisch und neonazistisch radikalisierende Gesellschaft vor. Musharbashs Vater emigrierte aus Jordanien, während die Großeltern der deutsch-türkischen Journalistin und Autorin Fatma Aydemir als sogenannte Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Aydemirs Romandebut Ellbogen über ein postmigrantisches Einzelschicksal kam zum Saisonstart am Düsseldorfer Schauspielhaus zur Uraufführung (Regie: Jan Gehler).
 
  • „Ellbogen“, Düsseldorfer Schauspielhaus © Lucie Jansch
    „Ellbogen“, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • „Ellbogen“, Düsseldorfer Schauspielhaus © Lucie Jansch
    „Ellbogen“, Düsseldorfer Schauspielhaus
  • „Malalai - Die afghanische Jungfrau von Orléans“ nach Friedrich Schiller, Deutsches Nationaltheater Weimar © Annette Hauschild
    „Malalai - Die afghanische Jungfrau von Orléans“ nach Friedrich Schiller, Deutsches Nationaltheater Weimar
  • „Malalai - Die afghanische Jungfrau von Orléans“ nach Friedrich Schiller, Deutsches Nationaltheater Weimar © Annette Hauschild
    „Malalai - Die afghanische Jungfrau von Orléans“ nach Friedrich Schiller, Deutsches Nationaltheater Weimar
  • „Caligula“ von Albert Camus, Staatstheater Darmstadt © Robert Schittko
    „Caligula“ von Albert Camus, Staatstheater Darmstadt
  • „Caligula“ von Albert Camus, Staatstheater Darmstadt © Robert Schittko
    „Caligula“ von Albert Camus, Staatstheater Darmstadt
  • „Caligula“ von Albert Camus, Berliner Ensemble © Julian Roeder
    „Caligula“ von Albert Camus, Berliner Ensemble

 
Neben diesen Beispielen einer Dramatisierung von Romanvorlagen gibt es eine Fülle projektbezogener Recherchen. An den Münchner Kammerspielen erkundet die Filmemacherin Uisenma Borchu mit Nachts, als die Sonne für mich schien ebenfalls zu Beginn der Spielzeit die Migrationsbewegung der eigenen Familie. Borchus Eltern kamen kurz vor dem Mauerfall 1989 aus der Mongolei nach Ostberlin. In dieselbe Richtung recherchiert der in Jordanien geborene Autor Hartmut El Kurdi, wenn er mit Home.Run in einer Koproduktion des Staatstheater Hannover und der freien Theater Agentur für Weltverbessung die Migrationsgeschichte seiner verzweigten Familie erzählt.

Schiller steht Pate

Das Theater Osnabrück geht einen etwas anderen Weg und reflektiert Migrationsschicksale über einen antiken Mythos. In Medea2 treffen eine schwarze und eine weiße Medea auf Spiegelbilder ihrer selbst, die eine in Mosambik, die andere in Deutschland. Die Koproduktion mit dem Teatro Avenida Mosambik verwendet Texte mosambikanischer und deutscher Autorinnen und Autoren. In Weimar stand Friedrich Schiller Pate, als Robert Schuster und Julie Paucker zu Beginn der Spielzeit zusammen mit französischen, afghanischen, deutschen und israelischen Schauspielerinnen und Schauspielern Malalai – Die afghanische Jungfrau von Orléans entwickeln. Und zu Chris Dercons Neustart als Intendant der Berliner Volksbühne gibt es ein Antikenprojekt nach Euripides Iphigenie. Verantwortlich sind der syrische Schriftsteller Mohammed Al Attar und der syrische Theatermacher Omar Abusaada, die den Abend zusammen mit syrischen Migrantinnen und Migranten vorbereiten.

Das Leben des Propheten

Indem die Theater derart konsequent Künstlerinnen und Künstler aus ganz unterschiedlichen Herkunftsländern verpflichten, verdichten sie das Phänomen der globalen Migration und postmigrantischen Folgeerscheinungen in einzelnen Theaterabenden. Das gilt auch im Fall neuer Theatertexte, von denen derzeit sehr viele vom Broadway-Autor und Pulitzer-Preisträger Ayad Akhtar stammen. In seinem Stück Afzals Tochter gerät die Welt eines in den Westen emigrierten, strenggläubigen pakistanischen Taxifahrers durcheinander. Der Grund: Seine Tochter schreibt ein Buch über das wahre, auch von Leidenschaften geprägte Leben des Propheten. The Who and the What, so der amerikanische Titel, ist derzeit das im deutschsprachigen Raum am meisten gespielte Stück eines ausländischen Autors und wird unter anderem am Karlsruher Staatstheater nachgespielt (Regie: Robert Teufel). Das Schauspiel Köln bringt ein Stück des italienischen Autors Stefano Massini zur deutschen Erstaufführung (Regie: Moritz Sostmann). In Occident Express flieht eine Frau zusammen mit ihrer Enkelin aus dem irakischen Mossul über die Balkanroute nach Deutschland.
 
Dass die Theater auf Kollateralschäden der Globalisierung so schnell wie möglich reagieren, zeigt auch ein Blick auf das Phänomen der wachsenden Zahl von Autokraten, die demokratisch anmutende Staatsgebilde in Präsidialdiktaturen verwandeln wollen. Man denke an Polen, Ungarn, Russland und die Türkei, wo Staatsoberhäupter die Verfassung ihrer Länder zu manipulieren versuchen. Das Stück der Stunde zum Thema ist Albert Camus’ Caligula. In Darmstadt kam es zu Beginn der Saison auf die Bühne  (Regie: Christoph Mehler), Oliver Reese startete seine neuen Intendanz am Berliner Ensemble mit einer Inszenierung von Antú Romero Nunes. Das Bochumer Prinzregenttheater ist im November 2017 (Regie: Clara Nielebock) und das Düsseldorfer Schauspielhaus im März 2018 (Regie: Sebastian Baumgarten) an der Reihe.

Künstlerischer Widerstand

Zum Stück der Stunde kommt George Orwells Klassiker 1984. Eine Adaption des Romans gibt es am Mannheimer Nationaltheater (Regie: Georg Schmidtleitner) und in Stuttgart verabschiedet sich Schauspiel-Intendant Armin Petras zum Ende der Saison mit der Parabel eines total überwachten Staates. In Bochum würzt Olaf Kröck seinen Neustart als Intendant des Schauspielhauses mit einer Adaption von Jewgenij Samjatins Wir (Regie: Christoph Kalkowski). Der Roman aus dem Jahr 1920 diente Orwell als Vorlage für seinen Abgesang auf die Zukunftsfähigkeit demokratischer Staatsgebilde.
 
Es gibt weitaus mehr Auseinandersetzungen mit dem Thema. Exemplarisch genannt seien das Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm und Hamburger Thalia Theater, die Manifeste des künstlerischen Widerstands von Mitgliedern des Moskauer Protestkunstkollektivs Pussy Riot inszenieren. In Frankfurt kam Maria Alyokhina Riot Days auf die Bühne, in Hamburg gibt es am die Uraufführung von Nadeschda Tolokonnikowa Anleitung für eine Revolution. Auf höchstem Niveau künstlerisch widerständig ist einmal mehr Elfriede Jelinek, die sich mit Am Königsweg Donald Trump vorknöpft. Die Uraufführung ist Ende Oktober am Hamburger Schauspielhaus in der Regie von Falk Richter. Nachgespielt wird der Text am ETA Hoffmann Theater Bamberg (Regie: Daniel Kunze), am Frankfurter Schauspiel (Regie: Miloš Lolić) und am Deutschen Theater Berlin (Regie: Stephan Kimmig).