Zehn Jahre nachtkritik.de Kritiken und Debatten

Esther Slevogt und Christian Rakow
Esther Slevogt und Christian Rakow | © Thomas Aurin

Bereits am Frühstückstisch die Besprechung der Vorabend-Premiere lesen: Das kann man auf nachtkritik.de nun schon ein ganzes Jahrzehnt. Seit ihren umstrittenen Anfängen ist die Seite für Theaterzuschauer wie -macher zu einer der wichtigsten Informations- und Diskussionsplattformen im Internet geworden. Anlässlich des Jubiläums sprachen wir mit zwei Nachtkritikern der ersten Stunde: Gründungsmitglied Esther Slevogt und Neu-Co-Chefredakteur Christian Rakow.
 

Frau Slevogt, Sie sind eine der ersten Redakteurinnen und Mitgründerin von nachtkritik.de. Was hat vor 10 Jahren zur Geburt dieser Theater-Website geführt?
 
Esther Slevogt: Wir waren vier Theaterkritiker und ein bildender Künstler. Die Schreibenden unter uns hatten in ihrem täglichen Beruf schon festgestellt, dass die Theaterkritiken in den Feuilletons immer weniger wurden. Man hatte das Gefühl, es ist eine sterbende Disziplin, und es verstand auch kaum einer der verantwortlichen Redakteure mehr etwas von Theater. Auch schien uns die Idee vom Kritiker fragwürdig geworden, der von seinem Hochsitz aus Aufführungen hochschreibt oder runtermacht. Wir dachten, vielleicht kann Kritik überleben, wenn sie sich nicht als letztes Wort über ein Kunstwerk, sondern als Ausgangspunkt für ein Gespräch versteht. Also haben wir die Einbahnstraßenkritik für den Gegenverkehr freigeben und im Mai 2007 in die Welt gerufen: „Hallo, ist da überhaupt jemand, der sich noch für Theater interessiert?“ Und es kam ein ziemlich ohrenbetäubendes „Jaaa!“ zurück.
 
Nachdem anfangs von einigen großen Zeitungen der Untergang der Qualitätskritik beklagt wurde, sitzen Nachtkritiker heute praktisch auf allen Podien und in allen großen Jurys. Was sind für Sie die Gründe für diese erstaunliche Entwicklung?
 
Rakow: Als nachtkritik.de loslegte, hielt man das Internet noch für einen Spielplatz für Laien. Wir aber haben gleich mit relativ marktfähigen Honoraren und guten Autoren begonnen. Es brauchte nur etwas, bis auch die Öffentlichkeit bemerkt hat, dass wir von der Ausgangsstruktur her ganz ähnlich arbeiten wie ein klassisches Feuilleton und auch ein entsprechendes Qualitätsniveau erreichen. Ein zweiter Aspekt ist sicher: Wir haben auch eine andere Form des Nachdenkens über Theater eingespeist, eine dialogischere, begründungsintensivere. Dass wir ins Gespräch eintreten mit den Userinnen und Usern und dieses auch moderieren, beschert uns einen zuschauernahen, weniger hierarchischen Blick, der Nachtkritiker auch für Jurys interessant macht.

Slevogt: In den Beletagen der Dramaturgien und anderen Institutionen der Hochkultur galt der Mensch, der vor dem Computer sitzt lange als bildungsferner Trottel. Wir aber haben gesagt: „Liebe Theater, wenn ihr glaubt, dass das Internet und die Digitalisierung Krankheiten sind, die wieder weggehen, verliert ihr euer Publikum.“ Wir haben uns 2013 die Konferenz „Theater und Netz“ ausgedacht, um mit den Theatermachern zu diskutieren, wie Digitalisierung und Computerspiele die Erzählweise von Theater verändern oder das Verhältnis zwischen Publikum und Kunstwerk – bis hin zu Marketingmöglichkeiten zum Beispiel über soziale Medien. Das Unwissen bei den Theatern war riesig. Wir haben auch sehr avantgardistisch Themen besetzt, die dann im Jahr darauf oft woanders auf Festivals wiederaufgenommen wurden. Wir bilden uns schon ein, hier Entwicklungsarbeit geleistet zu haben in den letzten Jahren.
 
Besagter „Gegenverkehr“, also die Möglichkeit der Nachtkritik-Leser, mit Kommentaren auf Kritiken und Debattentexte zu reagieren, stand anfangs aufgrund seiner Boshaftigkeit selbst in der Kritik. Wurde da von Ihrer Seite eine Art Grundlagenforschung auf dem Gebiet offener Diskurs geleistet?
 
Slevogt: Als nach der französischen Revolution die Leute endlich etwas zu sagen hatten, war auch erst mal der Mob auf der Straße und rief „An die Laterne!“ – Partizipation will gelernt sein, auch im Internet. Aber es gab von Anfang an auch tolle und wichtige Beiträge. Und gleichzeitig ist diese Form der Intervention auf einer Theaterseite auch sehr gut aufgehoben. Es findet ja eine permanente Form von Stegreiftheater in unseren Kommentaren statt. Eigentlich müsste man mal ein Puppentheaterstück machen, das nur aus Dialogen der Kommentarspalten besteht.

Rakow: Man benutzt den Begriff des Mobs gerne, wenn man über soziale Medien nachdenkt. Schaut man sich unsere Kommentare aber im Detail an, ist das Allerwenigste mobhaft. Natürlich gehört eine gewisse Polemik dazu und man muss sorgfältig prüfen, wann sie das sachliche Argument überdeckt. Grundlagenforschung ist da der richtige Begriff. Wir mussten lernen, welche Dynamiken Schneeballeffekte erzeugen. Aber wir haben auch gelernt, dass es sehr wenige Ordnungsrufe braucht, um die Leute konzentriert zu halten. Und dann ist diese diskursive Öffnung ein wahnsinniger Gewinn. Es kommen ja auch sehr begründete Einwände, die dir als Journalist ein sachhaltiges Feedback geben und Ideen für weitergehende Rechercheaufträge. Mir persönlich hilft starker Gegenwind auch, mich zu überprüfen und zu fragen: „Habe ich genau hingeschaut?“ Wir haben aber auch ein dankenswert qualifiziertes und informiertes Publikum.
 
Darunter auch viele namhafte Theatermacher, wenn denn die Pseudonyme nicht trügen, unter denen sie ihre Kommentare verfassen.
 
Slevogt: Man muss sich bei uns nicht registrieren, um kommentieren zu können, aber wenn wir bestimmte Namen aus dem Betrieb haben, recherchieren wir das immer nach. Während wir am Anfang ganze Chöre von „Claus Peymanns“ und „Sebastian Hartmanns“ hatten, die allesamt nicht echt waren – weshalb wir diese Namen dann in Anführungszeichen gesetzt haben –, ist heute unter 5.000 Kommentatoren vielleicht gerade mal einer mit geklauter Identität, dessen Posting wir dann löschen. Das ist auch eine Art Erziehungserfolg, dass Leute nicht schummeln. Wenn auf einem nachtkritik.de-Kommentar “Joachim Lux“ draufsteht, steckt auch Thalia-Intendant Joachim Lux drin.
 
Für die Autoren ist das stundenlange Schreiben über Nacht dennoch schwer, das Sich-Als-Erster-Hinauswagen in den oft rauen Gegenwind. Hält das den Zulauf an Neuen auf Abstand?
 
Rakow: Man muss ganz klar sagen: Es liegt nicht jedem. Ängstlich sollte man nicht sein. Aber wir haben in sehr vielen Regionen einen starken Autorenstamm und mittlerweile überall die Möglichkeit, unter den guten Leuten auszuwählen. Und umgekehrt sind wir qua Beruf ja auch nicht gerade zimperlich mit der Bewertung der Arbeit anderer Menschen.

Slevogt: Der Gegenwind der Kommentatoren ist auch eine Demutsübung für uns Kritiker. Anfangs habe ich bei jedem Kommentar zu Texten von mir einen fürchterlichen Schrecken bekommen. Inzwischen bin ich unerschrockener und komme ich mir im Kommentargetümmel manchmal vor wie Asterix, der das Wildschwein über dem Kopf schwenkt und ruft: „Wo sind die Römer?“
 
So sportlich kann man das also auch sehen. Sind denn Nachtkritiken generell anders?
 
Rakow: Viele Autoren tendieren nach meiner Beobachtung dazu, lieber nochmal ein oder zwei Argumente mehr anzubringen als man es vielleicht in einem monologischen Medium machen würde, wo man oft steiler und thesenhafter schreibt. Das geht, weil unsere Texte mit 4.500 Zeichen dem alten Format der Vollkritik entsprechen, das die Zeitungen allenfalls noch für sehr große Premieren bereithalten.
 
Slevogt: Unsere Texte sind in der Regel besser als die der Lokalzeitungen, die oft gar keine Kritiker mehr haben und den Praktikanten schicken. Wir sehen das bei unseren Kritikenrundschauen, wo es vor zehn Jahren nie ein Problem war, auch zu kleineren Produktionen aus kleineren Städten noch zwei bis drei weitere Kritiken zu verlinken. Heute hat man es manchmal nur noch mit Bloggern ungewisser Provenienz oder mit Influencer-Marketing zu tun. Kritiken in Tageszeitungen aber finden wir immer seltener.
Und bei uns werden die Texte auch besser redigiert – im Dialog mit den Autoren, so gut das in der Hektik des Frühbetriebs möglich ist.

Rakow: Enthierarchisierung auf allen Ebenen ist in die Nachtkritik-DNA mit eingebaut. Dass man die Arbeitsverhältnisse neu einstellt sowie den Autorinnen und Autoren und ihrer Expertise vertraut, war uns von Anfang an wichtig.
 
Wie finanziert sich nachtkritik.de und wird es Ihrer Einschätzung nach auch in Zukunft noch Geld für Qualitätsjournalismus geben?

Slevogt: Wir haben angefangen mit privatem Geld, in der Hoffnung, dass es nicht versenkt ist. Und mit Sponsoring. Es kam mal Geld von der ZEIT-Stiftung oder von der Stiftung Niedersachsen. Aber parallel dazu haben wir uns ein professionelles Marketing und eine Anzeigenakquise aufgebaut.

Rakow: Nachtkritik hat sich früh als unabhängiges Qualitätsmedium aufgestellt. Wir haben durchschnittlich etwa 300.000 Besucherinnen und Besucher im Monat. Unser bisher erreichter Tageshöchstwert liegt bei 21.000. Diese Zahlen haben wir deswegen, weil die Leute das Gefühl haben, dass wir eine unabhängige und kontextsichere Haltung haben. Es gab in der Schweiz mal Theaterkritik.ch, wo die Theater sich quasi ihre Kritiken einkaufen konnten. Diese Seite hatte keinen Erfolg. Ich sehe zumindest in unserer winzigen Nische schon eine Nachfrage nach unabhängigem und professionellem Journalismus. Wie er sich finanzieren lässt, das wird im Moment intensiv diskutiert. Ob man über Bezahlschranken geht oder über Abonnements. Wir haben eine Spendenkampagne geschaltet, die sehr gut zieht. Das Gros aber kommt über Werbung rein, die möglichst divers sein sollte, weil dadurch verhindert werden kann, dass einzelne Theater Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen versuchen.

Slevogt: Manchmal ist da auch Erklärungsarbeit nötig: „Nein, Leute, wenn ihr eine Anzeige schaltet, bedeutet das nicht automatisch, dass ein Kritiker zu euch kommt. Das kann auch nicht in eurem Sinne sein. Dennoch erreicht ihr bei uns gezielt ein theateraffines Publikum.“
 
Sie veröffentlichen neben Kritiken und Debattenbeiträgen aus dem deutschsprachigen Raum auch sogenannte „Theaterbriefe“ aus mittlerweile zwölf Ländern. Wird dieser internationale Sektor stark nachgefragt und soll er weiter wachsen?
 
Rakow: Das kann man so sagen, auch wenn wir noch nicht in jedem Land gleich gut aufgestellt sind und natürlich nur sehr punktuell berichten können. Wir bekommen viele Kooperationsanfragen von internationalen Seiten. In England haben wir mit Andrew Haydon einen sehr guten Kritiker sitzen, der regelmäßig Texte auf Englisch schreibt, die vergleichbar oft gelesen werden wie Kritiken zu großen Premieren im deutschsprachigen Raum. Der Ausbau ist gewünscht, braucht aber Zeit.
 
… und andere Ressourcen. Ähnlich wie wahrscheinlich auch der Ausbau in Richtung Kinder- oder Tanztheater?
 
Rakow: Das Kinder- und Jugendtheater trägt seit Jahren seine begründeten Ansprüche an uns heran. Wir müssen uns trotzdem auf unser Kerngeschäft besinnen, und das ist das Sprechtheater für Erwachsene. Aber überall, wo es Vermischungen gibt – etwa wenn Performancegruppen im Kindertheaterbereich auftauchen, versuchen wir auch hinzuschauen. Damit hoffen wir, gewisse repräsentative und innovative Erscheinungen dieser Bereiche mit abzudecken. Wir schauen ja ab und an auch zur Oper hin, wenn Sprechtheaterregisseure dort inszenieren. Oder zum Tanz, wenn es diskursiv angebundene Abende sind wie etwa bei Constanza Macras. Redaktionelle Arbeit heißt aber auch immer Auswählen und auf den Grad der Aufmerksamkeitssättigung achten. Ob es nun die 50 Premieren pro Monat sein müssen, von denen wir derzeit ausgehen, oder ob es nicht wünschenswerterweise 60 sein müssten – zumal die Theater immer mehr produzieren – darüber wäre in einer besser bestellten Zukunft konkret zu sprechen. Da würden wir die anderen Sparten auch verstärkt mit reinnehmen. Aber nicht endlos. Wir haben nicht den Anspruch, alles abzubilden, was in der deutschsprachigen Theaterlandschaft passiert, sondern nur das, von dem wir das Gefühl haben, dass es eine bestimmte Leserschaft interessieren kann.