Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Plattform „Shifting Perspectives“
DIE SONNE ALS LETZTE GRENZE

Schauspieler auf der Bühne mit einer Puppe in der Hand
Ho Rui An im Lecture-Performance unter dem Titel „Solar: A Meltdown“ beim Theatertreffen 2018 in Berlin | © Eike Walkenhorst

​Mit der Plattform „Shifting Perspectives“ bringt das Berliner Theatertreffen die Besten-Auswahl des deutschsprachigen Raums in den Dialog mit internationalen Stimmen aus marginalisierten Communities. Die zweite Ausgabe versammelt bereichernde Gastspiele zu Themen wie Postkolonialismus oder Afrofuturismus. 

Von Patrick Wildermann

Die Wachsfigur des Anthropologen Charles Le Roux blickt auf ein Flusspanorama. Angehörige eines indigenen Volkes, die man zu Zeiten Le Roux’ „Pygmäen“ nannte, sind darauf in ihrem Boot zu sehen. Entstanden ist die Aufnahme im Zuge einer Expedition nach Neu Guinea, die Holländer und US-Amerikaner in den 1920er-Jahren gemeinsam unternahmen. Die Amerikaner drehten dabei auch den dokumentarischen Film By Aeroplane to Pygmyland (1926) – Bilderproduktionen aus dem imperialen Geist der Epoche.

Was den Künstler und Theoretiker Ho Rui An an der Wachsfigur fasziniert hat, die er im Amsterdamer Tropenmuseum vorfand, ist ein besonderes Ausstattungs-Detail: das am Rücken dunkel gefärbte, also verschwitzt wirkende Hemd, das sie trägt. Das Tropenklima muss dem weißen Mann zu schaffen gemacht haben. Der aus Singapur stammende Rui An hat sich hiervon zu einer Kolonialgeschichte des Schweißes inspirieren lassen, die er als Lecture-Performance unter dem Titel Solar: A Meltdown vorträgt. In einem weit ausholenden Bogen, ergänzt und veranschaulicht durch etliche Filmbeispiele, untersucht er „die Sonne als letzte Grenze des imperialen Projekts“ und beleuchtet die Verlinkungen zwischen „Heliophobie und Xenophobie“.

 Die libanesische Schauspielerin und Theatermacherin Hanane Hajj Ali auf der Bühne Jogging–Theatre in Progress von der libanesischen Schauspielerin und Theatermacherin Hanane Hajj Ali | © Piero Chiussi

Mauern von heute überwinden

Solar: A Meltdown war anlässlich des Berliner Theatertreffens 2018 in der zweiten Ausgabe der Plattform „Shifting Perspectives“ zu sehen, die 2017 etabliert wurde, um den Blick über den deutschsprachigen Raum hinaus zu öffnen und „andere Stimmen in einen Dialog mit dem Festival zu bringen“, wie es Kurator Necati Öziri formuliert. Als internationale Gastspielplattform, thematisch verwoben mit der Diskussionsreihe „TT Kontext: UNLEARNING History“, die das Theatertreffen in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung realisierte, versammelt das Format sechs Performances aus Israel, dem Libanon, Brasilien, Nairobi, Johannesburg und Singapur.

Der Dramaturg Daniel Richter, der das Theatertreffen 2018 vertretungsweise leitet, verweist auf die Anfänge des Festivals in der Ära des Kalten Krieges, als mit einer Auswahl von zehn bemerkenswerten Inszenierungen des deutschsprachigen Raums der Blick über die Berliner Mauer hinaus geweitet werden sollte. Mit „Shifting Perspectives“, so Richter, werde nun in Zeiten der Globalisierung die Frage aufgeworfen: „Was sind die heutigen, neuen Mauern?“ Die Gastspiele, deren Auswahl eben kein Best-of- oder Konkurrenz-Gedanke zugrunde liege, sollten „Gegengeschichten entwerfen“ und auch auf Leerstellen der Repräsentation im hiesigen Kulturbetrieb verweisen.

Schwarzsein in Bewegung „Ich werde nur eingeladen, um über das Schwarzsein zu sprechen“, stellt eine Performerin der companhia brasileira de teatra zu Beginn der Performance Preto fest. Ausgehend von der Situation im eigenen Land – „Brasilien ist schwarz, auch wenn es das nicht zugibt“ – entwirft die Gruppe ein mehrbödiges und universelles Spiel mit Zuschreibungen und Diskriminierungen – ohne je das Zusammenwirken von Race, Class und Gender aus dem Blick zu verlieren.
Drei Schauspielerinnen auf der Bühne Das afrikanisch-europäische „The Jitta Collective“ versucht in „Chombotrope“ das Erbe der kulturellen Aneignung neu zu denken | © Eike Walkenhorst
In Interview-Ausschnitten, Choreografien oder auch Sequenzen aus Rainer Werner Fassbinders Stück Die bitteren Tränen der Petra von Kant werden Abhängigkeitsverhältnisse und fragile Identitätskonstruktionen verhandelt – was in einer Szene gipfelt, in der die Performerinnen und Performer übergroße Pappmaché-Köpfe mit dem eigenen Konterfei tragen. Inspiriert durch den Essay Kritik der schwarzen Vernunft von Achille Mbembe stellt Preto die Frage, wie ein selbstbewusstes Schwarzsein, das sich nicht an den Projektionen einer weißen Mehrheitsgesellschaft orientiert, heute aussehen könnte.

Um Entwürfe schwarzer Selbstbilder geht es auch in der vom Internationalen Koproduktionsfonds geförderten Produktion Chombotrope, einer Fusion von Modenschau, Lecture und Voguing – jenem Tanz, der in den 1980er-Jahren in der schwulen Subkultur Harlems entstand. The Jitta Collecitve, eine afrikanisch-europäische Gruppe mit Basis in Nairobi und Köln, spielt dabei vor allem in den vorgeführten Kostümen mögliche zukünftige Identitäten durch. Mit Industriematerialien und roboterhaftem Design wird ein Afrofuturismus in Szene gesetzt, der eben nicht nur als Sciencefiction-Literatur existiert.

Pink Money und sein Preis

Mit „Shifting Perspecitves“, so Julia Hanske, Bereichsleiterin Theater und Tanz in der Zentrale des Goethe-Instituts, das die Plattform fördert, sollten andere Zielgruppen als die Theatertreffen-typischen erreicht und „internationale kollaborative Arbeitsprozesse“ sichtbar gemacht werden. Das überwiegend junge und sehr diverse Publikum, das die Veranstaltungen besucht, beweist, dass dieser Wunsch aufgeht.

Besonders augenfällig wird der Zustrom eines neuen Publikums dort, wo sich Lecture mit Party, Anliegen mit Amüsement mischt. In Pink Money – einer Queer Performance von Künstlerinnen und Künstlern aus Deutschland und Südafrika – geht es dem Titel gemäß um die Kaufkraft einer globalen LGBTI-Community, die als touristischer Wirtschaftsfaktor auch von Ländern ins Visier genommen wird, die man nicht automatisch mit Liberalität assoziiert. Auch in Kapstadt – einem Mekka der queeren Community – kann sich angesichts der Gewalt produzierenden sozialen Verhältnisse nur diejenige oder derjenige sicher bewegen, der über viel „Pink Money“ verfügt. Zwischen den hoch energetischen Beat-Einlagen von DJ Mbali Mdluli beleuchtet die Performance die Spannungsfelder von Selbstermächtigung und auferlegter Beschränkung.

Nachdenken über den Punkahwallah

Generell bietet „Shifting Perspectives“ einer Reihe von Themen die Plattform, mit denen sich das Goethe-Institut auch in anderen Kontexten befasst. Dazu zählt auch die Frage, wie ein postkoloniales Museum der Gegenwart und Zukunft gestaltet sein sollte – auf dem afrikanischen Kontinent wird sie gegenwärtig unter der Federführung des Goethe-Instituts Namibia mit der Projektreihe „Museumsgespräche“ erörtert.

Die Überwindung kolonialer Muster ist freilich eine Aufgabe, die bei den Hegemonialmächten selbst ansetzen muss. Das verdeutlicht besonders die Lecture Performance Solar: A Meldown. Ho Rui An nutzt das Instrumentarium der Critical Whiteness, um am Beispiel des Schweißes zu patriarchalen und imperialen Strukturen vorzudringen, die noch heute im Ausbeutungsverhältnis zwischen dem Westen und anderen Ländern bestehen – wenngleich in anderer Gestalt. Besonders greifbar wird das an der Figur des Punkahwallah. Mit diesem Namen bezeichnete man in Indien und Pakistan knechtähnliche Arbeiter, deren Aufgabe darin bestand, per Hand oder Fuß den Ventilator zu betreiben – um den weißen Kolonialherren wenigstens vorübergehend den Schweiß zu kühlen.
Schauspieler geht barfuß SurFace von Nofar Sela aus Tel Aviv | © Eike Walkenhorst

Top