Organspende in Deutschland Die Vertrauenskrise

Organspendeausweis. | Foto: © Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Organspendeausweis | Foto (Ausschnitt): © Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Die Deutsche Stiftung Organtransplantation registriert einen historischen Tiefstand bei Organspenden: Im Jahr 2013 wurden nur noch 876 Organspender (ohne Lebendspenden) verzeichnet. Zu mangelndem Vertrauen in das Transplantationssystem gesellen sich bei vielen Bürgern Verunsicherung und Ängste.

Die deutsche Transplantationsmedizin befindet sich in einer tiefen Vertrauenskrise. Seitdem im Sommer 2012 Manipulationen beim Vergabeverfahren von Spenderlebern an mehreren deutschen Transplantationszentren festgestellt wurden, sank die Zahl der Organspenden – im Jahr 2013 um knapp 14 Prozent. Über 11.000 Deutsche stehen auf der Warteliste der Organvermittlungsstelle Eurotransplant. Aufgenommen werden nur Patienten, bei denen das Risiko einer solchen Operation vertretbar ist und die Erfolgsaussichten der Transplantation gut sind. Zusätzliche Aufnahmekriterien sind die Wartezeit, die von Experten festgelegte Dringlichkeit und die nationale Organaustauschbilanz, mit der für eine gerechte Verteilung der Organe innerhalb Europas gesorgt werden soll. Obwohl die Manipulationen ausschließlich bei Lebern auftraten, leiden insbesondere Patienten, die auf eine Niere warten, unter den Skandalfolgen. Erfolgten 2010 in Deutschland 2.937 Nierenspenden (ohne Lebendspenden), waren es zwei Jahre später nur 1.789. Der Bedarf liegt bei rund 8.000 Nieren.

Zustimmen statt widersprechen

Niere, Herz, Leber, Lunge, Bauchspeicheldrüse und Dünndarm können in Deutschland gespendet werden. Seit November 2012 gilt dafür die sogenannte Entscheidungslösung. Das bedeutet, dass die Krankenkassen allen Versicherten ab 16 Jahren in regelmäßigen Abständen Informationsmaterial zur Organspende zukommen lassen. Darunter auch ein Blanko-Organspendeausweis. Auf ihm kann eingetragen werden, ob einer Organspende zugestimmt wird oder nicht. Darüber hinaus können einzelne Organe von der Transplantation ausgeschlossen werden. Liegt keine schriftliche Erklärung eines hirntoten Patienten zur Organspende vor, müssen die nächsten Angehörigen im Krankenhaus entscheiden, ob Organe gespendet werden sollen.

Jeder Bürger muss sich in Deutschland also aktiv dafür entscheiden, Organspender zu werden. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Opt-in-Verfahren. Von 100 Deutschen stimmen allerdings durchschnittlich nur zwölf zu. Lediglich in Dänemark ist die Bereitschaft mit 4,25 Prozent noch niedriger. In anderen europäischen Ländern, etwa in Spanien, Italien oder Tschechien, gilt die „Widerspruchsregelung“, ein Opt-out-Verfahren. Dort muss man einer Organspende ausdrücklich widersprechen, ansonsten wird die Zustimmung vorausgesetzt. Ein solches Verfahren führt zu deutlich höheren Spenderquoten.

Spendenmüde durch Vertrauenskrise

In Deutschland klafft eine große Lücke zwischen der Bereitschaft, ein Spenderorgan anzunehmen, und dem Willen, ein Organ zu spenden. Eine im März 2012 veröffentlichte Forsa-Umfrage ergab, dass 85 Prozent der Befragten ein gespendetes Organ annehmen würden. Zur gleichen Zeit hatten jedoch 78 Prozent keinen Organspendeausweis. Knapp ein Fünftel der Befragten lehnte die Organspende ab: 67 Prozent fürchten den Missbrauch der Spende durch Organhandel und 52 Prozent hatten Angst, dass die Ärzte nicht mehr alles für sie tun, wenn ein Organspendeausweis vorliegt.

Am 1. August 2012 trat eine Änderung des Transplantationsgesetzes in Kraft. Nach den neuen EU-einheitlichen Standards sollen unter anderem alle Daten über Spenderorgane, auch über deren Beschaffung, Konservierung und Beförderung, europaweit erfasst werden. Bisher koordiniert die Deutsche Stiftung Organtransplantation die Organspenden von Verstorbenen und führt alle Daten zu den Spendern. Das Verzeichnis der Empfänger wiederum liegt bei Eurotransplant in den Niederlanden. Für die Qualitätssicherung ist das Institut Aqua zuständig, das auch die Folgebehandlungen dokumentiert. Von einer Datenzusammenführung in Form eines Transplantationsregisters erhofft man sich nun Aussagen „über die Zusammenhänge zwischen der Qualität der gespendeten Organe und der Lebensqualität der Empfänger“. Und ein neues Vertrauen der Bevölkerung in die Organspende.