„Design Thinking“ Das Potsdamer Ideenlabor

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Wie kommen Online-Bestellungen aus dem Supermarkt am besten zum Kunden? Wie können Ein-Personen-Haushalte ihre Lebensmittelabfälle reduzieren? Wie wird Fahrradfahren im Dunkeln sicher? Mit solchen Fragen beschäftigen sich die Studenten der HPI School of Design Thinking in Potsdam, kurz D-School.

Die D-School-Studenten tüfteln nicht alleine im stillen Kämmerlein an einer Aufgabe, sondern denken im Team über neue Lösungen nach: Ärzte mit Betriebswirten, Pädagogen mit IT-Experten. Auch die Räume in Potsdam sind so gestaltet, dass sie die Fantasie der Studenten möglichst beflügeln und nicht ersticken. Denn „Design Thinking“ gelingt, wenn die drei Kernelemente stimmen, erklärt D-School-Leiter Ulrich Weinberg: „The place, the process, the people“.

Verstehen, beobachten, entwickeln

Um eine Idee zu entwickeln, erlernen die Studenten ein mehrstufiges Verfahren. Es beginnt mit einer Aufgabe, der „Design Challenge“, denn der Unterricht läuft auf Englisch ab. Um das Radfahren im Dunkeln geht es zum Beispiel. In der ersten Phase nähern sich die Studenten dem Problem. Fühlen sich Radfahrer unsicher, weil Straßen nicht beleuchtet sind und sie stürzen könnten oder weil sie sich vor einem Überfall fürchten? Die Studenten werten Statistiken aus und versuchen, das zentrale Problem zu identifizieren. Es folgt die Feldforschung: „Die Studenten beobachten Menschen und sprechen mit ihnen“, erklärt Claudia Nicolai, die Leiterin des Studiengangs. „Sie überlegen, für wen sie eine Lösung finden möchten“. Geht es um Leute, die sich alleine von einem Ort zum anderen bewegen? Oder um Extrem-Biker wie Fahrradkuriere? „Sie sollen sich in die Menschen hineinversetzen und aus ihrer Perspektive eine Lösung entwickeln“, erklärt Claudia Nicolai.

Zurück in den Seminarraum tragen die Studenten die Ergebnisse zusammen, filtern wesentliche Erkenntnisse aus Fotos, Interviews und Beobachtungen und legen fest, für welche Zielgruppe sie eine Lösung finden wollen. „Danach kommt die Ideengenerierung“, erklärt Claudia Nicolai, also die kreative Phase. Die Studenten schreiben jede Idee auf, sei sie auch noch so abwegig. Sie kleben Post-its an Tafeln oder beschreiben die abwaschbaren Wände. „Aus dieser Vielzahl von Ideen suchen wir uns mehrere Konzepte heraus, die als Lösung umgesetzt werden könnten“, erklärt Claudia Nicolai. Diese werden in Prototypen umgesetzt und getestet.

Der Studiengang lockt Studenten aus der ganzen Welt

Zahlreiche Firmen und Unternehmer sind schon auf die HPI School of Design Thinking aufmerksam geworden. „Von der Arztpraxis über NGOs bis hin zu Konzernen ist alles dabei“, sagt Ulrich Weinberg. Für die Metro Group haben Studenten zum Beispiel überlegt, wie Online-Kunden der Supermarktkette Real an ihren Einkauf kommen. „So ist der erste Drive-in-Service gestartet“, berichtet Ulrich Weinberg stolz.

120 Studenten werden jedes Jahr im Ideen-Entwickeln ausgebildet. Die einjährige Ausbildung ist kostenlos. Die Interessenten kommen inzwischen aus allen Teilen der Welt, so wie Juliana Paolucci, Studentin aus Brasilien. Ihr gefällt der Ansatz, der so anders ist als die Unterrichtsmethoden, die sie aus Schule und Universität kennt: „Wir sitzen nicht herum und schauen dem Lehrer zu, sondern werden selbst aktiv“, sagt die 24-Jährige. „Durch den Input der Studenten aus unterschiedlichen Disziplinen lernen wir enorm viel.“

Weg vom Individuum, hin zum Team

Tatsächlich will die Schule neue Akzente setzen, erklärt Ulrich Weinberg. Menschen aus unterschiedlichsten Disziplinen müssten stärker zusammenarbeiten und gemeinsam an einer Idee arbeiten, ausgehend von den Bedürfnissen des Menschen: „In der Schule und auch im Studium durchlaufen wir ein Individualtraining“, sagt er. Teamarbeit und Kreativität spielen dort eine untergeordnete Rolle – und so entstehe kein Raum für neue Ideen.

Gegründet wurde die Schule 2007 auf Initiative des deutschen Unternehmers und SAP-Gründers Hasso Plattner. Mit einer 29-Millionen-Euro-Spende hatte er zwei Jahre zuvor schon das „Hasso Plattner Institute of Design“ an der Stanford University gegründet. Interesse an dem Ansatz gibt es auf der ganzen Welt, gerade wurde in Peking eine neue Ideen-Schule aufgemacht. Auch in Paris können Studenten Kurse in „Design Thinking“ besuchen; Kooperationsgespräche in Malaysia laufen. Von „kleinen Pflänzchen“ spricht Ulrich Weinberg, wenn er die Angebote mit den Millionen von Studenten vergleicht, die nach dem traditionellen System Naturwissenschaften, Jura oder Wirtschaft lernen.

Für ihn ist das „Design Thinking“ ein Ansatz der Zukunft. Er vermittle nicht nur einen innovativen Weg der Ideenfindung, sondern könne Menschen auch etwas von dem Druck nehmen, den viele spüren: „Wir leben in einer Welt, die sich rasant verändert“, sagt Ulrich Weinberg, „das merken die Menschen täglich im Alltag und im Beruf.“ Es sei deshalb nicht mehr sinnvoll, sich allein auf das eigene Spezialgebiet zu konzentrieren, etwa auf die Organe des Menschen oder das Innenleben eines Computers. „Wir müssen unsere Denkstrukturen ändern und uns trauen, uns mehr zu vernetzen. Dafür müssen sich die Bildungslandschaft und die Unternehmenskultur grundlegend ändern.“