Hochschulreformen in Ungarn Zum Studieren nach Deutschland

Eingang zum Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität München; Foto: Südpol-Redaktionsbüro / A. Vierecke
Eingang zum Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität München | Foto (Ausschnitt): Südpol-Redaktionsbüro / A. Vierecke

Die rechtsgerichtete Regierung unter Viktor Orbán hat die Zahl staatlich finanzierter Studienplätze in Ungarn drastisch abgebaut. Deswegen zieht es viele junge Ungarn zum Studieren nach Deutschland.

Es geht um die Zukunft einer jungen Generation. Daher schlägt die Hochschulreform in Ungarn hohe Wellen. Unter dem Etikett „System für nationales Erziehungswesen“ beschneidet die Regierung von Ministerpräsident Viktor Orbán das Grundrecht junger Ungarn auf Bildung, so sehen es Kritiker. Selbst die EU ist alarmiert über die Hochschulpolitik ihres Mitgliedslandes. So hat die ungarische Regierung Ende 2011 ein Gesetz erlassen, das 40 Prozent der staatlich finanzierten Studienplätze streicht. Im Jahr 2012 finanziert der Staat nur noch 34.000 Studienplätze, während es im Jahr 2011 noch 54.000 waren.

Außerdem verpflichten sogenannte „Studienverträge“ ungarische Studierende, nach ihrem Abschluss im Inland zu jobben – und zwar doppelt so lange, wie sie studiert haben. Setzen sie sich doch zum Arbeiten ins Ausland ab, müssen sie nachträglich Studiengebühren entrichten. „Die Bildungsreform hat uns allen den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt Anna Buzál, Abiturientin der Deutschen Schule Budapest zu Spiegel Online. Viele Ungarn überlegten sich, ob sie nicht lieber ins Ausland gehen sollen und wenn sie sich dann entschieden hätten, ginge es nur noch um praktische Probleme. Die 20-Jährige möchte in München Jura studieren, außerdem will sie sich in Heidelberg, Freiburg und Passau bewerben. „Wenn ich in Ungarn studieren würde, müsste ich zehn Jahre hier arbeiten.“

Wer kann, flieht vor der Bildungspolitik mit der nationalen Stoßrichtung. Bei der Deutschen Schule in Budapest hat sich im vergangenen Schuljahr mehr als die Hälfte der ungarischen Abiturienten für ein Studium im Ausland entschieden – vor allem in Deutschland oder im deutschsprachigen Raum, berichtet András Kulcsár. Der Pädagoge empfiehlt ungarischen Schülern, sich möglichst frühzeitig bei den ausgewählten Hochschulen zu melden, insbesondere um zu erfahren, für welche Fächer es Zulassungsbeschränkungen gibt und um die Kosten des Studiums einschätzen zu können.

Unis im Süden gehören zu den beliebtesten

„Die südlichen Regionen Deutschlands gehören bei den Ungarn zu den beliebtesten Studienregionen Deutschlands, da sie am nächsten liegen“, sagt Monika Sax vom Budapester Informationszentrum des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD). Am attraktivsten ist für junge Ungarn die Ludwig-Maximilian-Universität München (LMU). Doch: „Wenn wir Studiengebühren und Lebenshaltungskosten ansprechen, fällt Bayern in den meisten Fällen raus“, erklärt Sax. Die Studiengebühren schrecken ungarische Studierende ab, deren Land ohnehin besonders unter der Finanzkrise leidet. Daher interessieren sich viele junge Ungarn auch für Hochschulen im Osten der Bundesrepublik.

Ungarische Schüler, die in Deutschland studieren möchten, sollten sich sorgfältig auf ihr Studium vorbereiten. Das gilt insbesondere, wenn sie an einer ausgezeichneten Universität wie der LMU München studieren wollen. „In erster Linie ist es wichtig, dass die Schüler in der deutschen Sprache fit sind. Sie sollten sich rechtzeitig über die Zulassungsbedingungen informieren und über Zulassungsbeschränkungen“, erläutert Katrin Gröschel, Sprecherin von der Pressestelle der LMU München. Bei der Bewertung ausländischer Schul- und Studienabschlüsse hilft das Informationsportal „Anabin“ der Kultusministerkonferenz.

Jugendliche, die ein Studium in Deutschland planen, sollten ferner nachrechnen, ob sie dies finanzieren können. Die Kosten des Studiums in einer Universitätsstadt wie Köln belaufen sich auf durchschnittlich 791 Euro im Monat – davon fallen etwa rund 330 Euro für Miete an. Dabei fallen in Köln keine Studiengebühren mehr an.

Nebenjob oder Stipendium?

Seit Mai 2011 können Studierende aus Ungarn als EU-Bürger zu den gleichen Bedingungen studieren wie ihre deutschen Kommilitonen – das heißt, sie können etwa bis zu 20 Stunden in der Woche jobben. Die regionalen Stellen der Agentur für Arbeit bieten in der Regel eine Job-Vermittlung auch für ausländische Studierende. An großen Hochschulstandorten läuft die Jobvermittlung auch über Studentenwerke. Häufig werden Jobs auch auf „schwarzen Brettern“ in den Hochschulen ausgeschrieben.

Die beste Möglichkeit der Finanzierung ist ein Stipendium, so Thomas Zettler, Leiter des Südosteuropa-Referats des DAAD. Finanzierungsprogramme, die sich an junge Ungarn richten, sind über die Stipendien-Datenbank des DAAD auffindbar. Dabei sind „Studienstipendien“ für Graduierte gedacht, die einen Masterstudiengang in Deutschland aufnehmen wollen, während „Forschungsstipendien“ denjenigen vorbehalten sind, die im Zuge einer in Ungarn aufgenommenen Doktorarbeit einen Forschungsaufenthalt in der Bundesrepublik planen.

Auch der Aufwand einer Bewerbung um ein Stipendium ist nicht zu unterschätzen. Réka Tóth, 25, Studentin der Linguistik an der FU Berlin und DAAD-Stipendiatin, hat sich im November 2009 um einen Masterstudienplatz beworben und erst im Oktober 2010 angefangen dort zu studieren. „Damals musste ich zahlreiche Dokumente einreichen, so etwa den Lebenslauf, Kopien des Abiturs, der Sprachzeugnisse, des Studienplans, Kopien und Übersetzungen des Studienbuchs sowie die Zulassungsbestätigung der gewünschten Universität“, so die Ungarin. Die deutsche Übersetzung eines Studienbuchs koste ein Vermögen in Ungarn, so Tóth.

Zimmer frei?

Seit Mitte 2011 ist die Wehrpflicht für junge Deutsche ausgesetzt. Statt unter den Stahlhelm zu schlüpfen, zieht es Scharen junger Deutscher geradewegs in die Hörsäle. Außerdem strömen derzeit doppelte Abiturjahrgänge – Schüler, die das Abitur nach zwölf und nach 13 Jahren beendet haben – gleichzeitig in die Hochschulen. Die Folge: Deutsche Universitätsstädte werden von Erstsemestern überlaufen. „Die Wohnsituation in den meisten deutschen Universitätsstädten ist recht angespannt“, erklärt Julia Eggs vom Studentenwerk München. Je flexibler man sei, desto leichter werde man etwas Passendes finden.

„Es war schwierig, überhaupt eine Wohnung zu finden. Da ziemlich viele nach einer Wohnung in Berlin suchen, sind die Vermieter wählerisch. Man muss sich um eine Wohnung bewerben. Ich bin mit meiner Zwillingsschwester und ihrem Freund zusammen nach Berlin gezogen und am Ende hatten wir sehr großes Glück, weil wir eine Wohnung in einer schönen Gegend und auch hinsichtlich des Verkehrs in einer günstigen Lage gefunden haben. Ich zahle für mein Zimmer rund 230 Euro“, berichtet die 25-jährige Anna Tóth.

An deutsche Umgangsformen muss man sich als Südosteuropäer gewöhnen. „Die Menschen hier im Norden kommen einem auf den ersten Blick streng und kühl vor. Spricht man sie aber einmal auf der Straße an und bittet sie um Auskunft oder Hilfe, dann sind sie unglaublich freundlich und hilfsbereit“, meint Réka Tóth.