Gentechnik Der „programmierte“ Mensch

Der „programmierte“ Mensch; © Thorsten Schmitt / Fotolia.com
Der „programmierte“ Mensch | Foto (Ausschnitt): © Thorsten Schmitt / Fotolia.com

Gentechnik, Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik bieten die Chance, körperlichen Defekten vorzubeugen und sich dem Zufall der Natur ein Stück weit zu entziehen. Doch dies wirft Fragen von enormer Tragweite auf, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt.

Wie in allen anderen Bereichen technischen Fortschritts, zeigt sich auch bei der Gentechnik, dass die Wissenschaft zwar atemberaubende neue Möglichkeiten bereitstellt, aber mit ihrem Fachwissen letztlich nichts zur Klärung der Frage beitragen kann, welche dieser Mittel der Mensch am Ende nutzen soll. Diese Fragen weisen über das Feld technischen Wissens hinaus in den Bereich ethischer Grundsatzfragen.

Jeder Eingriff in das menschliche Erbgut wirft ethische Fragen auf. Neben dem Problem der begrenzten Abschätzbarkeit von langfristigen Folgen für Menschheit und Gesellschaft stellen sich vor allem zwei Fragen: die ganz generelle Frage nach den ethischen Grenzen technologischer Weltermächtigung und die Frage nach dem Selbstverständnis eines genetisch „programmierten“ Menschen. Zur zweiten Frage hat nicht zuletzt Jürgen Habermas in seinem Buch Die Zukunft der menschlichen Natur warnend Stellung bezogen. Sobald eine Person eine Entscheidung über die „natürliche“ Ausstattung eines anderen trifft, hat sie diesem gegenüber die Macht, unwiderruflich bestimmte Eigenschaften des Betroffenen ohne dessen Zustimmung festzulegen. Vertretbar erscheint dies, wo es sich um rein präventive Eingriffe handelt, um Krankheiten zu verhindern („negative Eugenik“). Strittig wird es, sobald es darum geht, ein Kind mit bestimmten wünschenswerten Eigenschaften auszustatten („positive Eugenik“). Doch die Übergänge hier sind fließend – auch dies ist Teil des Problems.

Ethische Probleme: Bedrohung menschlicher Autonomie?

Insbesondere die „positive Eugenik“, so Habermas, bedroht die Autonomie des Subjekts. Der Betroffene weiß sich als Produkt bewussten fremden Eingreifens. Mit dem Eingriff in einen Bereich schützenswerter Unverfügbarkeit wird die Symmetrie der Gleichheit zwischen diesen Personen verletzt. „Denn sobald Erwachsene eines Tages die wünschenswerte genetische Ausstattung von Nachkommen als formbares Produkt betrachten und dafür nach eigenem Gutdünken ein passendes Design entwerfen würden, übten sie über ihre genetisch manipulierten Erzeugnisse eine Art der Verfügung aus, die in die somatischen Grundlagen des spontanen Selbstverhältnisses und der ethischen Freiheit einer anderen Person eingreift und die, wie es bisher schien, nur über Sachen, nicht über Personen ausgeübt werden dürfte.“ Das Individuum kann so nicht mehr uneingeschränkt es selbst sein. Es ist Geschöpf, nun aber nicht mehr ein Geschöpf Gottes, sondern das anderer Menschen.

Im Umgang mit gesellschaftlichen Einflüssen kann Autonomie erstritten und erworben werden – in Konfrontation mit genetischer Fremdprogrammierung ist dies nicht mehr möglich. Gegen diese Position wurde unter anderem geltend gemacht, dass durch keine Art von Klonen ein Mensch in seinem Willen und Handeln von seinem Erzeuger abhängig gemacht werden könne. Auch der Geklonte muss und kann mit dem, was er an Ausstattung nun einmal mitbekommen hat, in Freiheit und Selbstbestimmung umgehen. Autonomie beziehe sich auf die Freiheit von Fremdbestimmung im eigenen Handeln, verweise also auf gesellschaftliche Beziehungen, nicht aber auf „Natürliches“. Ob diese Frage aus den Prämissen des modernen Autonomiepostulats philosophisch wirklich eindeutig entschieden werden kann, ist offen. Der Hinweis auf „Unverfügbares“ ist indes auch deshalb interessant, weil er auf die weiter ausgreifende Frage nach den Begrenzungen einer potenziell haltlosen säkularen Moderne verweist.

Der programmierte Mensch – Vollendung der Moderne?

Dem Fortschritt Grenzen zu setzen, widerspricht eigentlich dem Geist der Moderne. Das Neue als das Bessere ersetzt ständig das Alte, Überkommene. Der technische Fortschritt, angetrieben von einer auf Neugier programmierten Wissenschaft und einer an Innovation interessierten kapitalistischen Ökonomie, ist Motor dieser Entwicklung. Das hat eine Frage an den Rand gedrängt, die sich gerade mit Blick auf die gentechnischen Innovationen heute vielen stellt: Darf der Mensch alles, was er kann?

Diese Frage verbindet sich nicht zufällig mit genuin religiösen Argumentationen. Was oder wer sollte dem Menschen Grenzen setzen, wenn er sich seine Welt aneignet? Warum ist das moralisch überhaupt verwerflich, solange andere nicht unmittelbar geschädigt werden? Die moderne Aufklärungsmoral beschränkt sich bewusst auf interpersonale moralische Probleme, liefert aber keine prinzipiellen Argumente gegen technologische Grenzüberschreitungen. Ihr fehlt das Vokabular für das, wovor schon in der Antike gewarnt wurde: die Hybris, die frevelhafte menschliche Selbstüberhebung, die sich über die Gebote der Götter hinwegsetzt. Prometheus war so ein Frevler – und zugleich gilt eben er als Held menschlicher Selbstermächtigung, die in der Moderne zur Vollendung gekommen ist.

In den gentechnischen Debatten vertreten die Kirchen mit ihren Argumenten am plausibelsten, warum der Mensch bestimmte Grenzen nicht überschreiten und sich nicht zum Schöpfer aufschwingen darf. Nur Religion könne erklären, warum der Mensch sich lieber in Demut üben und sein Schicksal in Gottvertrauen annehmen sollte, statt sich für die Kreation von „Designer-Kindern“ dem Rat der Wissenschaft anzuvertrauen. Andernfalls drohen solche Entscheidungen letztlich zu Fragen des Geschmacks zu werden: Warum eigentlich kein „Designer-Kind“, wenn’s möglich ist? Mehr noch: Das Werben für Verzicht erscheint dem modernen Fortschrittsdenken als geradewegs irrational.

Mit Blick auf die schwierigen Entscheidungen, die der gentechnische Fortschritt erzwingt, gibt es indes keine einfachen Lösungen, weder religiöse noch moralische. Nicht der Papst oder andere kirchliche Autoritäten, sondern Parlamente haben zu entscheiden. Das Meinungsbild ist dabei sehr heterogen, die Dispute gehen quer durch die politischen Lager. Demokratische Repräsentanten sind mit Fragen konfrontiert, die sie doch maßlos überfordern müssen. Auch Ethikräte verfügen hier nicht über letzte Wahrheiten. Indem der Mensch sich selbst und seine Natur zum Gegenstand (mittlerweile unvermeidlicher) menschlicher Entscheidungen gemacht hat, hat er nicht nur wissenschaftlich, sondern auch ethisch Neuland betreten.