Horst-Eberhard Richter Friedensdenker und Psychotherapeut der Deutschen

Als intellektuelle Leitfigur der bundesdeutschen Friedensbewegung wurde der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter weltweit und weit über die Grenzen seines Fachs hinaus geschätzt. Der gebürtige Berliner gilt als Deutschlands populärster Psychoanalytiker. Streitbar blieb der gleichermaßen wortmächtige wie produktive Humanist und Pazifist bis zuletzt: als Kritiker des Irakkrieges und des „Krieges gegen den Terror“.

Horst-Eberhard Richter; © Lorenz Vierecke Horst-Eberhard Richter | © Lorenz Vierecke Der 1923 geborene, vielfach ausgezeichnete Horst-Eberhard Richter zählt zu den großen deutschen Nachkriegsintellektuellen. Der Philosoph, Arzt, Psychoanalytiker und Therapeut hat nicht nur Worte gefunden und zu Texten verarbeitet, er hat das Wort ergriffen und eingegriffen, im öffentlichen Raum interveniert und wie kaum ein anderer zur politischen Selbstbesinnung der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft beigetragen. Richter war einer der Pioniere der psychoanalytischen Familien- und Gruppentherapie sowie Verfasser zahlreicher psychologischer Grundlagenwerke, die noch heute gelesen werden. Gleichzeitig war er aber auch der „Psychotherapeut der Nation“, so Johannes Rau, einer ihrer gründlichsten Analytiker und entschiedensten Kritiker. Richter verstand die Psychoanalyse nicht nur als individuelle Behandlungsmethode, sondern auch als ein Instrument gesellschaftlich-politischer Aufklärung und wusste dieses Instrument virtuos einzusetzen.

Das Trauma der Jugend

Richters Entscheidung für die Psychoanalyse und ihre gesellschaftspolitische Verwendung wurzelt ebenso wie sein lebenslanges Engagement für eine Welt ohne Krieg, Hass und Gewalt in seinen traumatischen Jugenderfahrungen. Nach dem Abitur zur Wehrmacht eingezogen, diente er im Zweiten Weltkrieg in einem Artillerieregiment an der Ostfront – seine erste Begegnung mit dem Tod, den er als Richtkanonier selbst mitverursachte. Der Verlegung nach Stalingrad nur durch Zufall entgangen, wurde Richter in Italien eingesetzt, wo er kurz vor Kriegsende desertierte. Anschließend verbrachte er, als sogenannter „Werwolf“ verdächtigt, vier Monate in französischer Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Freilassung erfuhr er vom Tod seiner Eltern, die zwei Monate nach Kriegsende von betrunkenen russischen Soldaten ermordet worden waren – seine zweite traumatische Erfahrung, vielleicht noch verstörender als die erste.

Aus diesen Erfahrungen hat Richter persönliche und politische Konsequenzen gezogen, die sich auch in seinem akademisch-beruflichen Werdegang widerspiegeln: Er studierte Philosophie, Medizin und Psychologie, promovierte 1949 über die philosophische Dimension des Schmerzes und begann 1950 eine psychoanalytische Zusatzausbildung, die er zwei Jahre später abschloss. 1957 erfolgte die Promotion zum Dr. med. Bereits von 1952 an leitete Richter in Berlin eine Beratungs- und Forschungsstelle für seelisch gestörte Kinder und Jugendliche, von 1959 bis 1962 außerdem das Berliner Psychoanalytische Institut. 1963 wurde Richter ohne Habilitation auf den neu eingerichteten Gießener Lehrstuhl für Psychosomatik berufen, den er bis 1991 innehatte. In Gießen baute Richter eines der führenden Zentren für psychosomatische Medizin auf und gründete darüber hinaus ein Psychoanalytisches Institut. Nach seiner Emeritierung übernahm er die Leitung des von der Schließung bedrohten Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main, das er in eine gesicherte Zukunft führte.

Nicht flüchten, sondern standhalten!

So eindrucksvoll wie Richters Biografie ist auch sein schriftstellerisches Werk. Über 200 wissenschaftliche Abhandlungen und fast 30 Bücher künden von einem Arbeitsfleiß, der seinesgleichen sucht. Dabei handelt es sich keineswegs um akademische Eintagsfliegen. Viele seiner Bücher – so etwa sein als Habilitationsschrift abgelehntes Erstlingswerk Eltern, Kind und Neurose (1962), die Arbeiten Patient Familie (1970) und Die Gruppe (1972) oder sein philosophisches Hauptwerk Der Gotteskomplex (1979) – sind zu veritablen Klassikern geworden und erlebten zahlreiche Neuauflagen. Und fast immer richteten sie sich nicht nur an das Fachpublikum, sondern an eine breite Leserschaft, die es für Psychologie und Psychoanalyse zu gewinnen und von ihrer analytisch-emanzipatorischen Kraft zu überzeugen galt.

Wie Margarete und Alexander Mitscherlich gehört Richter zu den Wegbereitern der von den Nazis unterdrückten Psychoanalyse in der frühen Bundesrepublik. Und wie in ihrem Fall so galt auch sein vordringliches, wenngleich gewiss nicht einziges Interesse der Aufklärung und Bewusstmachung unverarbeiteter Schuld, der Analyse des Zusammenhangs von Leid, Schuld und Hass, von individueller und kollektiver Friedlosigkeit. Wer seine Schuld nicht bekennt, das Leid verdrängt, dem bleibt letztlich nur zu hassen und weiter zu leiden übrig. Das war eine Grundeinsicht Richters, die er seinem eigenem Erleben mitzuverdanken hatte. Nicht zu flüchten, sondern standzuhalten, ja aktiv zu widerstehen gelte es daher: der eigenen Schuld, den eigenen Ängsten, aber eben auch den krankmachenden Zumutungen, die von außen andrängen und eindringen. Es gehört zu Richters tiefsten Überzeugungen, dass seelisches immer auch gesellschaftliches Leid ist, seelische Notlagen sozial und politisch mitverursacht sind – und Formen kollektiver Praxis beziehungsweise gelingender Solidarität deshalb am besten geeignet, individuelles Leid zu überwinden.

Alle reden vom Frieden

Richter selbst hat sich dieser Praxis nicht verweigert: Die gesellschaftlichen Reformbewegungen der 1970er-Jahre hat er kritisch begleitet, die Bewegungen der 1980er-Jahre aktiv mitgestaltet. Mit seiner Satire Alle redeten vom Frieden wurde Richter 1981 zu einer der Leitfiguren der Friedensbewegung, die auch in der Folgezeit wesentliche Impulse von ihm empfing. Die von ihm mitgegründete westdeutsche Sektion der Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs“ erhielt 1985 den Friedensnobelpreis – nicht zuletzt Richters Verdienst und gewiss ein Höhepunkt seines friedenspolitischen Engagements.

Bis zu seinem Tod hat sich Richter in die öffentlichen Debatten der Bundesrepublik eingemischt, als Kritiker der beiden Irakkriege und des „Krieges gegen den Terror“, im Streit um die Gentechnik oder im Kampf für eine Verbesserung der psychosozialen Versorgung. Immer ging es ihm darum, mit seinem Engagement zu einer „Kultur des Friedens“, sprich: zu einer besseren, gerechteren, lebenswerteren Welt beizutragen. Und immer appellierte er dabei an die politische Mitverantwortung jedes Einzelnen. Richter hat, als Arzt und Psychoanalytiker sowie als Bürger, soziale Verantwortung gelebt. Er starb am 19. Dezember 2011 im Alter von 88 Jahren. Ein Vorbild wird er bleiben.