Konfliktbewältigung Mit Mediation gegen Gewalt an Schulen

Gewalt an Schulen ist immer wieder Thema in der deutschen Öffentlichkeit. Bundesweite Programme dagegen gibt es aufgrund des Föderalismus nicht. Doch auf regionaler Ebene tut sich viel. Eines wird dabei klar: Nur wer offen mit Konflikten umgeht, kann das Problem in den Griff bekommen.

Mit Mediation gegen Gewalt an Schulen; © Foto: DOC RABE Media - Fotolia.com Mit Mediation gegen Gewalt an Schulen | © Foto: DOC RABE Media - Fotolia.com Anna sitzt weinend in der Ecke des Pausenhofs der Berliner Hauptmann von Köpenick-Grundschule. Mal wieder darf sie beim Spiel ihrer Klassenkameradinnen nicht mitmachen. Zwei Konfliktlotsen in gelben Leuchtwesten vermitteln: Die Schülerinnen und Schüler mit Mediationsausbildung moderieren als neutrale Personen ein Gespräch, in dem beide Seiten ihre Sicht der Dinge erläutern und ihre Gefühle beschreiben. Anna erzählt, dass die anderen immer vor ihr weglaufen oder ihr sagen, sie solle gehen. Die Mädchen wiederum fühlen sich von Anna bedrängt und wollen lieber allein spielen. Nun ermuntern die Konfliktlotsen beide Seiten, ihre Wünsche vorzutragen. Ziel ist, dass die Streitenden selbst eine Lösung finden und festschreiben. Dann ist es wahrscheinlicher, dass sie sich an die Abmachung halten. In der nächsten Hofpause darf Anne mitspielen. Die Mädchen wollen gemeinsam versuchen, für sie eine Rolle im Spiel zu finden. In einer Woche haben sich die Konfliktlotsen wieder mit Anna und den Mädchen verabredet. Dann werden sie auswerten, was sich seit der Vermittlung verändert hat.

Das Berliner Konfliktlotsen-Modell

Die Konfliktlotsen laufen seit Oktober 2011 in jeder Pause über den Hof der Köpenick-Schule. Ein Jahr lang übten sie, wie man bei einem Streit vermittelt. Jetzt können sie Gewaltsituationen frühzeitig erkennen und wissen, wie man in diesem Fall handelt. Sie schützen und stärken die Opfer, helfen den Streitenden, selbst eine Lösung ihres Konfliktes zu finden. Ortrud Hagedorn hat das Berliner Konfliktlotsen-Modell 1992 entwickelt und eingeführt. „Damals wurde in den Medien häufig über zunehmende Gewalt an Schulen berichtet“, erläutert sie ihre Motivation. „Die Nachrichten produzierten Angst bei Eltern und der Jugend. Jugendliche wollten selber etwas dagegen unternehmen, anstatt in Angst zu verharren.“

Dabei geht es oft um schwierigere Fälle als den von Anna. Im Schuljahr 2010/2011 wurden in Berlin 1.468 Gewalt- und Notfälle an Berliner Schulen gemeldet, sieben Prozent weniger als im Vorjahr. Das geht aus dem aktuellen Gewaltpräventionsbericht der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft hervor.

Unsichtbare Gewalt ist das Hauptproblem

Gewalt ist nach wie vor ein allgegenwärtiges Thema an Schulen in Deutschland. „Kinder und Jugendliche schädigen einander durch Abwertung, Verletzung der Bedürfnisse, Beschädigung und Zerstörung des Eigentums sowie körperliche Attacken“, sagt Ortrud Hagedorn. Die öffentliche Wahrnehmung beherrschen extreme Vorfälle offener Gewalt wie Amokläufe. Darüber berichten auch die Medien ausführlich. Aber im Alltag sind es vor allem subtile Formen von Gewalt wie Bedrohung, Ausgrenzung und Mobbing, die Schülern das Leben und Lernen schwer machen. Diese stillen Formen der Gewalt entziehen sich dem direkten Blick der Erwachsenen. Gleichzeitig hat sich im Internetzeitalter der Raum, in dem Kinder ausgegrenzt und verbal angegriffen werden, ausgeweitet. Cyber-Mobbing ist zu einem großen Problem geworden. Weder Pädagogen noch Eltern wissen immer, was Kinder im Internet tun.

„Der konstruktive Umgang mit Konflikten ist leider kein Thema im Unterricht“, bedauert Hagedorn. Stattdessen wächst der Leistungsdruck auf Lehrer und Schüler und lässt kaum noch Zeit, sich mit zwischenmenschlichen Themen zu beschäftigen. „Viel Druck und andere belastende Erfahrungen erhöhen die Gefahr von Konflikten“, sagt Bastian Hartwig vom Fachteam Gewalt und Krisen des Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentrums (ReBUZ) in Bremen. „Neben den Erlebnissen in der Schule sind das häusliche Umfeld und die Peergruppe für die Entstehung von Gewalt bedeutsam“. Das Team vom ReBUZ berät Lehrer, Schüler und Familien in Konflikt- und Krisensituationen. Sie intervenieren und vermitteln den Betroffenen Fachstellen zur weiteren Unterstützung. Ein wichtiges Anliegen von ReBUZ ist es, Lehrer für die Probleme zu sensibilisieren. „Viele Formen von Gewalt werden gar nicht offenbar“, sagt Hartwig „sie wirken still und im Verborgenen“.

Kein nationaler Plan, aber viele Projekte

Für die Bildungspolitik sind in Deutschland laut Grundgesetz die 16 Bundesländer verantwortlich. Bundesweit übergreifende Initiativen oder Konzepte gegen Gewalt an Schulen oder einen Überblick über das tatsächliche Ausmaß der Gewalt gibt es daher nicht. Andererseits sind durch den Föderalismus viele wertvolle Ideen auf Länderebene entstanden. Mediatoren sind ein Ansatz. Andere Schulen organisieren Musikfestivals („Musik gegen Gewalt“, Gesamtschule Mücke, Hessen), lassen Sozialkompetenz-Trainings durchführen („Spielend streiten lernen“, Nordrhein-Westfalen) oder schicken eine Ausstellung von Schülerbildern auf Tour – wie im Rahmen der von der Ludwigshafener Grafikerin Silvia Izi 1992 ins Leben gerufenen Initiative „Wer, wenn nicht wir“.

Einrichtungen wie das ReBUZ, die helfen und alle wichtigen Akteure miteinander vernetzen, gibt es auch in anderen Bundesländern. Ebenso Beratungsstellen, die Opfer schulischer Gewalt und ihre Eltern unterstützen. Oder Telefonnummern, die betroffene Kinder anrufen können. Bastian Hartwig vom ReBUZ in Bremen fasst zusammen, worin sich alle, die sich mit dem Thema Gewalt an Schulen beschäftigen, einig sind: „Man muss genau hinsehen. Prävention, Beratung, Intervention und Nachsorge sind notwendig. Nur wenn Konflikte erkannt werden und den Raum haben, offen und friedlich gelöst zu werden, kann die Gewalt an Schulen nachhaltig reduziert werden.“