Bildungsideale Was ist und welchem Ziel soll Bildung dienen?

Audimax der Universität Cottbus; © Sascha Nehls
Audimax der Universität Cottbus | Foto (Ausschnitt): Sascha Nehls/CC BY-SA

Unbestritten: Bildung ist ein hohes Gut. Doch darüber, was Bildung eigentlich ist und vor allem, welchem Ziel sie dienen soll, gehen die Meinungen zum Teil sehr weit auseinander. Für die einen in erster Linie kultureller und persönlichkeitsbildender Selbstzweck, ist sie den anderen vor allem ökonomische Ressource und das für den Einzelnen unverzichtbare Mittel gesellschaftlicher Teilhabe.

Seit einiger Zeit ist Bildung in Deutschland ein bedeutendes und in den politischen und öffentlichen Debatten kontroverses Thema. Einerseits spielt sie in der sogenannten Kulturnation schon seit dem 19. Jahrhundert eine besondere Rolle für das bürgerliche Selbstverständnis, andererseits wird ihre ökonomische Bedeutung immer deutlicher. Deutschlands wichtigste Ressourcen sind das Wissen und die Bildung seiner Menschen. Unter der zunehmenden Fokussierung auf Nützlichkeitserwägungen ist das alte Humboldtsche Bildungsideal massiv unter Druck geraten.

Das Humboldtsche Bildungsideal

Die Vorstellung, dass Bildung ein Selbstzweck sei, der sich in der vollen Entfaltung des Menschen und seiner Potenziale erfülle, wird meist mit dem Namen Wilhelm von Humboldt in Verbindung gebracht. Die Idee ist indes weit älter, letztlich so alt wie die Philosophie. Schon Platon beschreibt in seinem Höhlengleichnis den Weg des Menschen, der nach Erkenntnis strebt, als einen Prozess, der die Person als ganze erfasst. Der Aufstieg aus dem Dunkel bloßer Meinungen und fremdbestimmter Unwissenheit zum Licht der Erkenntnis bringt nicht nur einen Zuwachs an verwertbarem Wissen, sondern bewirkt eine tiefe seelische Veränderung. Bildung ist nicht nur „nützlich“, sie macht den Menschen erst zum Menschen.

Das gleiche emphatische Verständnis leitet – bei allen Unterschieden – die Denker der Aufklärung, nun in Verbindung mit der Idee des autonomen Individuums. Der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, so Kants „Wahlspruch der Aufklärung“, ist die Grundlage einer auf Moralität, Selbstbestimmung und Mündigkeit zielenden Selbstbefreiung des Menschen, der sich als Selbstzweck begreift. Diesem Ziel ist auch Humboldt verpflichtet, der die Universität als einen Ort freier Lehre und umfassender Bildung von politischen Einflüssen wie auch wirtschaftlichen Abhängigkeiten freizuhalten fordert. Im 19. Jahrhundert wird die Idee der Persönlichkeitsbildung zu einem wichtigen Teil des kulturbürgerlichen Selbstverständnisses.

Bildung als Ausbildung: Nützlichkeit statt Selbstzweck

Nicht erst heute ist man von diesem Ideal weit entfernt. Naturwissenschaftlicher und technischer Fortschritt haben nicht nur auf ihrem Gebiet eine enorme Steigerung und Spezialisierung des Wissens bewirkt, sondern auch zu einer Verwissenschaftlichung der technischen Zivilisation beigetragen, die nur noch durch Fachwissen und entsprechende Fachschulung beherrschbar ist. Wissenschaft wie Wirtschaft brauchen vor allem den Spezialisten. Ganzheitliche Bildungsideale haben hier keinen Platz. Hinzu kommt ein sich gesellschaftlich ausbreitendes Nützlichkeitsdenken, das Wissen und Bildung vorrangig nach den Kriterien eines kapitalistischen Verwertungskalküls beurteilt: Welchen monetären Mehrwert werfen Bildungsinvestitionen ab? Wie profitiert die Gesellschaft von der Weitergabe welcher Art von Wissen? Bildung wird als verwertbare Ausbildung und Fachschulung begriffen und erst als Rückfluss von Humankapital wirklich interessant.

Auch die Art über Bildung zu reden hat sich ökonomisiert. Das haben auch die Menschen begriffen, die sich bei der Wahl einer Ausbildung oder eines Studienfaches insbesondere am Arbeitsmarkt und den Erwartungen von Unternehmen orientieren. Dass Arbeitnehmer heute sogar mit der Anforderung lebenslangen Lernens konfrontiert sind, betont noch einmal die gestiegene Bedeutung von Wissen, dürfte vom Humboldtschen Bildungsideal aber noch weiter wegführen. Persönlichkeitsbildung wird zum Luxus.

Von der Kulturnation zur Wissensgesellschaft

Die genannten Entwicklungen werden schon seit Langem von einer massiven Kritik begleitet, die nicht selten stark kulturpessimistisch gefärbt ist. Der Niedergang alter Bildungsideale erscheint dann zuweilen als Teil eines generellen Untergangs des Abendlandes. Verdummung, Oberflächlichkeit und Materialismus werden da diagnostiziert. Das Bildungsbürgertum früherer Zeiten lebte noch aus einem Kanon klassischer Bildungsgehalte und nahm Einfluss auf die öffentliche Selbstwahrnehmung der Kulturnation.

All das scheint verloren, kann vielleicht aber auch anders interpretiert werden. Der alte Bildungsbegriff war ein extrem elitärer und diente nicht unwesentlich der Abgrenzung des Bildungsbürgers vom „Pöbel“. Die große Mehrheit der Bevölkerung hatte nie und wird auch weiterhin keine wirklich gleichberechtigte Chance auf einen Zugang zur sogenannten Hochkultur haben. In demokratischen Gesellschaften ist damit eine sehr ernst zu nehmende Gerechtigkeitsfrage aufgeworfen. Dass unsere Kultur heute stark vom Massengeschmack geprägt ist, könnte daher durchaus auch als Demokratisierung begriffen werden. Ferner ist zunehmend strittig geworden, ob und wie sich auch der Sache nach hochwertige Bildungsgehalte zweifelsfrei bestimmen lassen. Die enorme Vermehrung und Pluralisierung von Wissen und kulturellen Ausdrucksformen macht es immer schwerer, so etwas wie einen irgendwie verbindlichen Bildungskanon zu formulieren.

Wissen und Bildung sind wichtiger denn je – aber in der individualisierten und digitalisierten Wissensgesellschaft werden sie immer mehr zum Gegenstand höchst individueller Aneignungsformen. Das Ideal der Persönlichkeitsbildung ist hier keineswegs verschwunden oder obsolet geworden, geht aber völlig andere Wege und muss heute anders gedacht werden als zu Humboldts Zeiten. In einem Punkt dürften sich das alte und ein modernisiertes Bildungsideal aber treffen: in der Zurückweisung einer ökonomischen Verwertungslogik. Ob sich diese Vorstellung durchsetzen kann, hängt nicht zuletzt vom kritischen Bewusstsein einer aufgeklärten Bevölkerung ab – von der Fähigkeit und dem Willen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, mithin: von Bildung.