Zukunftsforschung „Wir sind keine Wahrsager“

Bernd Stegmann und Björn Helbig, wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut Futur, © Ute Zauft
Bernd Stegmann und Björn Helbig, wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut Futur | Foto (Ausschnitt): © Ute Zauft

An der Freien Universität Berlin werden seit 2010 in einem deutschlandweit einmaligen Masterstudiengang Zukunftsforscher ausgebildet. Björn Helbig und Bernd Stegmann vom Institut Futur erklären, wie man die Zukunft studieren und gestalten kann.

Etwa 30 Studierende werden pro Studiengang aufgenommen. Welche Fachrichtungen sind vertreten?

Björn Helbig: Der Studiengang ist interdisziplinär angelegt: Unter unseren Studenten finden sich Psychologen, Soziologen oder Designer. Zu unseren Exoten gehört zum Beispiel eine Tiermanagerin.

Stellt diese Vielfalt den Lehrplan vor große Herausforderungen?

Björn Helbig: Nein, das Studium ist so angelegt, dass es zu all diesen verschiedenen Bereichen passt. In vier Semestern lernen die Studenten die Methoden und das Handwerkszeug, das sie dann in ihren Spezialgebieten anwenden können. Man kann ja zum Beispiel die Zukunft der Medizin betrachten, aber auch die Zukunft gesellschaftlicher Systeme und der Politik, oder eben die Zukunft des Zoos.

Frederik Eichelbaum (27) hat zuvor Psychologie und Wirtschaft studiert und sitzt nun an seiner Masterarbeit Zukunftsforschung. Ihn fasziniert vor allem, dass es weniger darum geht, die Zukunft zu prognostizieren als sie zu gestalten. „Vordenken bedeutet fast immer, neu zu definieren und nicht nur Erfahrungswerte hochzurechnen“, sagt er. Bei seiner eigenen Zukunft denkt er weniger an feste Berufsbilder als an Kompetenzen, die er durch den Masterstudiengang sammeln und in verschiedenen Bereichen einsetzen kann. Schon jetzt arbeitet er journalistisch, berät Start-Ups und ist an Filmproduktionen beteiligt. Je mehr er sich mit der Zukunft beschäftigt, desto besser fühlt er sich auf sie vorbereitet.

Nachhaltige Lösungen aufzeigen

Der Blick in die Zukunft ist ein ewiger Menschheitstraum. Kann der Studiengang diese Erwartung erfüllen?

Bernd Stegmann: Es geht nicht darum, die Zukunft vorherzusagen, wir sind keine Wahrsager. Auch beim Orakel von Delphi im antiken Griechenland ging es übrigens nicht um das Wahrsagen, sondern die Menschen versuchten schon damals rational zu ergründen, welches Verhalten zukunftsfähig sein könnte. Unser Studiengang hat den Anspruch, Wege und Zukunftsbilder zu entwerfen, die angesichts der Komplexität der Welt und der Endlichkeit der Ressourcen nachhaltige Lösungen aufzeigen – und zwar in ganz unterschiedlichen Einsatzfeldern.

Welche Einsatzfelder sind das?

Bernd Stegmann: Innerhalb des Curriculums unterscheiden wir vier Einsatzfelder: Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Technologie. Ein Unternehmen beispielsweise hat ganz andere Erwartungen an einen Zukunftsforscher als die Politik oder gesellschaftliche Akteure. Ein Autobauer möchte wissen, welches Auto angesichts immer knapper werdender Ressourcen Bestand haben kann. Das Bundesbildungsministerium dagegen hat zum Beispiel vor einiger Zeit die Frage gestellt, wie sich das Bildungssystem entwickeln muss, um mit den gesellschaftlichen und technologischen Entwicklungen Schritt halten zu können: Was müssen wir jetzt in die Schulen einspeisen, damit die Schulabgänger in 20 oder 30 Jahren das können, was sie brauchen, um in der Welt zu bestehen?

Die Zukunft bricht ja nicht einfach über uns hinein, sondern unsere Entscheidungen beeinflussen die Zukunft, gleichzeitig wird unser gegenwärtiges Handeln von Zukunftserwartungen bestimmt.

Björn Helbig: Die Zukunftsforschung versucht, in beide Richtungen ein Bewusstsein zu schaffen. Einerseits dafür, dass unser heutiges Tun Auswirkungen auf die Zukunft hat. Auf der anderen Seite will die Zukunftsforschung strukturiert und wissenschaftlich fundiert mögliche Zukunftsszenarien aufzeigen. Im nächsten Schritt kann sie dann die Akteure in Dialog bringen, um zunächst zu fragen, wie die Zukunft gestaltet werden soll, und dann den Weg dahin vorzubereiten.

Zukunftsszenarien als Entscheidungshilfen

Wie kann man die Zukunft überhaupt erforschen?

Björn Helbig: In der Zukunftsforschung werden sämtliche Methoden der empirischen Sozialforschung eingesetzt und kombiniert. Sehr wichtig sind die Delphi-Methode und Szenario-Techniken. Bei der Delphi-Methode werden Experten befragt, welche Entwicklung sie für ihr Feld für wahrscheinlich halten und welche sie sich wünschen. In einer zweiten Runde bekommen die Experten sämtliche Antworten vorgelegt und haben die Möglichkeit, ihre Entscheidung zu revidieren. Aus diesen Antworten ergibt sich dann das Zukunftsbild. Bei den unterschiedlichen Szenario-Techniken dagegen versucht man alle Faktoren, die ein Zukunftsfeld potenziell mitbestimmen, aufzuspüren und dann zu gewichten. Durch die unterschiedliche Gewichtung der Faktoren erhält man alternative und konsistente Zukunftsszenarien, die als Reflexions- und Entscheidungshilfen für die Gegenwart dienen können. Das klingt jetzt einfach, ist aber sehr aufwendig.

Die Kosten pro Semester betragen 1.300 Euro. Warum werden Studiengebühren erhoben?

Bernd Stegmann: Wir sind ein weiterbildender Masterstudiengang, der sich maßgeblich über diese Studiengebühren finanziert. Anders als bei den herkömmlichen konsekutiven Studiengängen werden unsere Kosten vom normalen Haushalt der Universität nicht voll abgedeckt.

Und welche Eigenschaften sollte man als angehender Zukunftsforscher mitbringen?

Björn Helbig: Man sollte aufgeschlossen gegenüber sehr vielen Themen sein, außerdem wissbegierig und neugierig. Je mehr man weiß, desto kreativer kann man Zukunftsforschung betreiben und Zukunft gestalten.