Science Slams Wissenschaft auf der Bühne

Der Politikwissenschaftler Maximilian Held; © Foto: scienceslam.de
Der Politikwissenschaftler Maximilian Held | Foto (Ausschnitt): scienceslam.de

Bei einem Science Slam wagen sich junge Forscher ins Rampenlicht, erklären ihre Ergebnisse auf originelle Art und in nur zehn Minuten. Danach stellen sie sich der Abstimmung durch das Publikum.

Auf der Bühne steht ein junger Mann im Jeanshemd. Er berichtet von seinem Physikkurs in der Schule. Er erzählt, wie irgendwann auch das letzte Mädchen den Unterricht verließ und der Lehrer ihnen prophezeite, dass sie als Physiker ein einsames Leben führen würden. Nach einer Minute hat er sein Publikum im Griff, nach zehn Minuten hat jeder im Raum verstanden, wie ein Teilchenbeschleuniger funktioniert und was hinter der Relativitätstheorie steckt. Und alle haben gelacht und sich amüsiert. Der junge Mann heißt Boris Lemmer und hat mit diesem Vortrag den ersten Preis beim deutschen Science Slam 2011 gewonnen.

Die richtigen Bilder finden

Hinter vielen Science Slams in Deutschland steht Julia Offe, promovierte Molekularbiologin und Wissenschaftsjournalistin. „Die meisten meiner alten Schulfreunde und Verwandten sind keine Naturwissenschaftler. Wenn der Begriff DNA fällt, machen sie erst mal einen Schritt rückwärts. Doch wenn man die Fakten in die richtigen Bilder übersetzt, verstehen auch Laien, um was es geht.“ Den ersten Science Slam gab es 2006 als einzelne Veranstaltung in Darmstadt, einer Universitätsstadt nahe Frankfurt. Dann folgte das norddeutsche Braunschweig 2008 mit einem Slam im Haus der Wissenschaft. „Davon hat mir einer der Mitarbeiter erzählt“, sagt Julia Offe, „und ich war sofort Feuer und Flamme. 2009 habe ich dann meinen ersten Science Slam in Hamburg organisiert und mache inzwischen die in Köln, Berlin und Hamburg und arbeite mit vielen anderen Organisatoren zusammen“. Schnell wagte sie sich an Orte, „an denen sonst keine Wissenschaft stattfindet: Theaterbühnen, Clubs, Kulturzentren“. Seitdem wächst und wächst die Szene. In vielen deutschen Städten treffen sich die Science Slammer regelmäßig. Einmal im Jahr gibt es dann einen großen Deutschlandslam, bei dem der beste deutsche Science Slammer bestimmt wird.

Das Publikum diskutiert und entscheidet

Der Begriff Science Slam erinnert absichtlich an den Poetry Slam, bei dem Dichter gegeneinander um die Gunst des Publikums werben. Auch bei Science Slams entscheiden die Zuschauer über den Sieg, allerdings nicht durch Applaus oder eine einfache Abstimmung: Sie werden in Gruppen von zehn Personen eingeteilt. Jede Gruppe darf pro Vortrag bis zu zehn Punkte vergeben. Wer am Ende die höchste Punktzahl hat, ist der Gewinner. „Die Leute in einer Gruppe kommen über Wissenschaft ins Gespräch. Sie müssen sich einig werden“, erzählt Julia Offe. Dieser Austausch innerhalb des Publikums ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts. Die meisten Besucher sind Studenten oder Doktoranden. Doch auch immer mehr ältere Menschen und Nicht-Akademiker besuchen die Veranstaltung. Mittlerweile kommen zu jedem Slam 200 bis 400 Zuschauer.

Zehn Minuten Redezeit

Es gibt nur eine einzige strenge Regel beim Sciene Slam: Zehn Minuten haben die Vortragenden für die Präsentation der Inhalte ihrer Diplom-, Magister- oder Doktorarbeit. Darüber hinaus dürfen sie auf der Bühne anstellen, was immer ihnen einfällt. Viele zeigen eine Powerpoint-Präsentation. Einige legen sich aber auch schwer ins Zeug und demonstrieren aufwendige Experimente. Und es gibt auch Slammer, die Fußbälle ins Publikum kicken oder mit Hilfe von Bierflaschen die Hebelgesetze verdeutlichen. Je spannender und unterhaltsamer desto besser.

Bei einem Poetry Slam können die Gewinner jedes Jahr neu antreten und eine regelrechte Slam-Karriere starten. Dafür müssen sie nur immer neue Gedichte schreiben. Beim Science Slam funktioniert das nicht. „Eine Doktorarbeit gibt oft nur ein oder zwei Themen her“, sagt Julia Offe. Mit diesem einen Vortrag können die Slammer zwar durch verschiedene Städte touren. Doch danach müssten sie eine neue Doktorarbeit schreiben, mit der sie wieder mitmachen könnten. Dieses System hat Vorteile: Erstens gelangen immer wieder neue Forschungsfelder ins Rampenlicht, zweitens erlebt das Publikum immer wieder neue Kandidaten.

Die Science Slams stehen grundsätzlich allen offen. Der Begriff ist bewusst auch nicht geschützt. Jeder kann einen eigenen Slam organisieren. Viele folgten dem Beispiel bereits. Auch in Österreich, Skandinavien und der Schweiz gibt es erste Slams. „Gelegentlich gibt es Esoteriker und Spinner, die meinen, eine Bühne für ihre Theorien gefunden zu haben“, berichtet Julia Offe. Oder es treten Leute an, die Werbung für ihre Produkte machen wollen. Die werden aber vorher aussortiert, damit die Science Slams eine Plattform bleiben, auf der junge Wissenschaftler ihre Arbeit einer breiteren Öffentlichkeit vorstellen können.