„Leschs Kosmos“ Die unendliche Weite der Wissenschaft

Prof. Harald Lesch; Foto: ZDF, Alexandra Beier
Prof. Harald Lesch | Foto (Ausschnitt): ZDF, Alexandra Beier

Wenn Professor Harald Lesch im Zweiten Deutschen Fernsehen (ZDF) vor der Kamera steht und erklärt, was die Welt im Innersten zusammenhält, werden selbst komplizierteste Themen für jeden verständlich.

Vielleicht ist es nur Zufall, dass die Sendung Leschs Kosmos weit nach Mitternacht ausgestrahlt wird, dann, wenn am Himmel bereits die Sterne funkeln. Doch eigentlich könnte es keine besser geeignete Uhrzeit für die 15-minütige Wissenschaftssendung geben. Denn wenn es um Sterne geht, ist Astrophysiker Professor Harald Lesch in seinem Element: Ohne aufwendige Animationen oder atemberaubende Aufnahmen vom Universum erklärt ein sympathischer Mann den Zuschauern, was es mit schwarzen Löchern auf sich hat. Oder er thematisiert, warum die Produktion des unscheinbaren Baustoffs Zement der Umwelt mehr schadet als der weltweite Flugverkehr. Das Geheimnis von Leschs Kosmos ist die Schlichtheit, die sich durch die ganze Sendung zieht.

Unverstellter Blick hinter die Kulisse der Welt

Das Studio ist minimalistisch gestaltet. Ein Fensterrahmen hängt frei im Raum, und es gibt auch einen Stuhl in dieser Welt, die nicht durch Wände begrenzt zu sein scheint. Alles schwebt. Schließlich gibt es im Universum keine Grenzen – und auch in Leschs Kopf haben Raumtrenner keinen Platz. Die Sendung braucht diese äußerliche wie innerliche Weite, denn sie will einen unverstellten Blick hinter die Kulisse unserer Welt werfen. Während das Universum schwarz erscheint, ist Leschs Studio-Kosmos weiß. Als Kontrast dient die Farbe Orange: Leschs Pullover, ein Läufer auf dem Boden, der Tisch in der Mitte – alles ist in dieser Farbe gehalten. Selbst die Tasse, aus der Lesch während der Sendung seinen Kaffee trinkt, ist orange. Wohl ein Zugeständnis an den Spartensender ZDFNeo, der – genauso wie der Muttersender ZDF – ein orangenes Logo hat.

Mehr braucht Lesch nicht, mehr will er nicht, denn sein Joker ist die Sprache. Sie ist sein Instrument, mit ihr schafft er in vertraulichem Plauderton eine familiäre Stimmung, in der man sich wie in der heimischen Küche fühlt. In der sich Eltern und Kinder oder Freunde treffen, sich unterhalten können – und manchmal eben auch elementare Fragen klären. Mit dem einzigen Unterschied, dass sich Leschs Kosmos auf einer anderen intellektuellen Ebene bewegt. Denn während man sich mit seinem Vater beispielsweise über Skispringer unterhält, liefert Lesch die Erklärung, warum diese so weit fliegen können. Und wenn die Familie darüber streitet, wer im Keller das Licht brennen ließ, gibt Lesch Anregungen, wie man Energie besser gewinnen und speichern kann.

„Ich bin ein assoziationskranker Mensch“

Selbst wenn Lesch über die komplizierte Suche nach dem Higgs-Teilchen, dem letzten fehlenden Teil im Baukasten des Universums, redet, spricht er ohne Schnörkel und Fachwörter. Das ist sein Geheimrezept, das unterscheidet ihn von den übrigen Forschern und Naturwissenschaftlern. „Ich habe das Gefühl, dass die Intellektuellen Angst davor haben, sich in eine normale Sprachwelt zu begeben“, vermutet Harald Lesch. „Schließlich könnte man sie dabei ertappen, dass sie selbst etwas gar nicht verstanden haben.“ Sie versteckten sich daher hinter einer technischen Fachsprache, in der die Fremdwörter regieren. Doch Lesch hat daran kein Interesse: „Möchte ich wissenschaftliche Erkenntnisse in die Öffentlichkeit bringen, muss ich mich zwangsläufig in die Sprachwelt begeben, in der diese Öffentlichkeit spricht.“

Damit Lesch auch immer die richtigen Worte verwendet, begleitet ihn Redaktionsleiterin Christiane Götz-Sobel durch die Planung der Sendung. „Ich bin ein assoziationskranker Mensch, ich kann mich von einem Thema zum anderen assoziieren, ohne dass ich es vorher geplant habe“, gesteht Harald Lesch. Seine Redaktion passt auf, dass es nicht so wild wird. Die Planung jeder Sendung dauert aber nie länger als eine halbe Stunde.

Das Team spricht bis zu fünf Episoden nacheinander durch, die ein paar Tage später gedreht werden – meist alle an einem Stück. Danach setzt sich die Redaktion daran und ergänzt auch mal die eine oder andere Erklärung, die dann als Text in den fast leeren Raum eingeblendet wird – falls Lesch ausnahmsweise etwas zu viel Wissen beim Zuschauer vorausgesetzt hat. Über 80 Episoden Leschs Kosmos hat er bisher gedreht, sein Wissen in über 200 Folgen der Astronomie-Sendung alpha-Centauri weitergegeben. Seit 16 Jahren hält er Vorlesungen und moderiert nebenbei noch Wissenschaftssendungen im Radio. Und trotzdem. Manchmal passiert es auch ihm – dass er ein Fremdwort benutzt.