Wissenschaftler in Massenmedien „Nur wer zuspitzt, wird wahrgenommen“

Raus aus dem Labor und hinein ins Scheinwerferlicht: Immer mehr Wissenschaftler suchen einen Weg in die Öffentlichkeit. Warum, das verrieten einige bekannte Forscher der Medienwissenschaftlerin Dr. Beatrice Dernbach in Gesprächen für ihr Buch „Vom Elfenbeinturm ins Rampenlicht. Prominente Wissenschaftler in populären Massenmedien“.

Medienwissenschaftlerin Dr. Beatrice Dernbach; © Foto: Wilfried Wittern Medienwissenschaftlerin Dr. Beatrice Dernbach | © Foto: Wilfried Wittern Frau Dr. Dernbach, was treibt die deutschen Wissenschaftler vom Elfenbeinturm ins Rampenlicht?

Fast alle meine Gesprächspartner haben gesagt, dass sie sich als Wissenschaftler auch in der Pflicht sehen, für die Gesellschaft zu forschen und ihr Wissen weiterzugeben. Dass das nicht nur über die Fachzeitschriften läuft, versteht sich von selbst.

Wie machen die Wissenschaftler auf sich aufmerksam?

Dazu gehört zum Beispiel, eine Studie so zusammenzufassen, dass die Medien davon angezogen werden. Das haben mir prominente Wissenschaftler wie der Kriminologe Christian Pfeiffer oder der Historiker Michael Wolffsohn bestätigt: Jeder, der nicht zuspitzt, wird von den Medien nicht wahrgenommen. Und umgekehrt: Zum Lieblingskind der Medien wird, wer in der Lage ist, sehr knapp und zugespitzt etwas darzustellen.

Ist der Wissenschaftler erst einmal in den Massenmedien angekommen – welche Konsequenzen hat sein Auftreten dort für ihn?

Es ist eine zweischneidige Angelegenheit, auf die sich der Wissenschaftler in der Medienwelt einlässt. Zum einen genießt er natürlich die Aufmerksamkeit. Alle meine 14 Gesprächspartner haben aber auch gesagt, dass junge Wissenschaftler vorsichtig damit sein sollten, ihr Gesicht zu häufig über populäre Medien an die Öffentlichkeit zu tragen. Es ist unter Umständen kontraproduktiv, wenn sie sich weiter in der akademischen Laufbahn bewerben wollen. Zu allem und jedem Stellung zu nehmen, verbietet sich für jedes Alter. Sonst heißt es: „Oh Gott, der schon wieder, der hat ja wohl zu allem was zu sagen“.

In der Einleitung Ihres Buches sprechen Sie davon, dass Wissenschaft in Deutschland zaghafter mit Massenmedien zusammenarbeite als in anderen Ländern. Wie sieht es anderswo aus?

In Vergleichsstudien, zum Beispiel von Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich, und in Gesprächen mit Wissenschaftlern, die Auslandserfahrung haben, wurde vor allem für die USA bestätigt: Hier ist das Standing von Wissenschaftlern anders als in Deutschland. Das fängt damit an, dass wissenschaftliche Literatur in den USA nie einen solchen Abstraktionsgrad erreicht wie in der deutschen Sprache. In Deutschland ist es auch immer noch ein Schimpfwort, wenn ein Wissenschaftler „populär“ ist. In den USA scheint es selbstverständlicher, Wissenschaft zu kommunizieren. Es ist nicht verpönt, auch mal mit einer provokanten These an populäre Medien heranzutreten. Wer in den USA nicht in der New York Times auf der Wissenschaftsseite erschienen ist, der wird auch nicht wahrgenommen.

Seit wann gibt es in Deutschland den Trend der Wissenschaft, stärker an die Öffentlichkeit zu streben?

Seit etwa 20 Jahren. Es wurden Initiativen wie Public Understanding of Science and Humanities (PUSH) und Wissenschaft im Dialog von den großen Wissenschaftseinrichtungen in Deutschland gegründet. Dort erkannten die Wissenschaftler: Wir müssen die Kommunikation stärker koordinieren, uns Aktionen überlegen, wie wir Wissenschaft an die Öffentlichkeit bringen.

Was bedeutet das für den einzelnen Wissenschaftler?

Der Wissenschaftler gerät stärker unter den Druck, sich nach außen zu präsentieren. Auch das ist eine gemeinsame Wahrnehmung meiner Interviewpartner: Die Vergabe von Mitteln und Geldern orientiert sich daran, welche Disziplin, welches Thema gerade en vogue ist. Das war sehr stark bei der Klimaforschung zu beobachten. Es gibt auch in der Wissenschaft Moden, und die Entscheider sind sicher nicht davor gefeit, sich danach zu richten.

Apropos Moden – ist Ihrem Wissen nach eine Disziplin bei Lesern/Zuschauern beliebter als andere?

Vor allem Geistes-, Kultur- oder Sozialwissenschaftler haben nach den Rankings, die ich zitiert habe, offensichtlich die Deutungshoheit für viele Themen. Ich untersuche gerade die Fukushima-Berichterstattung. Auch hier scheint es so zu sein, dass zwar die Atomphysiker zur Erklärung der technischen Zusammenhänge herangezogen werden, aber die Frage „Was bedeutet das für die Gesellschaft?“ beantworten Geistes- und Kulturwissenschaftler. Meinungsumfragen zeigen, dass die Bürger in Europa sehr interessiert sind an technischen und naturwissenschaftlichen Themen wie etwa der Atomenergie. Doch die Zahl derer, die sich aktiv damit auseinandersetzen, ist sehr niedrig. Einerseits sind die Menschen also neugierig auf die technischen Zusammenhänge, andererseits gibt es keine tiefergehende Beschäftigung damit. Weil das Arbeit ist und kompliziert.

Deshalb liebt der Zuschauer den Wissenschaftler als Experten im TV, der alle Fragen schnell und allgemeinverständlich beantwortet?

Ja. Wissenschaftssendungen im deutschen Fernsehen wie Quarks & Co. und Abenteuer Forschung leben von Persönlichkeiten wie dem Physiker Ranga Yogeshwar oder dem Astrophysiker Harald Lesch. Sie haben die Gabe zu unterhalten oder Dinge in einer Minute dreißig zu vermitteln, für die andere mindestens zehn Minuten brauchen – und dann hat’s trotzdem keiner verstanden. Das sind Naturtalente. Aber es kann kein Anspruch an alle Wissenschaftler sein, so einen Job zu machen.

Welchen Einfluss hat denn der Trend zur Medialisierung rückwirkend auf die Wissenschaft?

Sie mag bei einzelnen Wissenschaftlern dazu führen, dass sie sich die Forschungsfragen nach dem aussuchen, was sich gut vermarkten lässt. Das ist aber reine Vermutung. Ich würde das auch nicht nur negativ sehen. Wenn Wissenschaft für die Gesellschaft da sein soll, muss sie auch die Fragen behandeln, die in der Gesellschaft diskutiert werden. Der Wissenschaft dann Populismus vorzuwerfen, ist schizophren. Sie muss zwar zunächst frei sein von Interessen. Aber es kann ihr auch nicht völlig egal sein, welche Themen gerade gesellschaftlich, politisch und ökonomisch relevant sind.

Von welchen Erfahrungen mit Journalisten berichten Wissenschaftler?

Alle Wissenschaftler haben auf die Frage, wie ihnen Journalisten begegnen, unisono geantwortet: Dass es sie besonders nervt, wenn sie viel Zeit verlieren, um ein Interview zu führen, weil der Journalist unvorbereitet ist.

Dr. Beatrice Dernbach ist Professorin für Theorie und Praxis des Journalismus an der Hochschule Bremen und Leiterin des Instituts für Wissenschaftskommunikation. Für ihr Buch „Vom Elfenbeinturm ins Rampenlicht. Prominente Wissenschaftler in populären Massenmedien“ (Wiesbaden: Springer VS, 2012) führte sie Interviews mit 14 prominenten deutschen Wissenschaftlern aus unterschiedlichen Disziplinen. Darin erinnern sie sich an Ereignisse, die sie in die Medien gebracht haben, und welche Erfahrungen sie dort gemacht haben.