Bachelorabsolventen Zu jung für den Berufseinstieg?

Bachelorabsolventen können mehr, als viele denken.
Bachelorabsolventen können mehr, als viele denken. | Foto (Ausschnitt): © Minerva Studio – Fotolia

Studienabgänger sind in Deutschland heute dank verkürzter Gymnasialzeit und Bachelorstudiengängen jünger als je zuvor. Wie offen ist die Wirtschaft für diese Berufseinsteiger?

Wenn Cornelia Schrock und Sibylle Weiger Interviews mit Bewerbern führen, die sich für einen Bachelorstudiengang interessieren, sitzen häufig 17-Jährige vor ihnen. Die beiden Ausbilderinnen betreuen gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen die dualen Studiengänge beim IT-Unternehmen Hewlett-Packard (HP) in Böblingen, Bad Homburg, Ratingen, München und Hamburg. Das duale Studium verbindet wissenschaftliche Theorie und berufliche Praxis. Neben der Hochschule oder einer Berufsakademie ist auch das Unternehmen für die Ausbildung zuständig. „Die Verträge müssen oft noch von den Eltern unterschrieben werden“, stellt Cornelia Schrock fest. Studienanfänger, die nicht einmal einen Mietvertrag für ihre Unterkunft unterschreiben dürfen, sind in Zeiten von G8 keine Seltenheit. G8 steht für acht Jahre am Gymnasium: In vielen deutschen Bundesländern machen die Schülerinnen und Schüler ihr Abitur nach der zwölften und nicht wie früher nach der 13. Jahrgangsstufe. Jung, sehr jung sind sie, wenn sie ihre Ausbildung an den Hochschulen beginnen. Und gerade Anfang zwanzig, wenn sie sich direkt nach dem Bachelor auf dem Arbeitsmarkt bewerben.

Viele Absolventen hadern mit ihren Fähigkeiten

Die europäische Studienreform, der so genannte Bologna-Prozess, hat tief greifende Veränderungen mit sich gebracht – nicht nur was die Struktur der neuen, zweigeteilten Hochschulausbildung betrifft. Nach drei Jahren haben Studierende mit dem Bachelor einen berufsqualifizierenden Abschluss in der Tasche. Doch nur einer von drei Studierenden nutzt die Chance und geht tatsächlich in den Beruf – viele Bachelorabsolventen hadern mit ihren Fähigkeiten. Laut einer aktuellen Umfrage des Institiuts für Demoskopie Allensbach fühlen sie sich noch nicht genügend qualifiziert und schließen lieber noch einen Master an. Dabei steht die Wirtschaft dem neuen Abschluss wesentlich offener gegenüber als viele denken. „Wir stellen in unseren Umfragen fest, dass Bachelorabsolventen fachlich gute Voraussetzungen mitbringen und problemlos auf klassischen Positionen für Akademiker unterkommen“, sagt Christiane Konegen-Grenier, Expertin für akademische Bildung am Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. „Was ihnen fehlt, ist die Fähigkeit, methodisches Wissen auf Probleme zu übertragen und in der Praxis anzuwenden.“ Ein Defizit, das die Bildungsexpertin jedoch auch bei Diplomanden oder Masterabsolventen beobachtet und mit dem mangelnden Praxisbezug an den Hochschulen in Verbindung bringt.

Junge Kollegen, kreative Vorschläge

In einem dualen Studium dagegen haben Studierende vom ersten Tag an Einblick in den beruflichen Alltag. Bei Hewlett-Packard werden sie in den Praxisphasen mit erfahrenen Kollegen zusammengebracht, die sie oft auch zu Kundenbesuchen mitnehmen. So werden sie Schritt für Schritt an die Aufgaben im Unternehmen herangeführt und auf eigene Projekte vorbereitet. „Wir sehen schon Unterschiede in der Reife“, sagt Sibylle Weiger. „Aber die Studierenden im dualen Programm sind ebenso wie die Bachelorabsolventen durchsetzungsstark genug, um sich ihren Platz im Team zu erarbeiten.“ In den Fachabteilungen werden die jungen Kollegen als Bereicherung gesehen. „Sie bringen frischen Wind hinein und liefern oft kreative Lösungsvorschläge.“ Der Wunsch nach einem anschließenden Masterstudium sei bei den Teilnehmern der dualen Studiengänge dennoch ausgeprägt. Aus Sicht des Unternehmens aber ist dies kein notwendiger Schritt: „Für die Karriere bei uns ist der Master nicht maßgeblich“, betont Cornelia Schrock.

Ein Urlaubssemester ist kein Manko

Auch Jens Plinke, Leiter des Bereichs Employer Branding bei Henkel in Düsseldorf, betont: „Der Studienabschluss ist nicht zwangsläufig das erste Kriterium bei der Auswahl unserer Bewerber.“ Welche Schwerpunkte hat jemand gesetzt, was sind seine Interessen? Auch diese Aspekte spielten bei dem Konsumgüterkonzern bei der Auswahl von Personal eine Rolle. Praktische Erfahrungen, gerne in Kombination mit einem Auslandsaufenthalt, diese Pluspunkte stehen nicht nur bei Henkel ganz oben auf der Prioritätenliste. Dafür darf es dann auch mal ein Semester mehr sein: „Wer ein Urlaubssemester einlegt, weil im durchgetakteten Bachelorstudium die Zeit für Praktika fehlt, wird als Bewerber nicht schief angesehen – im Gegenteil.“

Sich nicht nur auf den Abschluss fixieren, so viel praktische Erfahrung wie möglich sammeln und nach dem Bachelor unverzagt den eigenen Marktwert testen – das kann sich lohnen. Denn Masterabsolventen verdienen offenbar nur unwesentlich mehr als Bachelor. „Gut die Hälfte der von uns befragten Unternehmen zahlt unabhängig vom Abschluss die gleichen Einstiegsgehälter“, so Christiane Konegen-Grenier vom Institut der Deutschen Wirtschaft. Wo es Unterschiede gibt, liegen sie bei weniger als zehn Prozent und relativieren sich im weiteren Verlauf der Karriere. Ein überraschendes Ergebnis, auch für die erfahrene Bildungsforscherin. „Gemessen an den kürzeren Studienzeiten ist das nicht viel“, stellt sie fest. „Da muss man schon überlegen, ob sich ein Master überhaupt lohnt.“