Aleida Assmann im Interview Risse im Zeitregime

Aleida Assmann
Aleida Assmann | Foto (Ausschnitt): © Jespah Holthof, Universität Konstanz

Ist die Zeit aus den Fugen? Diese an Shakespeare angelehnte Frage stellt Aleida Assmann in ihrem gleichnamigen Buch. Sie beschreibt darin den grundlegenden Wandel, den unsere Zeit-Wahrnehmung in den letzten Jahrzehnten erfahren hat.

Frau Assmann, Ihr Buch handelt vom Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne. Was ist mit diesem Zeitregime gemeint?

Ich habe diesen Begriff benutzt, um etwas zu bezeichnen, das ich ein implizites Wissen nennen möchte. Das ist ein Wissen, über das man nicht diskutiert, weil es so selbstverständlich verkörpert wird. Dieses Wissen hat eine normative Autorität und eine gewisse Alternativlosigkeit. Weil man sich nicht vorstellen kann, dass es sich je ändern wird. Bis zu dem Punkt, an dem es in die Brüche geht. Erst in dem Moment kann man sich nachträglich darüber Rechenschaft ablegen. Da ich selbst etliche Jahre in diesem Zeitregime gelebt und miterlebt habe, wie es allmählich Risse bekam, war es für mich wichtig zu untersuchen: Was waren eigentlich diese Prämissen, über die niemand redete, aber die alle selbstverständlich unterschrieben hätten?

Welche genau sind das?

Zum Beispiel, dass die Zukunft immer besser ist als die Gegenwart. Dass alles Heil von der Zukunft ausgeht, auf die man sich deswegen ausrichten muss. Und diese Ausrichtung nennen wir Fortschritt. Damit geht einher, dass das, was man hinter sich hat, sich von alleine erledigt. Dass also die Zeit so etwas wie ein permanenter Motor der Entwicklung zum Besseren ist. Die Menschen müssen nur mitmachen, sich darauf einstellen. Aber letztlich ist es die Zeit, die sie permanent nach vorne trägt.

Die Zeit als Entsorgungsmaschine

In den 1980er-Jahren hat sich daran aber offenbar etwas geändert.

Es hat sich so viel geändert, dass man plötzlich merkte, dass diese Alternativlosigkeit nicht mehr gilt. Man könnte auch mit früheren Symptomen anfangen. Etwa die Aufhebung der Verjährungsfristen für Verbrechen, die mit dem Nationalsozialismus zu tun hatten. Eigentlich sollte das alles aus dem Blickfeld verschwinden. Die Zeit war die große Entsorgungsmaschine. In den 1980er-Jahren wurde die Wiederkehr des Holocaust, der als Thema immer dominanter wurde, noch manifestiert. Und dann gab es plötzlich so paradoxe Formulierungen wie die von der Vergangenheit, die nicht vergeht. Genau das ist, wie wir heute wissen, die Definition von Trauma, ein Begriff, der ins Handbuch der amerikanischen Psychiatrie erst 1980 eingeschrieben wurde. Davor gab es diese Konzepte gar nicht. Sie waren schlicht nicht denkbar.

Sie nennen im Buch auch andere Aspekte, etwa die Umweltverschmutzung.

Man könnte eine ganze Reihe von Symptomen aufzählen: die Rede von der Endlichkeit der natürlichen Ressourcen, aber auch das Bewusstsein von der Fragilität der kulturellen Ressourcen. Das ist genauso wichtig. Ein weiterer Punkt sind die digitalen Medien, die vergangenes Wissen per Knopfdruck zurück in die Gegenwart holen können. Und zwar in einer Weise, von der wir jetzt wissen, dass sie sehr problematisch sein kann, weil die Daten durchsuchbar sortiert werden und das Internet nichts vergisst.

Überflutung durch Vergangenes?

Autoren wie Hans Ulrich Gumbrecht oder François Hartog sehen dieses Nichtvergehen der Vergangenheit äußerst kritisch. Sie sprechen von einem Zuviel an Erinnerung.

Das Interessante ist, dass uns diese Autoren nie einen konkreten Fall vor Augen stellen. Welche Erinnerung, welche Gedenkstätte sollen wir denn bitte abschaffen? Meiner Meinung nach handelt es sich hier um einen Topos, ein feststehendes Bild von Nietzsche: „Alles was einmal war, stürzt auf den Menschen zu.“ Seitdem ist der Topos von der Überflutung durch Vergangenes zu einem stetigen Begleitgeräusch geworden. Nietzsche sprach allerdings gar nicht von Erinnerung. Er dachte an die wachsenden Archive des 19. Jahrhunderts. Machen wir doch einmal die Gegenprobe. Am 4. Juni 2014 wurden am 25. Jahrestag des Tian’anmen-Massakers in China Tausende von Soldaten aufgeboten, um Erinnerung zu unterdrücken. So sieht eine Welt aus, in der nur die Geschichte der Sieger zugelassen ist. Inzwischen haben wir zum Glück aber ein gebrochenes Verhältnis zu diesen Geschichten der Sieger, weil wir die Stimmen der Opfer vernehmen. Wir haben ein neues, selbstkritisches Gedächtnis. Dazu gehört, dass man sich auch an Verbrechen erinnert, die man selbst zu verantworten hat, und über die man sich mit den Opfern dialogisch verständigt. Viele Staaten erkennen solche Ereignisse heute an und nehmen sie in das eigene Geschichtsbild auf. Die Geschichtsbilder sind dadurch viel komplexer und vielschichtiger geworden.

Wenn das Zeitregime der Moderne nicht mehr gilt: Brauchen wir dann ein neues?

Es ist nicht so, dass jetzt alles abrupt abbricht. Es gibt auch zwei Bereiche in unserer Kultur, in denen das moderne Zeitregime ungebrochen funktioniert: Naturwissenschaft und Technik. Die Technik macht keine Schleifen zurück, sondern ist auf einem steilen Vorwärtskurs. Darauf ist unsere westliche Kultur geeicht. Wir wollen alle, dass Züge immer schneller fahren, Autos sicherer werden und neue Medikamente uns heilen. So leben wir weiterhin mit der Rhetorik von Fortschritt und Erneuerung. Offenbar können wir als Menschen darauf gar nicht verzichten. Das ist ein bisschen wie eine Droge. Was aber deutlich wird, ist, dass wir die Zukunft jetzt mit weniger Selbstverständlichkeit angehen und mit mehr Verantwortungsbewusstsein. Das heißt: Wir müssen etwas tun, damit es sie überhaupt noch geben wird. Das ist eigentlich der radikale Umdenkprozess.

Das heißt aber nicht, dass das kapitalistische System der Moderne an seinem Ende wäre?

Der französische Philosoph Bruno Latour hat einmal gesagt: Die Moderne gehört zurückgerufen wie ein defektes Industrieprodukt. Das macht man nicht, weil das Produkt eingestampft wird und es nicht mehr funktioniert, sondern weil man es verbessern möchte. Es geht hier um wichtige Reparaturmaßnahmen und vor allem um einen Denkprozess der Selbsterkenntnis, zu dem eben auch das Zeitregime der Moderne gehört. Wir stecken in einem tiefgreifenden Veränderungsprozess unserer kulturellen Grundannahmen, das wollte ich mit meinem Buch zeigen.
 

Aleida Assmann ist Professorin für Englische Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Zu ihren Schwerpunkten zählen die kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung und Gedächtnistheorie. Zusammen mit ihrem Mann, dem Ägyptologen Jan Assmann, hat sie den Begriff des „kulturellen Gedächtnisses“ in der deutschen Forschung geprägt. In ihrem aktuellen Buch Ist die Zeit aus den Fugen? (Carl Hanser Verlag 2013) beschäftigt sich Aleida Assmann mit dem tiefgreifenden Wandel, den unsere Wahrnehmung von Vergangenheit und Zukunft seit den 1970er-Jahren erfahren hat.