Research-Gate Das Wissen der Vielen

Research-Gate-Gründer Ijad Madisch (rechts) und seine Mitarbeiter wollen Forscher besser vernetzen;
Research-Gate-Gründer Ijad Madisch (rechts) und seine Mitarbeiter wollen Forscher besser vernetzen; | Foto (Ausschnitt): © ResearchGate

Das soziale Netzwerk Research-Gate verändert den Austausch in den Wissenschaften. Forscherinnen und Forscher finden leichter zueinander, ergänzen ihr Wissen – und haben über das Netzwerk sogar schon einen Betrug aufgedeckt.

„Facebook für Forscher“ wird das soziale Netzwerk Research-Gate in den Medien immer wieder genannt. Sein Gründer, der Virologe Ijad Madisch, spricht gerne davon, die Welt der Wissenschaft grundlegend zu verändern. Denn die Plattform kann viel mehr, als Menschen nur digital zu vernetzen. „Unsere Vision hat sich seit den Anfängen nicht geändert“, sagt Gründer Madisch. „Wir wollen Wissenschaftlern mit Research-Gate einen Ort geben, an dem sie zusammenarbeiten, Forschungsergebnisse austauschen und sich einen Namen machen können, um den Fortschritt in der Wissenschaft voranzutreiben.“ Research-Gate ist seit 2008 online und motiviert Forscherinnen und Forscher, ihr Denken und ihre Ergebnisse miteinander zu teilen. Ziel der Vernetzung ist eine „Open Science“, also eine transparente, stets nachvollziehbare und damit auch effektivere Wissenschaft. Die Mitglieder können auf Research-Gate Fragen stellen, Probleme und Kritik äußern, Debatten führen und unkompliziert zu internationaler und interdisziplinärer Zusammenarbeit finden. Das macht das Netzwerk besonders für den wissenschaftlichen Nachwuchs interessant.

Neue Verbindungen

Dragan Djordjevic ist einer, der auf Research-Gate Kooperation und neue Chancen fand. Seine Geschichte ist auf der Plattform nachzulesen: Der technische Designer und Verkehrsingenieur aus Serbien machte auf der Plattform die eigenen Forschungen im Rahmen seiner Doktorarbeit publik. Darin beschäftigt er sich mit der Verbesserung des öffentlichen Schienenverkehrs für die zunehmend mobile Gesellschaft in seiner Heimat. Sein Problem: Für ältere, alte und behinderte Menschen – beinahe ein Viertel der serbischen Bevölkerung – ist der Zugang zum öffentlichen Transportwesen erschwert. In den Bahnhöfen mangelt es an Fahrstühlen und Orientierungshinweisen, in den Zügen an alten- und behindertengerechter Ausstattung.

Eine Infrastruktur zu entwerfen und zu gestalten, die einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft gerecht wird, ist ein Problem, das zahlreiche Länder teilen. Viel Forschung gebe es dazu noch nicht, sagt Djordjevic. Er suchte daher auf Research-Gate unter den sechs Millionen Nutzern weltweit nach jemandem, der seine Fragestellungen teilt – und wurde in Indien fündig. Umesh Rai vom Zentrum für Elektronik-Design und Technologie am Indian Institute of Science in Bangalore interessierte das Thema. Nach einem inspirierenden Austausch bat er den serbischen Kollegen, ein Kapitel zu diesem Thema für seine neue Publikation zu verfassen.

Debatten über Fehler und Fortschritte

Die fruchtbare Verbindung, die zwischen den beiden Wissenschaftlern über Research-Gate entstanden ist, ist nur eine von tausenden Geschichten über Austausch und Zusammenarbeit, die sich über die Plattform täglich ergeben. Alle Wissenschaftler, die über die E-Mail-Adresse einer Forschungsinstitution verfügen, können sich bei Research-Gate anmelden, um dort auf ihre Arbeiten aufmerksam zu machen oder nach Inspiration und Forschungspartnern zu suchen. Research-Gate sorgt dafür, dass sie sich entlang ihrer Profile und über alle Fachgrenzen hinweg finden. Etwa zwei Millionen Publikationen werden derzeit monatlich von Wissenschaftlern im Netzwerk hochgeladen. Sobald eine Arbeit online steht, können interessierte Mitglieder über die Veröffentlichung und über alle Fragen, Fehler oder Fortschritte, die sich daraus ergeben, diskutieren.

Mehr Transparenz

„Open Review“ heißt das Angebot auf der Plattform, mit der die klassische Praxis des Peer-Review, die Begutachtung durch Kollegen vor einer Veröffentlichung in einem wissenschaftlichen Journal, eines Tages vielleicht sogar abgelöst werden könnte. Es sei doch viel effektiver und vor allem transparenter, wenn kompetente Kollegen weltweit nach einer Veröffentlichung die Ergebnisse kritisch sichten und kommentieren würden, sagt Ijad Madisch. Dafür gibt es seit 2015 auf der Plattform ein neues Format, mit dem langfristig das PDF abgelöst werden soll: das Research-Gate Format oder kurz RGF. Eine wissenschaftliche Publikation im RGF ist nicht hermetisch geschlossen. Theoretisch können alle sechs Millionen Nutzer erkennbar den Inhalt kommentieren, kritisieren und diskutieren.

Prominentestes Beispiel für diese neue Art der Begutachtung war der Fall einer japanischen Studie, in der 2014 die Erzeugung von Stammzellen behauptet wurde. Die wissenschaftliche Community auf Research-Gate hatte versucht, den beschriebenen Prozess nachzuvollziehen, jedoch ohne Erfolg. Das Magazin Nature musste den Artikel zurückziehen, als die Geschichte als Betrug aufflog – nicht zuletzt aufgrund der Debatte, die Kenneth Ka-Ho Lee, Stammzellenforscher in Hongkong, auf Research-Gate über die Studie angestoßen hatte.