Internationaler Forschungsnachwuchs Viele Wege führen zur Promotion

Für Nachwuchsforscher aus dem Ausland ist Deutschland ein attraktiver Standort
Für Nachwuchsforscher aus dem Ausland ist Deutschland ein attraktiver Standort | Foto (Ausschnitt): © SolisImages/Fotolia

Tür an Tür forschen mit Nobelpreisträgern – das ist an einigen Einrichtungen in Deutschland möglich. Für internationale Nachwuchswissenschaftler ist Deutschland zudem wegen der guten Infrastruktur und der exzellenten Betreuung ein attraktiver Forschungsstandort. 

Wer würde nicht staunen, wenn in der Kantine gleich zwei Nobelpreisträger mit in der Warteschlange stehen? Neurowissenschaftler Myroslav Gebura hat sich inzwischen daran gewöhnt. Wenn der Doktorand zum Essen geht, begegnen ihm nicht selten die Professoren und Nobelpreisträger Stefan Hell und Erwin Neher, die beide am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen forschen. Ein inspirierendes Umfeld für den jungen Ukrainer Myroslav Gebura, der am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie promoviert. Zudem ist er Mitglied der Göttinger Graduiertenschule für Neurowissenschaften, Biophysik und Molekulare Biowissenschaften (GGNB). Die Schule basiert auf einer gemeinsamen Initiative der Universität Göttingen, den drei Max-Planck-Instituten am Hochschulstandort und dem Deutschen Primatenzentrum. Der Doktorand schätzt die gute Betreuung an der Graduiertenschule. Es gebe viele Seminare zu wissenschaftlichen und methodischen Themen. Mit seiner Forschungsarbeit werde er nicht allein gelassen, sondern in vielem sehr gut gecoacht. „Das Labor, in dem ich forsche, ist in meiner Disziplin eines der besten der Welt“, betont der 26-Jährige. „Es ist Ursprung zahlreicher Innovationen, die weltweit Aufsehen erregten.“

Ein attraktiver Forschungsstandort

Die Reputation einer Hochschule, die Expertise der Mitarbeiter am Institut und eine attraktive Forschungsinfrastruktur – es sind vor allem standortspezifische Faktoren, die bei der Entscheidung für den Wissenschaftsstandort Deutschland den Ausschlag geben. Die Zahl internationaler Nachwuchswissenschaftler, die als Doktoranden, Postdocs oder für einen Gastaufenthalt nach Deutschland kommen, steigt seit vielen Jahren. Das zeigt die von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Auftrag gegebene Studie zu Motivationen Internationaler Nachwuchswissenschaftler an deutschen Hochschulen (MIND). Mehr als 40.000 Wissenschaftler und Künstler waren 2014 an deutschen Hochschulen angestellt. Dazu zählen auch Doktoranden, die in der Regel an einem Institut beschäftigt sind und zwischen 1.100 und 1.400 Euro im Monat verdienen. Für den Unterhalt ist damit auf jeden Fall gesorgt. „Über meine finanzielle Situation muss ich mir keine Gedanken machen und kann mich ganz auf die Forschung konzentrieren“, stellt Myroslav Gebura zufrieden fest. 

Der Geograf Prosper Evadzi aus Ghana hat sein Büro im Helmholtz-Zentrum Geesthacht – Zentrum für Material- und Küstenforschung. Dort untersucht er die Auswirkungen des Klimawandels auf die Küstengebiete von Ghana. Der dreifache Familienvater schätzt vor allem die enge, interdisziplinäre Zusammenarbeit. „Alle hier arbeiten zu ähnlichen Themen, wenn auch zu unterschiedlichen Schwerpunkten“, erzählt der Doktorand. „Es ist eigentlich immer jemand da, den ich ansprechen und mit dem ich ein Problem diskutieren kann.“ Ebenso wie Myroslav Gebura besucht auch der Ghanaer eine Graduiertenschule. Die internationale School of Integrated Climate System Sciences (SICSS) ist Teil eines Exzellenzclusters, in dem Wissenschaftler führender Forschungseinrichtungen Klimasystemwissenschaften wie Meteorologie, Ozeanographie und Biogeochemie in einem Ausbildungsgang verbinden.

Verschiedene Wege führen zur Promotion

Strukturierte Doktorandenprogramme, die dem angelsächsischen PhD-System ähneln, erhalten in Deutschland ein immer stärkeres Gewicht. Aktuell fördert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) 45 internationale Graduiertenschulen, in denen Forscherteams fakultätsübergreifend an einer übergeordneten Fragestellung arbeiten. Der Blick über den Tellerrand ist hier Programm, denn der Austausch zwischen Wissenschaftlern benachbarter Fächer ist intensiv. Teilnehmer werden in ein Team integriert, in dem sie regelmäßig ihre Ergebnisse präsentieren. Das schafft deutlich mehr Struktur als die sogenannte Individualpromotion, die in Deutschland eine lange Tradition hat. Doktoranden suchen sich einen Hochschullehrer als Betreuer, den sogenannten „Doktorvater“ oder die „Doktormutter“, und arbeiten eigenständig an ihrer Dissertation. Das erfordert ein hohes Maß an Eigeninitiative und Disziplin. Dafür haben die Doktoranden viel Freiraum und können selbst wählen, wo sie forschen wollen – an einer Universität, an einer außeruniversitären Forschungseinrichtung oder in der Industrie.

Einblicke in Theorie und Praxis

Die Ingenieurin Rim Zerriaa aus Tunesien hat sich für das duale Doktorandenprogramm an der Graduate School of Excellence advanced Manufacturing Engineering (GSaME) der Universität Stuttgart entschieden. Es verbindet die wissenschaftliche Forschung mit Praxisphasen in der Industrie. „Dieses Konzept ist für Maschinenbauingenieure optimal: Ich erhalte einen detaillierten Einblick in Forschung und Industrie. Vier Jahre lang habe ich Zeit, mein Forschungsthema aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu verfolgen. Mir gefällt auch, dass ich mir selbst aussuchen kann, wann genau ich am Institut oder im Unternehmen forsche“, betont die 30-Jährige.
 
Die Mitarbeit in einem Unternehmen könnte auch im Hinblick auf einen ganz anderen Aspekt von Vorteil sein: In der Wissenschaft, speziell in internationalen Forscherteams, wird überwiegend Englisch gesprochen. Vielen jungen Forschern fehlt es daher an Gelegenheit, ihre Deutschkenntnisse im täglichen Umgang mit Kollegen zu verbessern. In Unternehmen dagegen gibt es deutlich mehr Berührungspunkte mit der deutschen Sprache. Hier stehen Forscher oft mit den unterschiedlichsten Abteilungen und Mitarbeitern in Kontakt – in vielen Fällen auf Deutsch. Für die wissenschaftliche Karriere in Deutschland ist das von Vorteil, wie die MIND-Umfrage unter internationalen Wissenschaftlern sehr deutlich zeigt.