Erasmus-Jubiläum Europa erleben

Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin und Professorin aus Frankreich, lebt in Berlin. 1993 mit Erasmus-Stipendium an der Humboldt-Universität zu Berlin
Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin und Professorin aus Frankreich, lebt in Berlin. 1993 mit Erasmus-Stipendium an der Humboldt-Universität zu Berlin | Foto (Ausschnitt): © David Ausserhofer

Vorurteile abbauen, Fremdsprachen lernen, die Perspektive wechseln: All das geht am besten im Ausland. Das Erasmus-Programm fördert seit 1987 den Austausch von Studierenden – feiert 2017 also seinen 30. Jahrestag. Sieben aktuelle und ehemalige Teilnehmer berichten von ihren Erfahrungen. Und erzählen, was Europa für sie bedeutet.

Erasmus feiert 2017 seinen 30. Geburtstag: Mit dem 1987 ins Leben gerufenen Austauschprogramm waren bisher mehr als drei Millionen Studierende in Europa unterwegs – 1,3 Millionen von ihnen aus Deutschland. Das Programm hat inzwischen mehr als eine Generation von Europäerinnen und Europäern geprägt. Im Lauf der Jahre ist das Angebot auf Auszubildende und Schüler, auf Erwachsenenbildung und Jugendarbeit ausgeweitet worden. Seit 2014 läuft das gemeinsame EU-Programm für Bildung, Jugend und Sport unter dem Namen „Erasmus+“.
 
Sieben aktuelle und ehemalige Stipendiaten erzählen auf goethe.de von ihren Erfahrungen – und davon, was Europa für sie bedeutet.
 

  • Johannes Trommer, Politikwissenschaftler aus Jena. 2008/09 Erasmus-Stipendium an der Universität Padua, Italien © Markus Lutter
    Johannes Trommer, Politikwissenschaftler aus Jena. 2008/09 Erasmus-Stipendium an der Universität Padua, Italien

    „Wenn man Politik studiert, beschäftigt man sich täglich mit anderen Ländern – mit Gemeinsamkeiten und Unterschieden und ihrem Verhältnis untereinander. Da muss man wissen, wovon man redet, indem man Lebenserfahrung in anderen Ländern sammelt. Ich habe meine Bachelor-Arbeit dem Thema gewidmet, ob Erfahrung im Ausland die Haltung zu Europa verändert oder nicht. Interessantes Ergebnis war, dass die Menschen, die zum Beispiel mit Erasmus ins Ausland gehen, bereits pro-europäisch eingestellt sind. Damit wir uns alle als Europäer verstehen, sollten immer mehr Menschen diese Chance bekommen. Ich engagiere mich deshalb im Erasmus Student Network (ESN) als Betreuer für Erasmus-Studenten in Deutschland.“
  • Kathrin Pietz, angehende Lehrerin aus Münster. 2013 Bachelor-Semester mit Erasmus-Stipendium in Spanien an der Universidad de Cádiz © privat
    Kathrin Pietz, angehende Lehrerin aus Münster. 2013 Bachelor-Semester mit Erasmus-Stipendium in Spanien an der Universidad de Cádiz

    „Erasmus ist eine wunderbare Bereicherung für jeden. Ich habe in Spanien täglich erlebt, wie im Kontakt miteinander Vorurteile und Klischees abgebaut wurden. Man korrigiert ganz selbstverständlich die eigene Perspektive. Die spanische Gesellschaft erlebte ich als sehr offen, sozial, optimistisch und kontaktfreudig. Eines Tages möchte ich als Lehrerin im Klassenzimmer täglich ein lebendiges Europa gestalten.“
  • Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin und Professorin aus Frankreich, lebt in Berlin. 1993 mit Erasmus-Stipendium an der Humboldt-Universität zu Berlin © David Ausserhofer
    Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin und Professorin aus Frankreich, lebt in Berlin. 1993 mit Erasmus-Stipendium an der Humboldt-Universität zu Berlin

    „Erasmus in Berlin hat mein Leben verändert. Ich wollte nicht mehr zurück nach Paris. In Berlin vollzog sich zu dieser Zeit Weltgeschichte. Ich beendete mein Studium in Paris, kehrte zurück und lebe und lehre heute in Berlin. Wissenschaftlich beschäftige ich mich zum Beispiel mit deutsch-französischem Kulturtransfer und global zirkulierender Kunst – an Europa und der Welt kommt man da nicht vorbei. Meinen Studierenden lege ich in jedem Fall nahe, mit Erasmus in die Welt zu ziehen! Gerade in Zeiten unerträglicher Re-Nationalisierung muss Europa nicht nur als Idee, sondern als physischer Raum, den man mit dem (bewegten) Körper erfährt, wahrgenommen und lieb gewonnen werden. Genau das macht Erasmus möglich.“
  • Oliver Guist, Maschinenbauer aus Frankfurt am Main. 2014 Master-Semester mit Erasmus-Stipendium in Frankreich an der Ecole Central de Nantes © privat
    Oliver Guist, Maschinenbauer aus Frankfurt am Main. 2014 Master-Semester mit Erasmus-Stipendium in Frankreich an der Ecole Central de Nantes

    „Mein Erasmus-Austausch hat mein Interesse für die Belange und Interessen der Europäischen Union, aber auch von Frankreich geweckt. Ich bin überzeugt, dass wir mehr Europa und nicht stärkere Nationalstaaten brauchen. Die EU als Gesamtkonzept hat in den letzten Jahrzehnten für Stabilität und Frieden gesorgt und ich kann und will nicht verstehen, warum Menschen sich vor ‚Überfremdung‘ fürchten. Vielleicht hatten diese Menschen nie das Privileg, zu reisen oder eine andere Sprache zu lernen und fürchten sich deshalb vor dem Unbekannten. Erasmus sorgt dafür, den Erfahrungsaustausch zwischen Ländern zu verbessern.“
  • Mathilde Baty, Soziologin aus Frankreich. 2017 „Erasmus+“-Stipendium an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder © privat
    Mathilde Baty, Soziologin aus Frankreich. 2017 „Erasmus+“-Stipendium an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder

    „Ich bin ein Europa-Kind. Geboren wurde ich in Frankreich, meine Mutter ist Deutsche. Schon als Kind bin ich durch Europa gereist. Die dabei erlebte Vielfalt von Kulturen, Geschichten und Blickwinkeln bietet viel mehr als der französische Blick auf Europa. Mit Erasmus bin ich nun schon zum zweiten Mal unterwegs: Während meines Bachelor-Studiums war ich in Polen, für meinen Master bin ich nun in Deutschland. Erasmus bietet eine andere Lebenserfahrung im Ausland. In den Erasmus-Wohngemeinschaften lernt man eine starke internationale Gruppe von Europäern kennen, mit viel Solidarität untereinander. Das ist wichtig, aber man muss auch raus ins Gastland, um wirklich Kontakt zu bekommen, die Sprache zu lernen und das Land nicht nur durch die Erasmus-Brille kennenzulernen.“
  • Alexandra Bronnhuber, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der freien Wirtschaft, lebt in Augsburg. 2002 Erasmus-Stipendium an der Universität Bradford, Großbritannien © privat
    Alexandra Bronnhuber, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der freien Wirtschaft, lebt in Augsburg. 2002 Erasmus-Stipendium an der Universität Bradford, Großbritannien

    „Meine Mutter kommt aus Ungarn und so war ich nie ,nur Deutsche‘. Ich hatte früh ein weltoffenes Bild, bin mit 18 Jahren von zu Hause ausgezogen und wollte schnell raus ins Ausland. Diese Erfahrung schadet keinem, im Gegenteil. Während meines Studiums der Sozialwissenschaften bin ich mit Erasmus zwei Semester nach Großbritannien gegangen, habe dort aber Business und Management studiert. Mit den europäischen Austauschstudenten habe ich sehr viele Gemeinsamkeiten gefunden – das war eine wichtige Erkenntnis. Denn: Europa muss sein.“
  • Friederike Bischoff, Pianistin aus Deutschland, lebt in Tromsø. 1995 Erasmus-Stipendium am Musikkonservatorium Høgskolen in Tromsø, Norwegen © Yngve Olsen Sæbbe
    Friederike Bischoff, Pianistin aus Deutschland, lebt in Tromsø. 1995 Erasmus-Stipendium am Musikkonservatorium Høgskolen in Tromsø, Norwegen

    „In der Musik gibt es keine Grenzen. Trotzdem bin ich dankbar, dass mein deutscher Klavier-Professor das Erasmus-Netzwerk einst für die Musikhochschule Trossingen initiiert hat. So ging ich nach dem Vordiplom mit Erasmus für ein Jahr nach Tromsø. Das schien mir derart am Ende der Welt gelegen, da musste ich hin! Von hier aus ändert sich die europäische Perspektive. Wenn sie nach Süden fliegen, sagen die Norweger inoffiziell: Wir reisen nach Europa. Das Aushandeln von skandinavischer und europäischer Identität sowie die Einschätzung von Europapolitik sind hier sehr spannend zu erleben. Die Menschen sind offen und interessiert, die Bedingungen an der Universität sind phantastisch, die extreme Landschaft phänomenal – kurz: Ich bin nach dem Hochschulabschluss zurückgekehrt und lehre und lebe heute mit Mann und Kindern in Tromsø.“