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Zukunft des Lernens
„Die Digitalisierung macht uns zu Mehr-Leser*innen“

Die Fähigkeit, komplexe und lange Texte zu erfassen, geht nicht durch Youtube und TikTok verloren.
Die Fähigkeit, komplexe und lange Texte zu erfassen, geht nicht durch Youtube und TikTok verloren. | Foto (Detail): © Adobe

Wie beeinflusst die Digitalisierung die kognitiven Fähigkeiten? Lese-Forscher Gerhard Lauer über das Lernen im digitalen Zeitalter, über kreatives Lesen und weshalb lange Bücher im Trend sind.
 

Von Johannes Zeller

Herr Lauer, als Professor für Buchwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz erforschen Sie das menschliche Lesen und Lernen. Die Forschung zeigt, dass junge Menschen – entgegen der gängigen Meinung – heute mehr lesen als früher. Wie lässt sich das erklären?

Junge Menschen müssen mehr denn je lernen, in ganz unterschiedlichen Kontexten zu lesen. In der Regel sind sie zudem neugieriger als ältere Menschen. Dazu kommt die heutige Auswahl an medialen Formaten, die zu kennen und zu nutzen gelernt sein will. Junge Menschen lesen auch mehr lange Bücher. Gerade populäre Titel wie Game of Thrones sind besonders umfangreich.

Laufen wir in unserer Welt der Memes und 280-Zeichen-Tweets also nicht Gefahr zu verlernen, längere Texte sinnerfassend zu lesen?

Nein. Moderne Gesellschaften werden immer komplexer und erfordern daher das Verstehen von immer komplexeren Prozessen. Das führt auch dazu, dass wir es mit längeren Texten zu tun haben. Dazu gibt es Studien – zum Beispiel sind die Erfolgstitel beim Booker Prize in den letzten 20 Jahren immer länger geworden. Kreative Leser*innen wechseln heute sehr schnell zwischen dem Lesen eines Memes und einem langen Format. Im Einzelnen gibt es natürlich große Unterschiede. 10 bis 15 Prozent der Jüngeren lesen so gut wie gar nicht und sind funktionale Analphabet*innen. Doch generell macht uns das digitale Zeitalter – anders als das Fernseh-Zeitalter – zu Mehr-Leser*innen. Auch die Zahl der Menschen, die Sprache kreativ einsetzen, war noch nie so hoch wie heute.

Künftige Generationen müssen also lernen, mit immer längeren und komplexeren Texten umzugehen?

Es geht nicht nur um die Länge der Texte, sondern auch darum, was wir als „metakognitive Befähigung zum Lesen“ bezeichnen. Wenn wir eine neue Fähigkeit erlernen wollen, dann können wir abwägen, ob wir uns dazu zum Beispiel ein Youtube-Video ansehen oder ein anderes Medium nutzen. Dieses Abwägen setzt hochkomplexe kognitive Prozesse voraus. Das ist ein Grund dafür, warum Intelligenz in den Industrienationen zunimmt. Moderne Gesellschaften erfordern gute Leser*innen, die auch einen Wechsel des Lesemodus rasch vollziehen können.

Auch das Social Reading – also der Austausch mit anderen Leser*innen – ist bei der jungen Generation populär.

Leseclubs gibt es ja schon länger, aber die Größenordnung, die Social Reading heute erreicht hat, ist historisch einmalig. Auf BookTok folgen heute einzelnen Themen Milliarden von Menschen. Es entsteht ein Weltpublikum, und man teilt Sprache in einem nie dagewesenen Maßstab über alle Grenzen hinweg. Leser*innen reflektieren die Bücher in vieler Hinsicht – zum Beispiel ästhetisch, aber oft auch in Bezug auf ihr eigenes Leben. Im Social Reading wird diese Reflektion mit anderen geteilt und diskutiert. Auf diesem Gerüst verbessert sich das eigene Lesen und Schreiben. Die Generation Z hat in der Tat die besten Aussichten, die klügsten Leser*innen und Lerner*innen zu werden, die es je gegeben hat. Wenn die digitale Bücherwelt in die analoge übergeht: Millionen von Leser*innen besprechen Bücher auf TikTok. Deren Empfehlungen landen dann wiederum auf den Büchertischen der Buchhandlungen. Wenn die digitale Bücherwelt in die analoge übergeht: Millionen von Leser*innen besprechen Bücher auf TikTok. Deren Empfehlungen landen dann wiederum auf den Büchertischen der Buchhandlungen. | Foto (Detail): ©picture alliance/AP/Tali Arbel

Das Internet ist die Schule der Welt.

Die Digitalisierung hat somit einen stark positiven Einfluss auf die menschliche Sprach- und Lernfähigkeit?

Das Internet ist die Schule der Welt – und das ist keine Übertreibung. Sie können zu jedem erdenklichen Thema etwas lernen. Zum Beispiel haben noch nie so viele Menschen Sprachen gelernt wie heute. In der Öffentlichkeit beschäftigen wir uns mehr damit, dass man im Internet auch Hass lernen kann. Dabei sollten wir vielleicht öfters darüber reden, wie viele Menschen im Internet eine neue Sprache, Tanz- oder Elektrotechnik, oder was auch immer lernen.

Verlieren wir auch etwas durch die Digitalisierung? Zum Beispiel kann kaum noch jemand eine Straßenkarte lesen, seit alle ein Navigationsgerät am Handy haben. Was bedeutet das für unsere kognitiven Fähigkeiten?

Schon Plato hat kritisiert, dass die Einführung der Schrift dazu führen würde, dass die Menschen verlernen, sich Dinge zu merken. Tatsächlich können die meisten von uns nicht mehr so gut Spurenlesen wie ein Jäger und Sammler vor Tausenden von Jahren. Mit neuer Technologie verlernen wir zwar etwas, das heißt aber nicht, dass wir die Fähigkeit dazu verlieren. Wir könnten sie aktivieren, wenn wir sie bräuchten. Zum Beispiel müssen Sie sich heute auch keine Telefonnummern mehr merken, weil Sie diese eingespeichert haben. Aber Sie haben deswegen nicht die grundsätzliche Fähigkeit verloren, sich etwas zu merken. Die Frage ist also, was wir verlieren, das wir brauchen würden, um uns in der modernen Gesellschaft zurechtzufinden. Da wäre zum Beispiel die Fähigkeit, soziale Signale zu lesen. Aber auch hier gibt es eine gegenteilige Entwicklung: Die soziale Welt ist eher komplexer und offener geworden, und das verlangt, diese Fähigkeiten zu kultivieren. Nein, die Digitalisierung treibt uns weder vom Buch weg, noch macht sie uns dümmer. Nein, die Digitalisierung treibt uns weder vom Buch weg, noch macht sie uns dümmer. | Foto (Detail): © Adobe Digitales Lernen wird auch für Schulen immer relevanter. Bleibt im „Klassenzimmer der Zukunft“ noch Raum für die soziale Komponente?

Ein rein selbstgetriebenes Lernen gibt es nicht. Wir lernen immer deswegen, weil andere unsere Aufmerksamkeit auf etwas richten. Von anderen zu lernen, was lernenswert ist, ist ein menschlicher Grundmechanismus. Die Person der Lehrer*innen wird also nicht verschwinden. Wir werden vielleicht Assistenzsysteme mit künstlicher Intelligenz im Unterricht nutzen, die unseren Lernfortschritt individualisierter unterstützen können, zum Beispiel indem sie uns bei der Fehlerkorrektur sehr präzise Rückmeldung geben. Auch konzentrationsfördernde Systeme, die mit Belohnungen oder Gamification arbeiten, unterstützen das Lernen. Doch die soziale Komponente wird weiterhin eine Rolle spielen.

Auf Ihrer Website veröffentlichen Sie einen „Lebenslauf des Scheiterns“. Welche Rolle spielt das Scheitern für das Lernen?

Die Chance, aus Fehlern zu lernen, macht uns eigentlich erst zu klugen Lerner*innen. Deshalb sollten wir eine Lernkultur haben, die Fehler positiv sieht. Das scheint mir hilfreich zu sein, um stets neugierig zu bleiben. Und diese lebenslange Neugierde, die wir kultivieren können, ist ja gerade, was den Menschen so besonders macht.

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